Newsletter IV/2012 (Was man mit Sempervivum alles anstellen kann)

Liebe Papagena, hallo Papageno!

Wusstest du, dass die Hauswurzen zu denjenigen Stauden gehören, die Sammeltriebe entfachen können? Ein paar Rosetten dieser liebenswerten und anspruchslosen Gesellen inspirierten bekannte Gärtnerpersönlichkeiten wie Fritz Köhlein, Wilhelm Schacht und andere, infizierten sie mit dem allseits berüchtigtem Staudenvirus. Auf botanisch nennt man sie Sempervivum, die Immerlebenden. Seit alters her dienen sie uns als Heilpflanze, aber auch um Blitz und Donner von Gehöften fernzuhalten, daher auch ihr zweiter deutscher Name Donarwurz.

Was aber fasziniert uns so an den Hauswurzen? Deren Beliebtheit ist ungebrochen, sie gehören immer noch zu unseren Verkaufsschlagern und bei uns geht kaum eine Kundschaft ohne eine Hauswurz aus der Gärtnerei. Ist es die Vielgestaltigkeit der unterschiedlichen Sorten oder deren immense Verwendungsmöglichkeit? Mit Sicherheit aber kannst du davon ausgehen, dass es im gesamten Staudenreich kaum eine Pflanze gibt, welche so anspruchslos ist. Genug der Lobeshymnen? Nein, noch etwas! Man kann mit Sempervivum sogar Kinder begeistern und auf diese Weise Verständnis für Natur und Pflanzen wecken. Jedes Kind bekommt von uns einen Hauswurztopf in die Hand gedrückt, mit der Auflage, diesen selbst und ohne Hilfe der Eltern zuhause einzupflanzen. Vielleicht tragen wir auf diese Weise ein wenig dazu bei, den Gärtnervirus für kommende Generationen zu verbreiten.

Hauswurzen im Alpengarten Bad Aussee

Hauswurzen im Alpengarten Bad Aussee

Wir müssen allerdings unser Sortiment ständig „up to date“ halten. Niemandem ist damit gedient, wenn Hunderte Sorten über Jahrzehnte gehätschelt werden, ohne Neuaufnahmen, ohne einer erfrischenden Dynamik im Sortiment. Hier ist Nostalgie fehl am Platze, dazu bist vielleicht du als Sammler und künftiger Spezialist zuständig. Wir sind hingegen ein Wirtschaftsunternehmen, bestrebt und verdonnert dazu, ständig etwas Neues zu bieten. So helfen mir Freunde wie Volkmar Schara und andere, mit ihren spannenden Neuzüchtungen unser Sortiment über längeren Zeitraum attraktiv zu halten. Sie haben sich ausschließlich der Sempervivumzucht verschrieben und selektieren jedes Jahr Neuheiten auf diesem Gebiet. So wird unser Sempervivum-Sortiment alle zwei Jahr einer kritischen Prüfung unterzogen, wo in der Vergangenheit Gutes durch Besseres ersetzt werden.

Wir unterscheiden etwa 40 Wildarten, die in den Gebirgen von Marokko über Süd-Europa bis zum Kaukasus vorkommen. Eigentlich nicht viel, wenn man bedenkt, dass aus noch viel weniger Arten mehr als 4.000 Sorten entstanden!

Hier siehst du eine Ansammlung von Hauswurzen im Alpengarten Bad Aussee in der Obersteiermark. Wenn die Etiketten nicht zu sehen wären, würde man glauben, die Situation befände sich im Gebirge, so natürlich schmiegen sich diese an ihre steinige Umgebung.

Sempervivum ciliosum

Sempervivum ciliosum

Sempervivum arachnoideum

Sempervivum arachnoideum

Wie vielgestaltig Hauswurzen sein können, erkennst du unschwer an den beiden seitlichen Bildern. Hauswurzen unterscheiden sich nicht nur in ihrer Rosettengröße, sondern insbesondere auch durch ihre Behaarung. So finden wir weißfilzige Arten wie Sempervivum ciliosum vom Balkan oder die Spinnwebhauswurz Sempervivum arachnoideum, welche extrem kleinrosettig sind. Einige Sorten können Rosettendurchmesser von mindestens 30 cm erreichen. Auch die Farben differieren außerordentlich. Olivgrüne Sorten kontrastieren mit schwarzroten um die Wette, ganz leuchtend gelbe Sorten sind eher selten, hingegen existieren einige Hundert Rottöne. Am schönsten wirken Hauswurzen, wenn Sorten unterschiedlicher Coleure ineinander wachsen und so für ein lebendiges Bild im Garten sorgen.

In der Gärtnerei fragen uns die Kunden öfters, wie und in welcher Farbe die einzelnen Sorten blühen. So hübsch die Hauswurzblüte im Detail auch ist, die eigentliche Zierde liegt doch eher in ihrer Rosette. Und hier wechseln die Farben bei manchen Sorten je nach Jahreszeit geradezu unglaublich! Dies hängt auch ganz entscheidend von der Erdmischung und dem Nährstoffgehalt ab. Während viele der Wildarten eher magere, nährstoffarme Böden bevorzugen, damit sie ihre typische Behaarung und Ausfärbung der Rosetten zum Ausdruck bringen, erfreuen sich die Hybriden doch schon öfters über eine Düngergabe, bei gleichzeitig trockenem und vollsonnigem Standort. Wenn wir also die typische Färbung einer Hybride über Jahre erhalten möchten, so sollten diese entweder spätestens alle anderthalb Jahre umgetopft, verpflanzt, oder ihnen Dünger zugeführt werden.

Sempervivum "Orange Glow"

Einige der Neuheiten weisen eine ungewöhnliche Rosettenfarbe auf, hier 'Orange Glow'

 Die Schönheit der Hauswurzblüte offenbart sich erst aus der Nähe!

Die Schönheit der Hauswurzblüte offenbart sich erst aus der Nähe!

Manche der neueren Sorten wechseln ihr Farbenspiel von Monat zu Monat. Sorten wie ‘Killer‘ oder ‘Night Raven‘ sind im April nahezu schwarz, doch schon bis zum Sommer verändern sie sich in Richtung Grün. Und wenn du ein wenig experimentierst und dieselbe Sorte in unterschiedlichsten Böden oder Topferden ziehst, hast du auch die unterschiedlichsten Ergebnisse. Bei keiner anderen Pflanzengattung kommt dies so zum Ausdruck, höchstens noch bei einigen Kakteenarten. Übrigens gibt es inzwischen sogar Sorten mit leuchtend gelben Rosetten! ‘Cmiral’s Yellow‘ und ‘Goldsternchen‘ sind zwei solche. Sie sind wie alle ungewöhnlichen Sorten ständig ausverkauft. Eine meiner Lieblingssorten ist ‘Lucy Liu‘, deren rote Rosetten metallisch glänzen, auch ‘Plastic‘ ist ähnlich spektakulär, aber grün.

Sempervivum lieben einen sonnigen Standort bei trockener Kultur, das schrieb ich schon. Ich kenne Liebhaber, die sammeln Hauswurz-Sorten und stellen sie in größeren Tontöpfen an ihre Hauswand, andere pflanzen mit diesen ihren Steingarten voll, wieder andere schmücken ihr Garagendach oder ihre Müllcontainerbox mit Hauswurzen. Du kannst selbst alte Stühle oder Bratpfannen damit ausstaffieren. Selbst zerbrochene Tontöpfe musst du nicht gleich wegschmeißen! Nirgendwo kannst du so viel „Liebe zum Detail“ schaffen, wie die folgenden Bilder zeigen!

Die Vielfalt unseres Hauswurzsortimentes

Die Vielfalt unseres Hauswurzsortimentes

Kaputte Tonscherben, einmal aufgefädelt!

Kaputte Tonscherben, einmal aufgefädelt!

Bahnschwelle mit Sempervivum und Delosperma

Bahnschwelle mit Sempervivum und Delosperma

Sempervivum auf Ziegeln,…

Sempervivum auf Ziegeln,…

…in Tontöpfen und selbst in Keramik-Bilderrahmen.

…in Tontöpfen und selbst in Keramik-Bilderrahmen.

Und dann möchte ich dich noch auf einen kleinen Unterschied aufmerksam machen. Du siehst unten im Bild ein sukkulentes Gewächs, das einer Hauswurz täuschend ähnlich sieht, aber eigentlich doch keine ist. Es handelt sich hierbei um den Jupiterbart (Jovibarba heuffelii). Auch hier sind etliche Züchtungen vorhanden, deren Zierde in der Rosettenform und -farbe zu finden ist.

Jupiterbart (Jovibarba heuffelii)

Jupiterbart (Jovibarba heuffelii)

Die Rosette aber bildet nicht Kindel wie bei der Hauswurz, sondern teilt sich in sich selbst. Die Rosetten haben eine dicke, rübenartige Wurzel. Auch der Blütenstand ist anders, nämlich wesentlich dichter.

Wir haben dieses Jahr leider extreme Winterschäden zu verzeichnen! Erst langsam wird uns das volle Ausmaß des sibirisch kalten Februars bewusst. Dabei war es nicht allein der kalte Februar, sondern der vorausgegangene, viel zu milde Januar, der vielen robusten Pflanzen den Garaus machte. Insbesondere die Epimedien, viele Geranium und Corydalis hat es erwischt. Ich hoffe, dass die Natur so gnädig ist und diese enormen Schäden mit der Zeit wieder ausgleicht.

Unsere erste Veranstaltung außerhalb fand an diesem Wochenende im Botanischen Garten Berlin-Dahlem statt. Hier traf sich alles, was Rang und Namen hat. Wir befanden uns mit unserem Stand am südlichen Ausgang „Unter den Eichen“, es ist der letzte Stand auf der rechten Seite. Auch in Österreich existieren Gartentage in einem Botanischen Garten, und zwar im historischen Garten am Rennweg im 3. Bezirk. Dieses Mal werde ich persönlich für dich da sein, nachdem wir Kiekeberg nach 15maligem Dabeisein absagten, um uns intensiver dieser Veranstaltung zuzuwenden.

Hinweisen darf ich dich auch noch auf unser verkaufsoffenes Wochenende, welches wir traditionell immer am letzten Wochenende im April abhalten. Dieses Wochenende ist für uns ein ganz besonderes, da sich nicht nur die Gärtnerei in ihrem schönsten Frühlingskleid präsentiert, sondern der Besucher allerlei Besonderheiten vorfindet. Auch einige mir bekannte Keramikerinnen stellen ihre Produkte aus.

Leider hat Sigurd Lock, ein großer Pflanzenfreund von mir, diese Welt für immer verlassen müssen. Er war zu früheren Zeiten Leiter des Alpengartens Frohnleiten und bis zu seiner Pensionierung Stadtgartendirektor von Linz. In seiner Zeit wurde der Botanische Garten in Linz zu dem, wie er sich heute darstellt, nämlich ein Refugium aus Seltenheiten.

Ich wünsche dir alles Gute!

Dein Staudengärtner Sarastro