Newsletter I/2012 (Wiesenrauten (Thalictrum), Nieswurz, (Helleboren allgemein)

Liebe Annate,

Warum ich dich jetzt mit dem richtigen Namen anspreche? Weil ich jahrelang nach einer passenden Anrede suchte. Feen und Gnome waren anfangs eine Art Notlösung, jetzt verbanne ich sie wieder in die Unterwelt, sie taten mir bis jetzt gute Dienste. Doch mit dem Namen angesprochen zu werden ist doch persönlicher! Wie geht es wohl dir damit? Ich kann mir Gesichter beinahe auf der Stelle merken, lediglich Namen sind für mich leider „Schall und Rauch“. Dies ist eine meiner großen Schwächen, dass ich mir die Namen von langjährigen Kunden erst nach langer Zeit merken kann. Bei Pflanzen ist es umgekehrt, da sitzt der Name relativ schnell im Kopf. Aber hierin ist jedermann anders gestrickt.

Helleborus foetidus ‘Wester Flisk‘

Helleborus foetidus ‘Wester Flisk‘

Heute geht es ums winterliche Träumen, der Vorfreude auf den kommenden Frühling und dem damit verbundenen, langsam wachsenden Licht! Ich schaue immer ganz gebannt auf die zarten Vorboten des kommenden Blühens. Barbarazweige kündigten schon Anfang Dezember die Kraft des neuen Frühlings an. Eine Pflanze, die bei mir die Vorfreude regelrecht anstachelt, ist unsere heimische Nieswurz (Helleborus foetidus). Sie schiebt bereits im November ihre Blütenrispen mit den gelblichen Hüllblättern hervor. Bei uns eroberte sie bereits den ganzen Vorgarten, überall treten Sämlinge auf, besonders in der Kiesabdeckung, in Mauerritzen, in Plattenfugen. Ich bräuchte die Sämlinge nur aufzunehmen und zu topfen!

Habe ich dir eigentlich schon erzählt, dass dies eine der Stauden war, mit der mich frühe Kindheitserinnerungen verbinden? Sie wuchs mitten im dornigen Schlehengebüsch auf kalkreichem Untergrund im Schweizer Jura und auf dem Randen. Jahre später fragte ich mich immer wieder, warum solch auffälligen Winterstauden allzu lange keinen nennenswerten Platz in der Gartengestaltung fanden. Erst viel später wurde Helleborus foetidus in unseren Gärten ein Thema, offenbar, weil sie in England wesentlich häufiger in den Gärten zu sehen war und erst dann fand man sie auch bei uns en vogue. Ihr gutes Bild im Garten währt tatsächlich fast ein halbes Jahr!

Gleditsia triacanthos ‘Sunburst‘

Gleditsia triacanthos ‘Sunburst‘

Und ich freue mich auch schon wieder auf den leuchtenden, zartgelben Austrieb des Christusdorns (Gleditsia triacanthos ‘Sunburst‘). Dieses strahlende Gelb der jungen Blätter dominiert eine kurze Zeit unglaublich, um bald darauf zu vergrünen. Sollte für den Rest des Sommers diesem Baum mit einer Clematis zu einem zweiten Höhepunkt verholfen werden? Nein, denn sonst würde ja dessen Leuchtkraft nur geschmälert werden.

Sanguinaria canadensis ‘Multiplex‘

Sanguinaria canadensis ‘Multiplex‘

Nicht weit weg von der Gleditschie, gleich um die Ecke, da steht doch tatsächlich ein Staudenjuwel allerersten Ranges. Diese Staude hat es in sich und ich liebe sie heiß und innig, seit ich sie kenne! Fast über Nacht erscheinen die strahlend weißen Blüten der Kanadischen Blutwurz (Sanguinaria canadensis). In ihrer Heimat im östlichen Nordamerika wussten verschiedene Indianerstämme über ihre Heilkraft, geheimnisvoll ist insbesondere auch der blutrote Saft, der dieser Waldstaude zu ihrem Namen verhalf. Ältere Horste sind zur Blütezeit wahrlich eine ganz besondere Pracht und ein echtes Gartenerlebnis! Neben der einfachblühenden Form existieren auch sehr seltene, rosafarbene Typen, sowie die bekannte, tief gefüllte Blutwurz, einer der Klassiker unter den Schattenstaudenraritäten. Von den einfachblühenden existieren sehr großblumige Typen, einen davon bekam ich von einem Freund mit der Bitte, ihn zu benennen. Die weißen Blüten strahlen wie große Sterne im Halbdunkel, da lag es nahe, diese Sorte nach einem Stern zu benennen: ‘Antares‘.

Falls du noch keine Blutwurz dein Eigen nennst, dann suche zuerst nach einem geeigneten Pflanzplatz im Garten, möglichst tiefgründiger, nährstoffreicher, leicht säuerlich reagierender Humusboden, sie verträgt absolut keinen durchwurzelten Bereich von Gehölzen, da tut sie sich äußerst schwer! Der einfachblühenden, gewöhnlichen Art sagt man nach, dass sie schwierig sei, zu fotografieren, denn sie verblühe äußerst schnell. So schnell, dass manche Pflanzenfotografen behaupten, sie verblühe schon in der Zeit, während du deine Kamera aus dem Haus holst! Bei der gefüllt blühenden, seerosengleichen Blutwurz halten die Blüten naturbedingt wesentlich länger.

Thalictrum ‘Elin‘

Und noch einmal Thalictrum ‘Elin‘ in seiner vollen Größe!

Thalictrum ‘Elin‘

Thalictrum ‘Elin‘, der Star aus Schweden!

Thalictrum lucidum

Fast schon schleierkraut ähnlich: Thalictrum lucidum

Eine spannende Gattung mit vielen Wildarten und Züchtungen möchte ich dir heute vorstellen, nämlich die Wiesenrauten (Thalictrum). Neben kleinen, zarten Gesellen sind es vor allem die großen Wildarten und deren Auslesen, die uns interessieren. Einige findest du sogar in einheimischen Gefilden. Thalictrum lucidum möchte ich in unseren Beeten nicht mehr missen. Ihre zartgelben Schleier fügen sich überall harmonisch ein. Schon das glänzende, stark zerteilte Blattwerk fällt im nicht blühenden Zustand jedem Betrachter auf. Sie gehört zu den stillen Schönheiten, erst größere Gruppen tun sich in ihrer Gesamtwirkung hervor.

Hingegen schon eine Wucht als Einzelexemplar ist Thalictrum ‘Elin‘. Sie wurde in Schweden gezüchtet, ihre wolkenartigen Schleier blühen über viele Wochen.  Einige Kunden behaupten, die Blüte sei langweilig. Du solltest aber deren Gesamtwirkung im passenden Umfeld betrachten. Auch eine einzelne Fichte kann zwischen herbstlichen Farben beeindruckend wirken. ‘Elin‘ ist steril und muss mühsam durch Teilung oder Splitting vermehrt werden.

Thalictrum rochebrunianum

Thalictrum rochebrunianum

Unkompliziert in jeglicher Hinsicht ist Thalictrum rochebrunianum aus Ostasien. Wenn bei dir die Formen um Thalictrum delavayi nicht hart genug sind, dann probiere es mit dieser schönen und reichblühenden Art. Allerdings wird auch sie wesentlich höher, sicher so gegen zwei Meter. Aber zwischen Sträuchern oder auch als freistehende Solitärstaude wird sie bei jedem Pflanzenfreund Anerkennung finden. Und wenn man bedenkt, dass in unserem Schaugarten einige Exemplare schon fast zehn Jahre an einem Standort stehen, dann kann man sie getrost als Langspielplatte im Staudenreich titulieren.

Erdrückend schön ist auch Thalictrum reniforme aus China. Ganze Blütenkaskaden schmücken sie zur Blütezeit im Sommer. Sie hat sich bei uns nicht nur als erstaunlich hart erwiesen, sondern sie ist auch sonnenverträglich, wie du unten im Bild leicht feststellen kannst, wo sie neben Echinacea purpurea ‘Wuschelkopf‘ steht. Leider haben wir noch keine Pflanzen zum Abgeben, ich hoffe aber inständig, dass die Vermehrung bald in die Gänge gelangt. Eine weitere limonengelbe Art wächst sogar ganz in unserer Nähe in den Wäldern und Auen der Donau! Thalictrum flavum ssp. glaucum besitzt graue Blätter. Die hellgelbe Farbe lässt sich wundervoll kombinieren und auch mit ihr hast du immense Möglichkeiten toller Kombinationen.

Thalictrum flavum ssp. glaucum

Thalictrum flavum ssp. glaucum

Thalictrum reniforme

Thalictrum reniforme

Hoffentlich hast du die Feiertage gut überstanden. Im Neuen Jahr möchte ich dir auch weiterhin den monatlichen Rundbrief zukommen lassen, mit staudigen Empfehlungen, bekannten und unbekannten Neuheiten, Pflegehinweisen, Ratsch und Tratsch aus der Szene. Und natürlich Hinweise auf unsere Aktivitäten! Und natürlich nur, wenn du das auch willst!

Du kannst nun auch auf unserem Onlineshop stöbern und nach Herzenslust dir die Bilder ansehen und natürlich auch bestellen. Die meisten Bilder sind eingestellt, es war eine Heidenarbeit! Du hast auch die Möglichkeit, im Gegensatz zum gedruckten Katalog auf wesentlich mehr Information zurückzugreifen. Achte aber auf die Verfügbarkeit, denn nicht alles ist in unbeschränkten Mengen vorhanden. Besonders die russischen Phloxsorten, die ich erst vor drei Jahren bekam, bedürfen noch Geduld, bis sie im Herbst verkauft werden können.
Aber wie heißt es immer so schön: Gärtner und Geduld fängt beides mit G an!

Auch unser Veranstaltungskalender wurde auf Vordermann gebracht. Die Termine der Gartentage sind im Groben und Ganzen dieselben wie im Vorjahr. Und doch hat sich etwas Einschneidendes getan. Ich habe mich schweren Herzens entschlossen, nicht mehr zum Pflanzenmarkt auf den Kiekeberg zu fahren, so leid es mir tut. Aber hier in Österreich warten zwei andere Veranstaltungen, die mir ebenfalls sehr wichtig sind und nicht so weit weg liegen. Ein kleiner Betrieb, wie wir es nun mal sind, kann sich nicht vierteilen, denn Mitte April kommen jede Menge Kunden in die Gärtnerei, die ein Recht auf eine gute Betreuung haben. Und um diese Zeit läuft der Versand auf Hochtouren. Da muss ich irgendwann Abstriche machen, obgleich der Kiekeberg von Beginn an zu unseren erfolgreichsten Gartentagen zählte. Mir wird das Hamburger Platt von der Waterkant sehr fehlen!

Beim Durchsehen meiner Aufnahmen entdeckte ich diese Kirschblüte aus dem Eingangsbereich unserer Gärtnerei. Der Vater meines guten Freundes hatte sie im Kaisergarten in Kyoto als Reisig mitgenommen und veredelt, jetzt schmücken sie in zwei stattlichen Exemplaren unser Dorf. Die Farbe schreit gar nicht, sondern wirkt eher fahl. Auch bei ihr währt die Blütezeit enttäuschend kurz, fast schon Blutwurz ähnlich! Diese zwei Tage der Hochblüte im April aber bleiben dir unvergessen, wenn du sie je zu Gesicht bekommst. Ich stehe jedes Jahr von neuem ehrfürchtig und staunend vor diesen gewaltigen, kraftstrotzenden, von Bienen umschwirrten Blütenkaskaden. Diese besonders großblütige Form von Prunus yedoense ist eine jener unbekannten Sorten unter Hunderten Japanischen Zierkirschen. Aber ich begreife jetzt, warum deswegen im Fernen Osten ein ganzes Volk zusammenströmt, um ein Kirschblütenfest als Frühlingsbeginn zu feiern. Und wenn bei uns nur dieser eine Baum erblüht, ist zumindest bei mir der Winter innerlich endgültig verflogen.

In Vorfreude auf die kommende Saison wünsche ich dir noch einen geruhsamen Winter!

Dein Staudenfreund Sarastro