Newsletter I/2015 (Einige Waldgräser)

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Hoffentlich bist du gut rüber ins Neue Jahr gelangt. Mir geht ja das Tamtam des Silvesters auf die Nerven, aber das soll schließlich jeder halten wie er will. Große Vorsätze habe ich mir für das Neue Jahr nicht vorgenommen, außer dass ich meine Diabetes etwas besser in den Griff bekommen möchte. Zum Glück spielt sich dies alles auf einem niederen Niveau ab, aber der Teufel schläft bekanntlich nicht. Und meine Reisepläne versiegen leider auch nicht.

Nun endlich hat der Winter seine schützende Hand mittels einer zarten Schneeschicht über unsere Staudenbeete gelegt. Nun bin ich etwas beruhigter, denn die spätherbstliche Zeit offenbarte sich zumindest hierzulande wie ein milder März. Schneelose Winter waren bereits an der Tagesordnung und daher möchte ich dies zum Anlass nehmen, dir einmal eine Handvoll wintergrüner Gräser vorzustellen, deren Wert kaum bekannt ist, geschweige denn nur von wenigen Leuten geschätzt wird. Gräser wurden ja in jüngster Vergangenheit zu Recht stark propagiert, allerdings lag der Fokus eher auf Präriegräser und ähnlichem, um dem Herbst und Wintergarten Struktur und Gesicht zu verleihen. An Waldgräser, geschweigedenn Wintergräser für halbschattige Gartenecken dachte dabei kaum jemand, es sei denn, man benützte sie zum Aufhübschen „zauberhafter“ herbstlicher Arrangements.

Wintergrüne Gräser wurden immer schon von einigen Gartengestaltern ausgiebigst verwendet, quasi als „architektonisches Element“! Du kannst an öffentlichen Gebäuden, Fabrikshallen, Parkhäusern und dergleichen ganze Flächen an Waldmarbeln und Seggen, vereint mit Foerster-Reitgräsern erleben, die sich durchaus über viele Jahre wacker behaupten. Auch gewiefte Pflanzenverwender lernen in mancher Hinsicht nicht aus und staunen, was mit Gräsern alles möglich ist! In Neuseeland konnte ich vor Jahren das erste Mal sehen, dass ganze Gärten und Industrieparks ausschließlich mit Gräsern bepflanzt wurden. Und selbst mitten in Wien im 2. Bezirk, direkt am Praterstern wurden in vollsonniger Lage zwischen Asphalt und Verkehr enorme große Flächen mit der Riesensegge (Carex pendula) bepflanzt. Absichtlich und ganz bewusst oder ohne Hintergrundwissen, einfach rein zufällig, das frage ich mich hier wohl. Denn diese großen Verkehrsteiler beobachte ich schon seit vielen Jahren mit einiger Skepsis, denn man kennt diese Segge aus der Natur eher aus schattigen Wald-Quellfluren des Schwarzwaldes und Alpenvorlandes. Aber noch stimmt das Gesamtbild, erstanlicherweise bauen diese Carex-pendula-Flächen kaum ab!

In deinem Garten wirst du wohl kaum so große Flächen besitzen mögen, sondern eher Pflanzenvielfalt auf kleinem Raume. Immergrüne Waldgräser eignen sich hervorragend als Hintergrundelement, sowie zwischen Sträuchern und du kannst einige sogar als kleinräumige Lückenfüller gebrauchen. Und am besten entfalten sie ihre Wirkung im schneelosen Winter.

Hier ein Bild des Gräsereinsatzes anlässlich der Bundesgartenschau in Koblenz. Carex pendula im Vordergrund, dahinter Luzula sylvatica,
alles durchaus zweckerfüllend, aber dafür nüchtern und pragmatisch!

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Die Gattung der Riedgräser oder auch Seggen genannt (Carex) ist sicher die umfangreichste Gräsergattung weltweit. Aber ich lasse mich durchaus gern des Besseren belehren. Zumindest aber ist sie äußerst formenreich. Und genau dies können wir uns im Ziergarten zunutze machen! Ich stelle dir zwei markante, wintergrüne Carex hier mal gegenüber. Die eine Art inzwischen sehr bekannte und beliebt, die andere Art ist unbekannt und nur wenig erprobt. Links die Breitblattsegge (Carex plantaginea), rechts Carex pulicalis, die Flohsegge. Letztere blüht bereits schon im zeitigen Frühjahr, die zarten Halme sehen schon sehr ansprechend aus, besonders augenfällig aber zeigen sich die blühenden Horste.

Während sich die Breitblattsegge überall im Gehölzrandbereich zwischen Funkien verwenden lässt, wirkt die Flohsegge eher durch einzelne Horste zwischen Herbstenzian oder in humusreichen Böden in schattigen Lagen. Jedes Jahr stehe ich staunend vor den paar Flohseggen im Schaugarten, die ich einst von Hans Martin Schmidt erworben hatte, weil sie mir dazumal noch unbekannt waren. Und wie viele Blüten da aus einem einzelnen Horst entspringen, das ist ganz enorm, es erinnert mich irgendwie an übergroße bayrische Hut-Gamsbärte. Die Breitblattsegge ist anspruchsloser, was den Boden anbelangt und mit nur wenigen Exemplaren schließt sich mit der Zeit der Boden vollständig. Du kannst Carex plantaginea mit Astilben, Heuchera und vielen robusten Halbschattenstauden kombinieren. Dieses nordamerikanische Waldgras blüht noch dazu im zeitigen Frühling sehr reizend mit schwarzbraunen Blüten! Sie wird nicht höher als etwa 20 cm und ist zudem sehr trockenheitsverträglich.

Auch ein Staudengärtner verliert manches Mal eine seltene Art oder eine Sorte, die er schon viele Jahre hegt und pflegt, der beste Fachmann ist dem nicht gefeit! So geschah es mir mit Cymophyllus fraseri, die Schneesegge aus den Vereinigten Staaten. Sie wirkt zur Blütezeit mit ihren schneeweißen Blüte fast wie aus einer anderen Welt, so was von prächtig, ich kenne kaum ein schöneres Waldgras! Besonders größere Horste sind auffällig, denn die wintergrünen Blätter werden bis 40 cm lang! Im sibirisch kalten Horrorwinter vor zwei Jahren erfroren uns alle Exemplare, die wir hatten. Obgleich ausgepflanzte Horste der Winter kaum etwas anhaben kann, ist Topfkultur doch etwas anderes. Unsere Verkaufspflanzen standen alle unter Glas und waren daher durch die vorangegangenen milden Monate etwas verweichlicht, umso gnadenloser schlug Väterchen Frost dann zu. Jetzt kann ich zusehen, wie wir wieder zu Pflanzen kommen, denn dieses langsam wachsende Gras ist außerdem nicht ganz einfach in der Vermehrung und auch bei Kollegen kaum zu sehen.

Völlig das Gegenteil und eher als Wucherer gilt hingegen Carex morrowii ‘Ice Dance‘. Trotzdem, auch dieses Gras steht bei uns in einigen Quadratmetern zwischen Geranium soboliferum und Filipendula ulmaria ‘Pleniflora‘, dazwischen sitzen einzelne Horste Herbstzeitlosen. Mittlerweile wuchs diese Segge mit ihren Ausläufern in die Breite, im Herbst erscheint es, als ob das Gras blüht, dabei sind es die Herbstzeitlosen, die dazwischen hervorlugen!

In den Wäldern des Südschwarzwaldes, wo ich aufwuchs, kann man die Waldmarbel (Luzula sylvatica) in schattigen Tälern teilweise flächendeckend entdecken. Der in den späten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts bekannte Staudengärtner Heinz Klose entdeckte in den Österreichischen Tauern eine sehr breitblättrige Form und benannte sie ‘Tauernpass‘. Diese Sorte erinnerte mich als Jugendlicher immer an irgendwelche Freilandbromelien. Waldmarbeln schätzen allgemein einen frischen Laubhumusboden, sie lassen sich im Halbschatten flächig verwenden, wobei einige kleinere, aufgelockerte Flächen wesentlich wirkungsvoller sind als zu große Matten. Von der Waldmarbel existiert übrigens eine im Winter leuchtend gelb blättrige Form! Luzula sylvatica ‘Wintergold‘ schätze ich ungemein, du musst sie unbedingt einmal ausprobieren! Bei uns steht sie unter einer Zaubernuss, zwischen der langlebigen Frühlings-Platterbse (Lathyrus vernus) und einigen orangeroten Lerchensporn (Corydalis), der Zufall wollte diese fast perfekt anmutende Kombination. Besonders die Wintersonne sorgt für diese nahezu unwirkliche Färbung der Halme, die dann im Frühling mit der Zeit ins Hellgrüne wechseln.

Eine Segge möchte ich dir nicht vorenthalten, die wir schon seit Beginn an im Sortiment hatten. Carex morrowii ‘Variegata‘ ist ja allgemein verbreitet und wird mancherorts leider viel zu massiv verwendet. Dabei ist von ihrer Wuchseigenschaft her eigentlich kein Flächendecker, sondern vielmehr als horstiger Lückenfüller geeignet. Wesentlich auffälliger panaschiert als die alte ‘Variegata‘ ist hingegen die Sorte ‘Gilt‘, die in England teilweise auch unter ‘Fisher’s Form‘ verbreitet wurde. Den Horst auf dem Bild habe ich vor 9 Jahren gepflanzt, als ich die ersten Wellenmauern baute. Du siehst also, dass sie im Gegensatz zur herkömmlichen Form nur äußerst langsam wächst, was aber nicht von Nachteil ist.

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Und zum Schluss meines Gräser-Intermezzos möchte ich dir noch zwei Gräser vorstellen, welche zwar nicht wintergrün sind, aber dafür sehr effektvoll den Vorfrühling einläuten! Auch sie waren bisher eher in den Gärten Englands anzutreffen. Von dort nahm ich vor Jahren eine Auslese des Honiggrases mit (Holcus mollis ‘White Fog‘). Der weißliche Austrieb dieses von vielen Gartenbesitzern nicht geliebten und eigentlich sehr banalen Grases besitzt nämlich eine enorme Fernwirkung. Mit der Zeit decken die Horste des Honiggrases kleine Flächen ab und so kommen ganz besonders Zwiebelpflanzen wie rote Tulpen wunderbar zur Geltung. Auch vor Sträuchern mit Waldphlox vereint können herrliche Bilder geschaffen werden.

Ein weiteres, sehr effektvolles Gras ist das Gelbblättrige Flattergras. Von diesem bin ich jedes Jahr von neuem begeistert, denn der Austrieb leuchtet von weitem! In frischem, nährstoffreichem Boden lässt sich mit diesem Gras ganz hervorragend Blackbox Gardening verwirklichen, denn es sät sich kinderleicht aus, die aufgehenden, auch im Jugendstadium gelben Jungpflanzen lassen sich von allen anderen Gräsern sehr gut unterscheiden. Du kannst die Sämlinge dort zulassen, wo sie nach deiner Meinung auch hinpassen. Zwischen dunkelgrünblättrigen Lenzrosen und gefleckten Lungenkräutern, aber auch zwischen Schattenastern, die im Sommer blühen, sind hervorragende Plätze.

Januar ist der Monat der Vorträge und Seminare. Was dies anbelangt, kannst du dich auf unserer neuen Website informieren. Wieder bin ich an vielen Orten in Deutschland unterwegs, das Thema der russischen Phloxe brennt den Leuten anscheinend unter den Nägeln. Zu diesem Zweck habe ich mir nun einen eigenen Beamer angeschafft, den ich von unserem EDV-Spezialisten kalibrieren ließ. Dies bedeutet, dass die meisten Farben naturgetreu wiedergegeben werden. In der Vergangenheit konnte ich diesbezüglich meine blauen Wunder erleben, denn manche der Phloxe zeigten sich in einer grässlich unnatürlichen Farbe, wie zu Anfangszeiten der digitalen Fotografie. Vielleicht bin ich in diesem Punkt etwas heikel. Außerdem ging mir auf die Nerven, weil andauernd die Technik nicht funktionierte!

Winter ist auch die Zeit des Bücherlesens. Begeistert war ich von Henk Gerritsens „Gartenmanifest“. Dieses doch voluminöse Buch kann ich dir wärmstens ans Herz legen, es ist auf einem hohen Niveau geschrieben, aber trotzdem sehr verständlich zu lesen. Henk war d e r Wegbereiter des heute so bekannten „Dutch Wave“, andere wie Piet Oudolf folgten ihm.

Dieses Jahr feiern wir unser 20-jähriges Bestehen. Vor zwanzig Jahren gründete ich Sarastro-Stauden und fing ganz klein hinterm Haus an, praktisch bei Null. Diese für mich durchaus spannende Geschichte erzähle ich dir in einem der kommenden Rundbriefe. Ich bin wahrlich kein großartiger Feiertyp. Aus verschiedenen Gründen verspüre ich aber gerade in diesem Jahr einige Lust dazu! Und zu diesem Anlass haben wir uns etwas ganz Besonderes ausgedacht. Wir informieren dich darüber rechtzeitig auf unserer Website, da wurde diesbezüglich schon ein Vermerk eingerichtet.
Lass dich überraschen und merke dir auf jeden Fall den 5. September vor!

Ich wünsche dir einen geruhsamen Winter, vor allem aber ein tolles Neues Gartenjahr, auf dass deine persönlichen Wünsche im Garten in Erfüllung gehen mögen!

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Viele Grüße/ Best regards/ С уважением
Dein Staudengärtner Sarastro