Newsletter I/2018

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Normalerweise bin ich relativ gleichgültig, was meine Wünsche für das Neue Jahr anbelangt. Es kommt, wie es eben kommt und mit etwas Zuversicht und Optimismus werden wir das Kind schon schaukeln. Besondere persönliche Wünsche hege ich kaum, bitte aber meine Gesundheit und die meiner Familie beizubehalten! Denn letztes Jahr hatte ich mir ja ziemlich übel mein Kreuz verrissen, als ich ganz alleine die ganzen Alpinenkästen mit Frühbeetscheiben gegen zuviel an Nässe abdeckte. Es war kein Mensch greifbar, also machte ich es alleine. Das kommt eben davon, wenn man meint, es ginge noch so wie dazumal in der Lehrzeit! Mit einigen Physiotherapien und kräftigenden Übungen ging es viel zu langsam wieder bergauf. Trotzdem kann ich mich glücklich schätzen, denn vor gröberen Dingen blieb ich bis jetzt verschont.

Im Neuen Jahr stehen wieder einige Reisen bevor. Du weißt, ich reise sehr gerne. Dieses Mal aber nicht zu irgendwelchen spannenden Naturstandorten in fernen Gebirgen, sondern zum Kongress der PPA (Plant Perennial Association) in die Vereinigten Staaten, wo ich zwei Vorträge halten darf und dabei gleichzeitig meine Tochter Katharina in North Carolina besuchen kann. Dann möchte ich wieder einmal bei der I.S.U. (Internationale Staudenunion) anlässlich ihrer Sommertagung teilnehmen, welche dieses Jahr in Polen organisiert wird. Vielleicht bist du jetzt verwundert. Ja, du hast Recht, ich bin auch absolut kein Vereinsmeier, sondern eher eine Stimme im Hintergrund. Da aber der Osten Europas in Sachen Stauden seitens der I.S.U. bisher sträflich vernachlässigt wurde, möchte ich schon rein aus Solidaritätsgründen dort mit dabei sein. Und wenn die Zeit noch reicht, dann mache ich wieder einen kurzen Trip nach St. Petersburg zur Phloxausstellung, denn da wird es mich immer wieder hinziehen.

Was wünsche ich mir noch? Dass in den Gärten noch wesentlich mehr Stauden verwendet werden, die unserer Insektenwelt dienen. Mir hat es schon ziemlich zu denken gegeben, als ich vor kurzem las, in welcher Geschwindigkeit unsere Insekten weniger werden. Uns wurde immer erzählt, dass in ferner Zukunft die Insekten die Menschheit überleben werden, nun reden wir bereits vom Insektensterben. Es wird ein Zusammenspiel von Klimaveränderung und industrieller Landwirtschaft sein, wie auch immer. Welche Auswirkungen dies auf die Natur im Allgemeinen hat, können wir nur erahnen, zu komplex sind die Zusammenhänge. Aber stell dir nur mal vor, wir hätten keine Bienen mehr. Abgesehen vom Honig fände keine Befruchtung statt, die Folgen wären nicht auszumalen. Einen kleinen Beitrag hierzu kann aber jeder leisten, indem unser Garten als ein Hort für Insekten dient. Wir füttern täglich wie selbstverständlich unsere Singvögel, in Zukunft eben auch unsere Schwebfliegen, Hummeln, Wildbienen, Honigbienen, Wespen und was da sonst noch einher brummt.

Du kannst einige Sorten des Anisysops bei uns in den Schaubeeten bewundern

Die Auswahl an Insektenmagneten ist für jeden Lebensbereich des Gartens gegeben. Prädestiniert sind sonnige Standorte, aber auch für den Halbschatten lassen sich immer noch genügend Arten finden. Man wird diese Insektenstauden tunlichst nicht gerade in allernächster Nähe von Sitzgelegenheiten und von Menschen stärker frequentierten Zonen pflanzen, denn es sind bekanntlich immer mehr Zeitgenossen allergisch gegen Insektenstiche und reagieren außerdem zunehmend genervt bei allzu viel „Gesumse“ um sich herum. Trotzdem wage ich zu behaupten, dass ein gewisses Maß an Insektentoleranz jedem Menschen zumutbar ist, schließlich landet bekanntlich unser Honig auch nicht gratis auf dem Tisch!

Hier Agastache ‘Pink Sunrise‘, die einzige wirklich winterharte und ausdauernde, ockerfarbene Sorte

Die mit Abstand insektenfreundlichste Staude ist die Bergminze, Calamintha nepeta ‘Triumphator‘, ein steriler Klon, welcher keinerlei Saat produziert und gerade deshalb enorm lange blüht. Die weißen Rispen erscheinen schon gegen Ende Juni, die letzten verblühen gegen Mitte Oktober. Sie kann sowohl als Einfassungsstaude, als auch als Füllstaude für jeden sonnigen und halbwegs trockenen Standort dienen. Außerdem ist sie eine ideale Rosenbegleitstaude und lässt sich sehr gut auf Verkehrsinseln und Fahrbahnteilern verwenden. Jegliche zusätzliche Bewässerung erübrigt sich aufgrund ihrer südländischen Herkunft, einmal eingewachsen übersteht sie auch trockenste Sommer. Daher öffnet sich ein weiteres Feld ihrer Verwendung, auf Dachgärten und in Kiesgärten. Ich kenne keine andere Staude, welche von derart vielen Insekten umworben wird, besonders Schwebfliegen und Bienen steuern die Blüten dieser aromatisch nach Minze riechenden Staude an.

Doch das Insektenjahr beginnt bekanntlich nicht erst im Juni, sondern bereits im Vorfrühling. Hier sei unsere Nieswurz, Helleborus foetidus genannt, eine sehr ornamentale Strukturstauden, welche in Süddeutschland auf der Schwäbischen Alb und im Fränkischen Jura sogar einheimisch ist. In kleinen Gruppen für den Lebensbereich Gehölzrand ist sie wunderbar geeignet, besonders in Verbindung mit den geliebten Winterlingen und Schneeglöckchen. Die Blüten schiebt die Palmwedel-Nieswurz bereits im November, um über den Winter jeder Gartensituation das gewisse Etwas zu verleihen. Über den dunkelgrünen Blättern stehen die gelblichgrünen Blütenstände, die an milden Vorfrühlingstagen eifrig von Bienen und Hummeln angenommen werden. Die Blüte zieht sich meist bis April hin, dann werden die Samen ausgebildet, ohne dass diese Staude sichtbar weniger attraktiv wäre. Durch Selbstaussaat erhält sich diese Staude von selbst, wenngleich sie im Garten kaum überhandnimmt und niemals lästig wird. Ein paar Auslesen sind im Umlauf, die Sorte ‘Wester Flisk‘ dürfte wohl die am meisten verbreitete Sorte sein. Ihre Stängelblätter sind kontrastreich rötlich gefärbt, sie fällt echt aus Samen. Auch alle anderen Arten der Gattung Helleborus sind großartige und gleichzeitig dekorative Insektenmagneten und stellen bereits ein frühes Nektarangebot im Jahr dar.

Alle Lenzrosen sind hervorragende Bienenfutterpflanzen im Vorfrühling!

Eindrucksvoll ist die Blüte der Kyoto-Kirsche in unserer Staudengärtnerei, darunter die Nieswurz!

Ganz allgemein können alle Lippenblütler (Lamiaceae) als hervorragende Bienenweidestauden bezeichnet werden, wenngleich es natürlich Gattungen gibt, die besonders prädestiniert erscheinen. Zu den allerwichtigsten Gattungen zählen die Indianernesseln (Monarda), die Katzenminzen (Nepeta), sowie die Sorten des Anis-Ysops (Agastache). Fangen wir mit den kurzlebigen Anis-Ysop an. Hier ist es wiederum eine sterile Sorte, die am längsten blüht und deren Dauerhaftigkeit alle anderen Sorten in den Schatten stellt. Mit ‘Blue Fortune‘ besitzen wir eine standfeste Sorte, die mit ihren hellblauen Kerzen über Monate nicht enttäuscht. Aber diese Sorte gehört ohnehin zu unseren am meistverkauften und beliebtesten Stauden.

Je nach Situation bietet uns die Gattung der Anis-Ysop viele weitere gute Auslesen, die alle bienenfreundlich sind. Aber der Anis-Ysop kann allerdings nicht gerade als langlebig bezeichnet werden, trotz seiner sonst so positiven Eigenschaften. Besonders alle rot- und ockerfarbenen Sorten sind wohl eher als „Edelsommerflor“ zu bezeichnen, also wie Einjährige zu behandeln. Daher sind als länger lebende Bienenfutterpflanzen nur die blau- und violett blühenden Sorten in Betracht zu ziehen. Eine Aufzählung spare ich mir hier, zu achten ist auf die Sorten und den Formenkreis um Agastache rugosa und Agastache foeniculum. Sie sind es, welche ausreichend winterhart und zumindest die kommenden Jahre problemlos überstehen. Wichtig ist auch zu wissen, dass besonders im Pflanzjahr die Blütentriebe schon im September konsequent zwei Handbreit über dem Boden zurückgeschnitten werden sollten, damit sich deine Anis-Ysop gut bestocken und umso kräftiger im Folgejahr austreiben.

Anis-Ysop lassen sich in jedes Staudenbeet gut integrieren, sie sind bei deinen Gartenfreunden beliebt, da sie Beschwingtheit und Natürlichkeit vermitteln. Neben höher gezüchteten Staudengattungen wie Phlox, Pfingstrosen oder Taglilien machen sie sich als anspruchslose Begleitstauden ausnahmslos gut. Gerade diese Art der Staudenverwendung verbindet die Statik mit einem Schuss an Dynamik, da sich manche der Anis-Ysop sogar aussäen und sich dadurch die entstehenden Lücken wieder problemlos schließen. Agastachen eignen sich aber nicht nur für Beete, sondern vor allem auch für Präriegärten, falls du den nötigen Platz dafür aufbringst.

Die Amerikanische Bergminze (Pycnanthemum) ist eine stille Schönheit, nichts aufregendes, jedoch mit lang anhaltender Wirkung, und ganz besonders anziehend für Insekten aller Art. Sie können in Kiesgärten und prärieähnlichen Pflanzungen Verwendung finden, auf jeden Fall mögen sie einen trockenen und vollsonnigen Platz. Verbreitet ist Pycnanthemum tenuifolium, welche neben ihren frischgrünen, nadeligen Blättchen sehr hübsche gelblichweiße Blüten besitzt.

Die Amerikanische Bergminze (Pycnanthemum tenuifolium) kann auch in trockenen Kiesgärten Verwendung finden.

Eine nicht gerade kleine Staudengattung, wo sich nahezu alle Vertreter ganz hervorragend als Bienenfutterpflanze eignen, ist die Katzenminze (Nepeta). Uns stehen hier niedere und hohe Sorten zur Verfügung, aber auch solche Arten, die auf fetteren Böden auskommen, während sich die meisten mit trockenem, durchlässigen Boden zufrieden geben. Wir können niedere Sorten wie ‘Grog‘ als Einfassungs- oder Füllstaude benützen. Die höheren Standardsorten ‘Walker’s Low‘ oder ‘Six Hill’s Giant‘ sind hervorragende Bienenweidepflanzen über viele Monate, ihr Flor lässt sich dann verlängern, wenn sie unmittelbar nach der ersten Blüte gegen Ende Juli voll zurückgeschnitten werden. Die meisten Vertreter aus dem Formenkreis um Nepeta racemosa und Nepeta x faassenii haben die Neigung, zu remontieren und sind daher doppelt wertvoll.

Bei deinen Garten- und Pflanzenfreunden sehr beliebt sind die Indianernesseln (Monarda). Von ihnen steht uns eine stattliche Anzahl an Sorten zur Verfügung. Die Eigenschaft, gegen Echten Mehltau anfällig zu sein, ist leider bei vielen Sorten gegeben. Weniger Mehltau bekommen Sorten, die Monarda-didyma-Blut in sich tragen oder wo Monarda fistulosa eingekreuzt wurde. Allerdings muss auch gesagt werden, dass Indianernesseln alle paar Jahre verpflanzt werden sollten, um vital zu bleiben. Also nichts mit Dauerhaftigkeit am selben Standort! Die Reichblütigkeit, das enorme Farbspiel und die Vitalität vieler Sorten hindern uns jedoch nicht, sie trotzdem zu pflanzen. Im Sortiment stehen uns sowohl niedere Vordergrundsorten als auch hohe Sorten für den Hintergrund zur Verfügung. Sehr eindrucksvoll sind voll aufgeblühte Bestände in größeren Stückzahlen. Und dies danken auch die Insekten und ganz besonders die Bienen! Auch bei den Indianernesseln trägt ein rechtzeitiger Rückschnitt entscheidend dazu bei, den Flor in die Länge auszuweiten, wenngleich der Rückschnitt nicht bodeneben zu erfolgen hat, sondern es genügt bis etwa auf die Hälfte.

Monarda fistulosa ssp. menthifolia

Monarda ‘Huckleberry‘ ist eine unserer eigenen Sorten, welche sehr ausdauernd und nahezu mehltauresistent ist.

Eine der beliebtesten Indianernesseln ist Monarda ‘Ruby Glow‘ mit ihren dichten Blütenköpfen

Dies war ein kleiner Exkurs in einen Bereich, den wir alle in der Vergangenheit vielleicht etwas zu gering erachtet haben. Es gäbe noch wesentlich mehr aufzuzählen. Eigentlich sind ja alle unsere Stauden mit ihren Blüten auf ihre Weise Insektenmagnete! Einige werden vermehrt von Hummeln bestäubt, wie beispielsweise unsere Lenzrosen, andere von Wildbienen. Die Bestäubungsmechanismen sind vielfältig und mannigfach, aber sehr einfallsreich und äußerst faszinierend bei Orchideen oder Aronstabgewächsen.

Der Januar besteht für mich aus Schreiben, Organisieren für das kommende Frühjahr, sowie aus Seminaren und Vorträgen. An den Langenloiser Staudentage wird wieder ein abwechslungsreiches Vortragsprogramm geboten und ich freue mich schon auf ein Wiedersehen zwischen Kollegen und Teilnehmern. Leider bin ich in Grünberg nicht mit von der Partie, denn an jenem Wochenende bin ich selbst auf Vortragstour und halte bei Staudenfreunden in Berlin, dann in Nordrhein-Westfalen in Bonn und in Siegen, sowie bei Rosenfreunden in Heilbronn hintereinander Vorträge. Details hierzu auf der Website unter www.sarastro-stauden.com und im „Staudengarten“, dem Fachjournal der GdS, das ich dir sehr ans Herz lege.

Das war es auch schon wieder. Januar ist Lesezeit. Vor mir liegt ein ganzer Stapel an Fachbüchern, alles Neuzugänge meiner Bibliothek. Jetzt kommt die Zeit, wo solches Lesematerial verdaut werden kann.

Dir alles Liebe und einen geruhsamen Winter mit einer hoffentlich schützenden Schneedecke!

Dein Staudengärtner Sarastro

Viele Grüße/ Best regards/ С уважением

Christian H. Kreß und Mitarbeiter