Newsletter II/2013 (Geschichte des Schneeglöckchenwahns)

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Heute möchte ich dir einmal die Geschichte über den Schneeglöckchenwahn erzählen. Diese ist absolut spannend! Wie spannend allerdings dir persönlich die Schneeglöckchen sein können, dies muss du selbst wissen.

Wir schrieben das Jahr 1994. Ich besuchte in Darmstadt wieder einmal Barbara und Eberhard Fluche, die zu meinen engsten Mentoren gehören und denen ich sehr viel zu verdanken habe. Zu ihnen verband mich ein langjähriges, freundschaftliches Verhältnis, sozusagen seit ich Staudengärtner bin. Sie zählen zu den ganz raren Zeitgenossen, welche fachlich durch und durch beschlagen waren, aber neben ihrem immensen Wissen auch noch die Fähigkeit besaßen, junge Leute für Pflanzen restlos zu begeistern, vorausgesetzt, man öffnete sich ihnen und der Materie. Jeder Rundgang durch ihren Garten war nicht nur ein Erlebnis, sondern glich jedes Mal einer gärtnerischen Konzertreise. Als ich damals im Sommer im Begriff war, nach einem lehrreichen Nachmittag wieder abzufahren, drückte mir der Hausherr einige größere Töpfe in die Hand und sagte, ich solle diese Schneeglöckchen sorgsam pflanzen und ihm gelegentlich erzählen, was ich davon hielte. In jedem Topf befanden sich mehrere Zwiebeln, naturgemäß eingezogen. Er hätte sie vor langer Zeit von Philip Ballard persönlich bezogen, der Gatte von Marie Ballard, jener berühmten „Queen of Helleborus“.

Im kommenden Vorfrühling blühten sie also, diese Gartenschneeglöckchen. Und dies gleich mit so stolzen Namen wie ‘Lady Beatrix Stanley‘, ‘Atkinsii‘,

‘Major Pam‘, ‘Lady Elphinstone‘ oder ‘Pussey Green Tips‘! Ich war begeistert über deren Blütengröße und Formen. Und ich erfuhr damals, dass in Großbritannien seit langem Schneeglöckchen ausgelesen und ganz gezielt gezüchtet wurden. Das lag völlig jenseits unserer Vorstellungskraft! Schneeglöckchen waren doch nur weiß, was gab es an ihnen schon herumzuzüchten?

Die Gärtner Englands haben uns mehrere Dinge voraus, nicht nur das vielgepriesene Klima. Erstens ist Garten ist bei ihnen nicht Arbeit, sondern Passion. Es ist unter anderem auch das traditionell verankerte Sendungsbewusstsein, sowie der gefühlvollere Umgang mit allem, was Pflanzen und Garten anbelangt. Darüber könnte man nun lange philosophieren. Aber es ist auch ihre sprichwörtliche Detailverliebtheit. Wo wir vordergründig nichts sehen, gibt es für sie schon einen Unterschied. Wer dies einmal live erleben möchte, der sollte nach England reisen und sich einmal mit einem dortigen Plantsman unterhalten. Oder zu einer der großen Shows fahren. Oder ganz einfach zu einer Galanthus-Gala! Als ich mich dort das erste Mal zusammen mit Pflanzenfreund Ewald Hügin in der Grafschaft Nottingham auf der zweiten Galanthus –Gala Ende der 90er-Jahren traf, konnte ich noch nicht wissen, was mich erwartete. Joe Sharman hatte diese Schneeglöckchentreffen ins Leben gerufen, ihn kannte ich schon länger, von ihm stammte übrigens ein erlesener Teil meines pflanzlichen Grundstockes unserer Staudengärtnerei.

Wir staunten und waren fassungslos, konnten einfach nicht begreifen, dass über 200 begeisterte Freaks aus sieben Nationen sich nur wegen dieser banalen, einseitig weißen, scheinbar so unscheinbaren Blume trafen. Es wurden Kurzvorträge von bekannten Persönlichkeiten in einem altehrwürdigen, verlassenen Klostersaal gehalten. Die danebenstehende Kirche diente während der Veranstaltung als Verkaufslocation. Als die Vorträge zu Ende waren, wurden zwei Flügeltüren zur Kirche geöffnet. Du kannst dir nicht vorstellen, was dann passierte. Ich erlebte noch nie eine solche Hysterie! Die sonst so disziplinierten Engländer erstürmten die Kirche, die Menschenmasse flog auf die paar Verkaufsstände, um diese regelrecht zu plündern, man wurde einfach mitgerissen! Damals stand das Pound Sterling kursmäßig enorm hoch und für uns Kontinentaleuropäer waren die Schneeglöckchen noch teurer als ohnehin schon. Ich schlug trotzdem zu, etwa 25 erlesene Schneeglöckchen wechselten den Besitzer. Dieses Mal war ich mit dem Flieger in England und so musste ich mich beschränken. Joe Sharman allerdings zeigte mir wenig später, was ich tun musste, um Platz zu sparen. Die Schneeglöckchen waren nur im Topf eingeschlagen, der Topf mit der Erde diente lediglich als Transportmittel. Er klopfte die Erde weg und wickelte die Schneeglöckchen in feuchtes Zeitungspapier. So brachte ich sie sicher nach Hause und pflanzte sie „In the Green“, ganz nach der traditionellen englischen Methode, also mitten in der Blüte.

Nun, in der Zwischenzeit fuhr ich noch ein zweites Mal zur Gala nach England, um dann in weiterer Folge die Schneeglöckchen per Post zu bestellen. Es wurde mit den Jahren ein sehr teures Unterfangen, aber es hat sich ausgezahlt, so früh angefangen zu haben. Seit meiner damaligen Initialzündung in Darmstadt wurde auch ich zum Schneeglöckchenliebhaber, zugegebenermaßen allerdings längst nicht so detailverliebt! Meine private Sammlung wuchs im Laufe der Jahre an und zählt nun rund 300 Sorten. Du wirst dir sicher an den Kopf greifen! Und jedes Jahr kommen ein paar Sorten zum Verkauf dazu, keine großen Mengen! Und ich bin froh, so früh damit angefangen zu haben. Warum? Weil Schneeglöckchen im Vergleich zu anderen Stauden unwahrscheinlich langsam wachsen. Diese wertvollen Sorten mit ihren riesigen, verformten, grünlichen, mit gelben Fruchtknoten oder dicht gefüllten Blüten brauchen mindestens 3 Jahre, bis aus einer Zwiebel 6 bis 7 Tochterzwiebeln gewachsen sind. Ja, ich weiß, man könnte natürlich auch „Twin Scaling“ machen, eine Methode der Vermehrung, wo mit einem Skalpell aus einer Zwiebel bis zu 30 Teilstücke geschnitten werden, die wiederum erst einmal wachsen müssen, auf die Gefahr hin, dass alles im Nu verschimmelt! Da wähle ich lieber den langsameren, aber sicheren Weg.

Und dann gibt es da noch den Schneeglöckchengriff. Es ist wie in der Sendung „Heiteres Beruferaten“! Mit diesem Griff werden die Blüten nach oben gedreht, Blütenunterschiede entdeckt und begutachtet. In den untenstehenden Bildern kannst du sehen, wie dies praktiziert wird.

Zwei völlig dem Schneeglöckchenwahn verfallene Staudenliebhaberinnen!

Gärtnerhände und Galanthusgriff (unters Röckchen schauen…!)

Mir gefallen immer noch die Klassiker am besten, trotz der inzwischen schon unübersichtlichen Sortenvielfalt. Wie beispielsweise ‘Brenda Troyle‘, die sich praktisch nicht vom bekannten ‘S.Arnott‘ unterscheidet, aber rund eine Woche später blüht. Bei Sonnenschein räkeln sich die riesigen Blüten im Wind und bimmeln den Vorfrühling ein, selbst auf die Gefahr hin, dass der Winter noch einmal zurückkehrt.

Inzwischen existieren mehr als 1.000 Sorten. Das Galanthusfieber ist im Mutterland England bereits schon am abklingen, dafür hält es andernorts noch ungebremst an. Die meisten Sorten sind übrigens Hybriden, die aus mehreren Arten hervorgingen. Die Hauptarten sind Galanthus nivalis, Galanthus plicatus und Galanthus elwesii. Darüber hinaus sind noch einige andere Arten in Kultur, bei ihnen werden ebenfalls Sorten ausgelesen, sie sind aber züchterisch weniger von Belang.

Galanthus ‘Brenda Troyle‘ blüht zwischen Carex morrowii ‘Gilt‘

Ein paar Pflegehinweise möchte ich dir schon noch mitgeben! Großblumige Gartenschneeglöckchen schätzen einen nährstoffreichen, lehmig-sandigen Gartenboden. Ihr bester Standort befindet sich unter Haselnusssträucher in halbschattiger Lage oder in einem Beet entlang einer Hecke. Versorge deine Schneeglöckchen immer mit ausreichenden Kompostgaben, den du im Herbst auf die Beete verteilst. Alle drei bis vier Jahre kannst du größere Horste auseinanderteilen, dies geschieht immer während und nach der Blüte. Angießen nicht vergessen! Der gefährlichste Feind aller Schneeglöckchen ist zumindest bei uns nicht die Narzissenfliege, sondern der Grau- oder Schneeschimmel, der sich dann breit macht, wenn die Pulks zu lange unter einer dicken Schneeschicht wachsen oder eine pappige Laubschicht darüber liegt. Ein Befall kann nur durch sofortiges Aufnehmen der Zwiebeln erfolgen, die befallenen Teile musst du sofort vernichten. Ich habe durch diesen speziellen Schneeglöckchenschimmel Botrytis galanthae schon wertvolle Sorten verloren. Eine Sandschicht um den Kragen der Zwiebeln beugt dem ebenfalls ein wenig vor.

Und hier endlich kannst du an untenstehenden Bildern die Liebe zum Detail erahnen und welche Blütenvielfalt sich im Laufe der letzten 20 Jahre bei den Schneeglöckchen entwickelte! Ich erspare mir ausdrücklich, jedes Bild mit dem Namen zu beschriften, da du sonst vielleicht schon morgen mir ein Mail schickst, mit der Bitte, das eine oder andere sofort zu reservieren. Es wird wieder eine Verfügbarkeitsliste geben, die ich dir auf Verlangen per Mail zusende. Wir vermehren, sobald der Schnee weg ist und die Schätze zu blühen beginnen. Aber dies dauert noch ein Weilchen, schließlich befinden wir uns nicht im milden England, wo die Dinger schon Anfang Februar blühen. Bei uns dauert eben alles ein wenig, dafür hat man aber auch länger was davon!

Der Vorfrühling buhlt aber nicht nur mit Weiß. Die ganze Farbpalette gibt sich ihr Stelldichein! Das Vorfrühlings-Adonisröschen mit seinen riesigen, goldgelben Blüten ist ein echter Star! Es schätzt einen leicht beschatteten Standort, ebenfalls unter Haselsträuchern in humosem Boden. Erst mit den Jahren entwickeln sich große Horste. Auch hier ist Geduld angesagt, ähnlich wie bei den Schneeglöckchen! Auch die Corydalis stehen schon recht bald in den Startlöchern!

Adonis ‘Fukujukai‘, besser bekannt unter Adonis amurensis hort.

Corydalis solida ssp. transsilvanica

Das Leberblümchen ist ein eigenes Kapitel!

Juno bucharica, eine der exquisiten, aber leicht gedeihenden Zwiebeliris

Am 2. März werde ich mit einer Auswahl an seltenen Vorfrühlingsblühern bei meinem Freund Ewald Hügin im badischen Freiburg stehen. Er veranstaltet an diesem Tag eine Veranstaltung „Gärtnerei in den Startlöchern“. Ich bin schon äußerst gespannt und neugierig darauf. Sehen wir uns dort? Seine schnuckelige Gärtnerei hat ja stets etwas zu bieten und ist unwahrscheinlich romantisch, ganz so, wie man sich dies wünscht. Heutzutage sollte man einerseits medienmäßig top am Ball sein und nebenbei eine verblichene Gärtnerei mit dem Flair aus Karl Foersters Zeiten besitzen. Jedenfalls schätzen dies eine Menge Freunde von dir, wie man so hört!

Du kannst mich übrigens auch bei Facebook unter Sarastro-Stauden, noch besser unterSarastro Kreß erreichen.Dort stelle ich immer mal wieder interessante und aktuelle Bilder rein. Wie ich dir schon im letzten Rundbrief mitteilte, haben wir unseren Online-Webshop unter www.sarastro-stauden.com aktualisiert und mit noch mehr verwendungsbezogenen Bildern ausgestattet.

Falls du mich schon im Februar antreffen möchtest, hier noch ganz schnell einige Termine:

Am 2. Februar, also schon morgen, bin ich bei Irmgard und Manfred Herian in Unterliezheim. Du kennst die beiden vielleicht über ihr erlesenes Clematis-Sortiment! Dort findet ein Pflegeseminar für Gartenbegeisterte im großen Saal des Gasthaus Klosterbräu statt. Unterliezheim liegt quasi am „Unzugänglichkeitspol“ von Deutschland, ganz grob im Dreieck zwischen Augsburg, Würzburg und Nürnberg. Mein Vorträge lauten: „Trends und Wege zur modernen Gartengestaltung mit Stauden“, „Pflegetipps bei Stauden“.

Am 15. Februar halte ich einen Vortrag über „Kiesgärten im Klimawandel“ in Bielefeld

Am 16. Februar ist Münster in Westfalen an der Reihe. Bei der GDS-Gruppe Münster referiere ich über „Euphorbien und Epimedium als Dauerhelden im Staudenreich“

Und am 17. Februar in Herford über „Staudenraritäten, Neuzüchtungen und vergessene Stauden“

Dies war ein Teil unseres Verkaufsstandes bei Hügin in Freiburg vor zwei Jahren!

Weiterhin alles Gute, ich wünsche dir einen spannenden Frühjahrsstart mit möglichst vielen Erfolgserlebnissen!

Dein Sarastro