Newsletter II/2017 (Ranunculus ficaria – Scharbockskraut und andere Hahnenfüße)

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Hier hat der Winter momentan noch alles fest im Griff, zum Glück befinden sich unsere krautigen Lieblinge unter einer schützenden Schneeschicht, worüber ich sehr froh bin. Ein Staudengärtner sieht dies alles aus einem gänzlich anderen Blickwinkel, da sich seine Kulturen ja in Töpfen befinden. Und auf Stellflächen aufgestellte Töpfe sind gänzlich anderen Gefahren ausgesetzt als in der Erde ausgepflanzte Stauden. Sie können viel schneller auftauen und wieder zufrieren, was den Pflanzen naturgemäß nicht gut bekommt, die Qualität leidet dadurch erheblich und manche winterempfindliche Stauden können auf diese Weise gegen Winterende sogar eingehen. Aber wir haben vorgesorgt, vieles befindet sich unter schützender Abdeckung. Und der Winter ist ja noch nicht zu Ende!

Scharbockskräuter rufen normalerweise bei vielen von uns Horrorszenarien hervor. Im Garten meiner Eltern wuchs dieses Zeug zusammen mit Buschwindröschen und machte sich mit der Zeit in allen Beeten breit, verdrängte dabei auch andere, wesentlich zartere Frühlingsblüher. Manch einer entgegnet: Na ja, so schlimm sind sie ja gar nicht, diese netten, gelben Sternchen, denn schon bereits Ende Juni ist der Spuk ohnehin vorüber, dann ziehen sie ein – und hinterlassen uns kahle Stellen. Außer als Heilmittel gegen Skorbut wurden sie aber anscheinend selten akzeptiert.

In meinem Haus- und Hofjournal „Gartenpraxis“ stand letztens ein Artikel von Walter Erhard über Scharbockskräuter, eine Aufzählung vieler Sorten, nebst Beschreibungen. Das nahm ich für diesen Rundbrief zum Anlass, dir wieder einmal über diese „Edelscharbockskräuter“ zu berichten und dir vor allem von meinen Erfahrungen zu erzählen, die ich mit den Jahren mit ihnen machte. Es existiert bekanntlich unter den Scharbockskräutern eine Variante, welche keine Achselbulbillen bildet und sich daher nicht so unkrautartig ausbreitet, sondern horstig wachsen. Auf den Britischen Inseln wurden von dieser Variante etliche Sorten selektiert, die nicht nur sehr schön blühen, sondern sich auch sonst im Garten ordentlich benehmen. Einige ältere Sorten entdeckte ich im Botanischen Garten Linz, quasi vor unserer Haustüre in Oberösterreich.

Und dann lernte ich über Briefkontakt John Carter kennen, welcher die Nationale Kollektion in Großbritannien unterhielt. Er verkaufte alte, wie auch einige neuere Sorten. Neugierig war ich auch damals schon und so bestellte ich eine ganze Reihe an Sorten. Es kamen geradezu winzige Knöllchen in kleinen Plastiksäckchen, daher dauerte es einige Jahre, bis ich die Sorten in ausreichender Stückzahl vermehrt hatte. Auch wenn es sich um Scharbockskraut handelt – ganz so leicht geht es auch hier nicht und Qualität verlangt schließlich einen vollen Topf. Es stellte sich heraus, dass sich viele Sorten recht ähnlich sahen, bekanntlich machen die Briten oft aus Nuancen Unterschied konsequenterweise bereits eine neue Sorte. Ungefähr 25 Sorten behielt ich, welche auch vom Laien sichtbar zu unterscheiden waren.

Nach einigen Jahren hatte ich ausreichend Pflanzen zum Verkaufen. Ich pflanzte auch einige Grüppchen in unseren Schaugarten, wo sie nebst Cyclamen, Schneeglöckchen, Frühlingsanemonen und vielen anderen Stauden jene beglückenden Blütenbilder hervorrufen, die wir uns nach einem langen Winter so herbeisehnen. Und ich nahm diese englischen Scharbockskräuter auf Pflanzenbörsen mit, um sie dem Publikum vorzustellen und unter die Leute zu bringen. Sie fanden zwar allgemeine Beachtung, allein sie wurden kaum gekauft! „Scharbockskraut, ich bin doch nicht wahnsinnig, das tue ich mir nicht an“, dies konnte man öfters vernehmen. Fast schon bekam ich ein schlechtes Gewissen! Meine Enttäuschung war riesengroß und ich war drauf und dran, das gesamte Sortiment schnellstmöglich zu kompostieren. Einige Wiederverkäufer und Kollegen kauften bei uns eine größere Menge für die Eigenvermehrung, um diese später in die USA als lose Knollen zu exportieren.

Dann kamen die Pflanzenmärkte. Berlin-Dahlem war eine der besten Adressen, nirgendwo bekommt der Staudenliebhaber eine größere Auswahl geboten als dort! Und mir kam die glorreiche Idee, meine Scharbockskräuter mit einem großen Schild „Edle Zwergranunkeln“ zu versehen. Du wirst es nicht glauben, aber ab diesem Zeitpunkt liefen sie hervorragend. Die Qualität war geradezu ideal, sie blühten voll. Desweiteren ergab es sich, dass unser Webshop gerade fertiggestellt wurde. Hierdurch erreicht man einen weit größeren Liebhaberkreis im In- und Ausland. Besonders viele Osteuropäer und Skandinavier fuhren auf diese reizenden Vorfrühlingsblüher ab und wir schnürten Scharbockskrautpakete.

Einige der wundervollen Sorten mit metallisch glänzenden Blättern:

Und hier präsentiere ich dir die Sorten auf einem Keramikteller! Faszinierend ist nicht allein deren Blütenvielfalt, sondern auch die so unterschiedliche Blattmarmorierung.

Dann hatten wir mit unseren Zwergranunkeln ein weiteres, einschneidendes Erlebnis. Scharbockskräuter sind bekanntlich vollkommen winterhart. Daher hatte ich sie früher auf einer normale Stellfläche stehen und dachte nicht im Entferntesten daran, dass hier Probleme auftreten können. Es ging auch immer gut, bis ich einmal das Wintervlies zu früh von den Pflanzen zog, um ihnen Anfang März Licht und Luft angedeihen zu lassen, um sie abzuhärten. Ein paar kalte Nächte zogen ins Land, morgens zeigte das Thermometer zwischen – 3 und -5 Grad an. Das war den unter dem Vlies verweichlichten Scharbockskräutern schon zu viel, sie reagierten verschnupft und ich konnte nach einer Woche die meisten Töpfe ausleeren, da ihre Wurzelhälse abgefault waren. Da hieß es, die verbliebenen Knollen retten und mit der Vermehrung wieder von vorne anzufangen!

Seit dem Zeitpunkt kultivieren wir sie ganz traditionell im Frühbeetkasten, wo sie über Winter mit Fensterglas gegen Temperaturschwankungen geschützt werden. Man lernt bekanntlich nie aus! Aber das braucht dich nicht zu überhöhter Vorsicht zu treiben, denn ausgepflanzt überlebt jede Zwergranunkelsorte noch gänzlich andere Temperaturen spielend, wie ich dir weiter oben schon berichtete.

Du siehst hier unsere Verkaufspflanzen in Vollblüte. Im Bild darunter ist die riesenblütige Ranunculus ficaria ‘Grandiflora‘ zu sehen, welche ich einst in der bekannten Alpenpflanzengärtnerei Jakob Eschmann im Schweizerischen Emmen kaufte. Sie gleicht schon eher einer Sumpfdotterblume, denn ihre Blüten haben einen Durchmesser von über 5 cm!

Die Familie der Hahnenfüße, zu denen ja die Scharbockskräuter gehören, ist sehr vielgestaltig und relativ groß. Ich will dich nicht mit Artenaufzählungen langweilen, aber es ist schon erstaunlich, dass eine Gattung in allen Erdteilen vertreten ist, also von der Tundra über die Alpen bis zum Atlasgebirge Nordafrikas, von Südafrika bis Neuseeland und Südamerika! Ein prächtiger Hahnenfuß stammt aus dem Hohen Atlas Marokkos. Ranunculus calandrinoides kultivieren wir nun schon recht lange, ihm wird nachgesagt, dass er schwierig und unter Freilandbedingungen eher kurzlebig sei. In Kalkschotter mit gehörigem Lehmanteil wächst er zu ungeahnt schönen Exemplaren heran, wovon du dich auf dem Bild hier unten überzeugen kannst. Seine Blüten sind ganz zart rosa geadert und erreichen über 5 cm Durchmesser. Über den Sommer zieht dieser Hahnenfuß komplett ein, um im September wieder voll durchzutreiben und uns im darauf folgenden Jahr im Februar und März mit seinen wunderschönen Blüten zu erfreuen. Ein echter Star aus Nordafrika!

Gefülltblühende Hahnenfüße existieren eine ganze Reihe, sei es vom gewöhnlichen Scharfen Hahnenfuß (Ranunculus acris) oder auch vom Kriechenden Hahnenfuß (Ranunculus repens). Sie alle wachsen mehr oder weniger flott und bereiten keinerlei Probleme. Auch vom Eisenhutblättrigen Hahnenfuß (Ranunculus aconitifolius) gibt es eine Form mit kleinen, weißen, dicht gefüllten Blüten. Sie hat mir allerdings in ihrer Vermehrungsrate stets Probleme bereitet, bis ich drauf kam, dass man sie kräftig düngen sollte, nur dann bekam sie reichlichen Zuwachs.

Von einem befreundeten Ehepaar Barbara und Eberhard Fluche aus Darmstadt bekam ich einst einen ebenfalls gefüllt blühenden Findling, der zwar etwas besser wuchs, sich sonst aber kaum vom herkömmlichen Klon unterschied. Ich taufte ihn ‘Eberhard‘, in Erinnerung an jenen großen Staudenkenner. Letztere verlangen guten Boden, der noch dazu nicht zu trocken sein sollte.

Berghahnenfüße gibt es eine ganze Menge, gefülltblühende und solche mit ungefüllten Blüten. Eine der nettesten, tief gefüllten Auslesen von Ranunculus montanus bekam ich von Bernhard Röllich, mit der Bitte, diese ‘Miss Austria‘ zu nennen. Es ist dies eine total anspruchslose Sorte, die nicht nur reich blüht, sondern darüber hinaus auch durch die leicht grünliche Blütenmitte auffällt, zu sehen links im Bild. Darunter Ranunculus psilostachys, eine Art aus Griechenland mit einem sehr dekorativen Blattaustrieb und großen „Butterblumen“. Diese Art ist am besten im trockenen Kiesgarten aufgehoben und kann ziemlich trocken stehen, sie bildet sehr rasch dichte Bestände.

Falls du deine Hahnenfüße vermehren möchtest, dann kannst du dies im zeitigen Frühjahr durch normale Stockteilung jederzeit tun. Ansonsten gibt es nicht viel zu berichten. Aus der weiten Welt hört man zu dieser Zeit wenig Erbauendes, dem man sich jedoch nur schwer verschließen kann. Daher doch lieber einigeln – „cocooning“, wie man auf Neudeutsch sagt! Nein, das wäre nicht das Richtige, aber sich weiterhin kritisch und weltoffen zu geben, das halte ich für sinnvoll. Im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen des Gartenbaus sind wir Staudengärtner auf internationale Kontakte angewiesen, egal, welche politische Konstellation sich am Himmel auch immer auftun mag. Politik lässt man am besten zuhause, bevor man sich auf Reisen begibt.

In diesem Sinne wünsche ich dir noch einen geruhsamen Winter und vielleicht findest du ja etwas in unserem Webshop für die kommende Gartensaison.

Dein Staudengärtner Sarastro

Viele Grüße/ Best regards/ С уважением

Christian H. Kreß