Newsletter III/2022

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Winter kann man dies wirklich nicht mehr nennen, allerhöchstens noch kalendarisch! Diese Wetterentwicklung macht mir Angst und Bang. Ich kann mich noch gut an die erste Galanthus-Gala in England erinnern, die damals Joe Sharman Ende der 90er-Jahre ins Leben rief, an der ich teilnahm. Das war so ungefähr um den 10. Februar. Damals standen dort jenseits des Kanales alle Vorfrühlingsblüher in prächtigstem Kleid, wir besichtigten mit großem Enthusiasmus die Gärten von Sammlern und Züchtern und erfreuten uns an den üppigen Cyclamen und Schneeglöckchen. Jedoch meist bei unangenehmem, feuchtkaltem Wetter oder Schneeregen, während bei uns in Oberösterreich die Temperaturen noch im trockenem Dauer-Minusbereich lagen und sämtliche Vegetation sich in Winterstarre befand. Und heute, mehr als 20 Jahre später?

Während ich diesen Rundbrief begann, schrieben wir den 20. Februar und draußen herrschten mildere Temperaturen als damals in England, und dies ist seit mehreren Jahren schon so! Wie sich diese Klimaerhitzung wohl weiterentwickelt? Eine Pandemie geht vorüber, mit allem Leid und den gesellschaftlichen Veränderungen, doch das Klima ist leider träge, was bedeutet, dass wir erst in 10 Jahren spüren, was die Menschheit heute verbrochen hat. Und wenn ich dann so manche „Wetterfrösche“ im Fernsehen höre, die uns ein traumhaftes Bilderbuch-Wochenende mit milden Biergarten-Temperaturen vorgaukeln, und das im Februar, so krieg ich echt die Krise, Sarkasmus hin oder her! Wir werden uns vorläufig damit arrangieren müssen und darum auch im Garten auf einige Veränderungen einstellen, ob uns dies passt oder nicht. Wird sich unser Staudensortiment durch die Klimakrise verändern? Es bleibt abzuwarten, wie stark sie auf das Gedeihen unserer Stauden Einfluss nimmt. Es existieren allerdings nicht sehr viele Stauden, die Überschwemmungen und Trockenheit, Hitze und Barfrost gleichermaßen wegstecken.

Ob sich Karl Foerster, Ernst Pagels und andere bekannte Staudenzüchter zu früheren Zeiten schon darüber Gedanken machten? Wohl kaum, aber man wusste wohl, dass diese oder jene Staudengattung für Trockenheit und wechselfeuchte Situationen prädestiniert schien. Im August soll ich einen Vortrag anlässlich eines Pagelssymposiums in Norddeutschland halten. Mal sehen, was mir hierzu einfällt, was mir zum Menschen Pagels und seinem Vermächtnis in den Sinn kommt. Ich kannte ihn ja nur flüchtig, trotzdem waren wir irgendwie zutiefst seelenverwandt, das spürte ich bei meinem Besuch und der lockeren Korrespondenz mit ihm.

Mir läuft die Zeit wieder mal davon. Geht es dir auch so? So eine frühe Vorfrühlingsperiode ist verführerisch, es juckt gewaltig in den Fingern. Und so konnten wir schon einiges draußen bewerkstelligen und vorbereiten. Mein Hauptaugenmerk lag allerdings Anfang Februar auf der Planung unseres neuen Schaugartens. Ich bin ja kein großer Planer vor dem Herrn, schon immer eher ein Bauchmensch, zumindest, was Staudenbeete und Pflanzenkombinationen anbelangt. Doch dieses Mal beschloss ich, die sechs zugegeben riesigen Staudenbeete auf Papier zu bringen. Jedes einzelne hatte Ausmaße zwischen 70 und 250 Quadratmeter. Bei einer solchen Größe sollte man sich schon mal grundlegende Gedanken machen, welche Themen ich zeigen, pflanzen, in ihrer Entwicklung erleben wollte, welche Kombinationsmöglichkeiten sich eröffnen, auch mal über die Lebensbereiche hinaus! Auch in der Natur zeigen sich oft ungewöhnliche Kombinationen. So machte ich mich ans Werk und begann die einzelnen Flächen zu Papier zu bringen, möglichst maßstabgetreu. Die Flächen hatte ich ja schon im Herbst abgesteckt, diese waren daher schon vorgegeben. Der pure Pflanzvorgang alleine war mir zu wenig, es sollte tatsächlich mehr daraus werden!

Und ich gebe zu, es hat sogar großen Spaß gemacht! Meinen letzten Pflanzplan hatte ich vor geschätzten 25 Jahren gezeichnet. Natürlich kann man sich mit diesen vielen Symbolen regelrecht verkünsteln, für Landschaftsarchitekten gibt es dazu sicher auch ausgeklügelte Programme. Aber wenn du Piet Oudolf oder vielen anderen in der Szene bekannten Pflanzplanern über die Schulter schaust, wird dort meist auch nicht anders gearbeitet. Und ein Pflanzplan soll auf der anderen Seite keine reine Fleißaufgabe von mathematischer Genauigkeit sein, sondern ich sehe diesen als gute Grundlage und Basis für die Entwicklung schöner Dinge, die da kommen werden. Wie ich mich kenne, kombiniere ich dann an Ort und Stelle geringfügig um, denn Papier ist bekanntlich geduldig und auch von den Stückzahlen der Stauden sollte man lieber flexibel sein, man kann gar nicht immer so punktgenau alles kalkulieren! Die Sichtweise am Planungstisch ist bekanntlich eine andere als vor Ort, auch bei noch so viel Rücksichtnahme auf die Situation, das Umfeld, die Bodenbeschaffenheit und vieles mehr.

Hier siehst du eines der sechs großen Beete. Es soll ein Phlox-Sortiment demonstrieren, zusammen mit Gräsern und einigen anderen Stauden und Sträuchern, diesmal nicht in klassischer Beetverwendung oder Bauerngartenmanier, sondern einfach mal gänzlich anders. Die restlichen Staudeninseln sind anderen Themen gewidmet, denn du sollst ja als Besucher und Kunde auch etwas geboten bekommen.

Die endgültige Bepflanzung der sechs Beete soll nach und nach erfolgen. Prioritäten müssen wir uns setzen, denn wir leben von der Gärtnerei und ihren über 3.500 Arten und Sorten, die alle vermehrt werden wollen und von dir und deinen Freunden, welche eine gute Betreuung möchten. Aber noch mehr Ambiente für den Besucher kommt immer gut an, wenn die Staudengärtnerei mit Schaugärten aller Art ausgestattet wird, und du dir damit stets Anregungen holen kannst. Mir ist auch sehr bewusst, dass all dies bedeutend mehr an Pflegearbeit aufwirft, aber ich bin der festen Überzeugung, dass die Freude am Gedeihen und die positiven Überraschungen bei weitem überwiegen. Ich werde dir über jedes einzelne Beet berichten, über dessen Entwicklung, von Beginn an, sobald wir damit loslegen.

Vor kurzer Zeit traf ich mich mit lieben Freunden im Burgenland. Wir aßen zusammen und dann hatten Tina und Maria noch etwas in Petto. Wir fuhren zum Schloss Bernstein, das im Mittelburgenland auf einer Hügelkette liegt. Der Ort Bernstein ist berühmt durch seine Serpentinvorkommen. Tina erzählte mir schon früher von dem Schloss, aber was mich da erwartete, übertraf alle meine Vorstellungen. Nicht nur der sagenhafte 360-Grad-Rundumblick war beeindruckend, sondern auch das Schloss und seine ehrwürdigen Räumlichkeiten. Die 1000-jährige Geschichte, die herrliche Lage waren das eine, das andere, dass man in diesen liebevoll restaurierten, feudalen Gemächern sogar nächtigen kann! Die Schlossherrin lud zu einem Rundgang durch den Garten und das Anwesen ein. Um den gesamten Schlossbereich befinden sich jede Menge Stauden und Sträucher, eingewachsene, große Bestände an Funkien waren zu sehen, beeindruckend vor allem einige uralte Gehölze. Neugierig war ich auf die vielen Schwertlilien, die die Zeiten überdauerten, welche Sorten waren es wohl? Eigentlich waren wir zum falschen Zeitpunkt hier, denn alle Stauden und Gehölze ruhten noch im Winterschlaf. Trotzdem machte alles auf mich einen zutiefst harmonischen Eindruck. Der Innenhof wird für Hochzeiten genutzt, die grünen Außenbereiche am Schloss wirkten auf mich, als wäre die Zeit stehen geblieben. Nach unserem Rundgang tranken wir in geselliger Runde zusammen Kaffee und plauderten über alles Mögliche, nur nicht über Garten und Pflanzen! Als wir uns später dankbar und zutiefst beeindruckt verabschiedeten, wurde ich von der Besitzerin dieses stolzen Anwesens gefragt, was ich denn am Grüngürtel des Schlosses und im Detail wohl anders machen würde, was wäre eine willkommene Bereicherung, wo könnte man ansetzen? Nun, meine Antwort kam sehr spontan, aber wohlüberlegt. Nichts würde ich machen. Alles so belassen, so harmonisch, allerhöchstens mit behutsam pflegenden Händen eingreifen, hier eine Rose zurücktrimmen, dort dem Lavendel einen Schnitt verpassen, eventuell einige Pflanzen aus Zentralasien in dieses beschauliche Ambiente integrieren oder eventuell die eine oder andere Pfingstrose oder Iris akzentuiert dazugesellen. Wie man gelegentlich erlebt, dass ein heruntergekommenes Haus zu Tode renoviert wird, so wäre es zutiefst töricht, dieses Gesamtbild durch eine Neuauflage eines schon eingewachsenen Umfeldes zu zerstören. Manchmal ist weniger eben viel mehr!

Du hast vielleicht inzwischen mitbekommen, dass wir in diesem Jahr keine Schneeglöckchen über den Internet-Shop anbieten, da du und deine Freunde im letzten Jahr enorm viele gekauft hatten und ich auf Dauer nicht möchte, dass wir durch weitere, zügellose Verkäufe bei manchen Sorten jahrelange Mangelwirtschaft erleiden. Du weißt sicher, dass viele der Gartenschneeglöckchen vergleichbar langsam wachsen wie beispielsweise Pfingstrosen. Daher muss stets ein größerer Bestand als Mutterpflanzen gehortet werden. Wir verpflanzen unsere Schneeglöckchensorten etwa alle 3 Jahre. Das ist notwendig, da dann viele der Horste zu dick werden und sich dazwischen Schneeglöckchenschimmel breit macht, der über Nacht wertvolle Bestände zerstören kann.

Aber wir bieten dir sehr wohl Schneeglöckchen in der Gärtnerei an! Unsere Schneeglöckchenwoche hat Anfang letzter Woche begonnen. Wenn du dich beeilst, dann findest du noch immer ein nettes Quantum vor, und darüber hinaus auch vieles andere mehr an weiteren, seltenen Vorfrühlingsblühern. Ich bin am Überlegen, ob ich in Zukunft der Gerechtigkeit halber ein Jahr über den Shop, das andere Jahr nur ab Gärtnerei die Schneeglöckchen anbiete. Zu beidem reicht unsere Kapazität derzeit leider nicht mehr aus, da der Internetversand inzwischen größere Dimensionen erlangt hat. Wir vermehren unsere Galanthus im Übrigen auf konventionelle Weise durch Teilung „In The Green“ und vermehren nicht über Twin-Scaling, da uns diese Vermehrungsmethode zu risikoreich erscheint.

Übrigens lohnt es sich auf jeden Fall, jetzt in unserer Staudengärtnerei vorbeizuschauen, denn im Schaugarten blühen Lenzrosen, Schneeglöckchen, Zaubernuss und vieles andere in einer Üppigkeit, die sich sehen lassen kann.

Mit dem Versand deiner Stauden beginnen wir ab dem 7. März, in der Reihenfolge des Eingangs der Bestellungen. Ob ich nach Wien zur Raribö fahre, steht derzeit noch in den Sternen, nicht wegen der Pandemie, sondern weil ich derzeit noch nicht sagen kann, ob wir arbeitstechnisch alles bewältigen werden. Auf jeden Fall werden wir an den Gartentagen in Reichersberg im Mai teilnehmen, das Verkaufsoffene Wochenende Ende April abhalten und wir fahren zu den Gartentagen in Kohfidisch im Burgenland. Aber das alles ist noch Zukunftsmusik und du wirst diesbezüglich noch Genaueres von mir hören.

Am 5. März bin ich das letzte Mal bei meinem langjährigen Freund Ewald Hügin in Freiburg zu seiner Veranstaltung „Frühlingserwachen in der Gärtnerei Hügin“. Da sein Pachtvertrag in diesem Jahr ausläuft, wird er sich nach einer anderen Bleibe umsehen. Jedenfalls geht mit seiner Gärtnerei in Freiburg-Zähringen eine besondere Ära zu Ende. Ewald brennt für seine Arbeit, wir befinden uns auf einer Linie und dies über Jahrzehnte! Er steht wie ich für Begeisterung des Gärtnerdaseins, für neue, ungewöhnliche Stauden, für Kreativität und für „niemals stehenbleiben“! Ewald bereitet auch eine Abschlussveranstaltung im Sommer vor, ich gebe dir den Termin dann rechtzeitig durch!

Ich wünsche dir alles Gute, genieße den erwachenden Vorfrühling, in dem die Zaubernuss von Alpenveilchen umschwärmt wird und die Schneeglöckchen eine neue Saison einläuten.

Alles Liebe!
Dein Staudengärtner Sarastro

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