Newsletter III/2017 (Katzenminzen)

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Gerade eben bin ich vom Garten hineingekommen. Die Rosen wollten endlich einmal geschnitten werden, ich bin da sehr nachlässig! Wir besitzen ja nicht so viele Rosen, aber 15 kräftige Sträucher sind es allemal, von ‘Lichtkönigin Lucia‘ bis zu ‘Conrad Ferdinand Meyer‘, einschließlich einiger englischer Rosen wie ‘The Pilgrim‘, und ein paar Kletterrosen an der Hauswand. Jeder Strauch erfuhr dabei viel Liebe und Hinwendung, trotz Kratzern im Gesicht und zerrissenen Klamotten. Sollte wer immer noch behaupten, Rosen machen wenig Arbeit und Staudenbeete dagegen viel zu viel, der lügt schamlos!

Neulich riefen mich gleich mehrere Pflanzenfreunde an, welche Katzenminze ich denn zu Rosen empfehlen könne. Dies veranlasst mich, dir einmal über meine Erfahrungen mit dieser Gattung zu schreiben, obgleich dir vieles davon schon altbekannt sein dürfte. Trotzdem gibt es große Unterschiede, die es wert sind, wieder einmal hervorgehoben zu werden. In erster Linie aber findest du unter den Katzenminzen außerordentlich wertvolle Bienenfutterpflanzen, welche über einen langen Zeitraum blühen.

Warum heißen sie überhaupt Katzenminze? Sicher hast du schon von der euphorisierenden Wirkung der Katzenminze auf die Vierbeiner gehört. Einige Vertreter der Gattung Nepeta üben auf Katzen eine geradezu magische Anziehung aus. Sie wälzen sich wohlig in den Horsten einiger Katzenminzen-Arten, sie lieben diesen kampferähnlichen Geruch. Mir ist schleierhaft, warum Katzenminzen eine beruhigende Wirkung auf Katzen ausüben soll, ich meine, eher das Gegenteil ist der Fall! Unsere Katzen werden nämlich ganz verrückt, wenn ich ihnen einen Zweig von Nepeta racemosa vor die Nase halte. Wie auch immer, es existieren auch Katzenminzen, die den Vierbeinern ziemlich schnuppe sind, so zum Beispiel Nepeta racemosa ‘Grog‘. Diese riecht nämlich nicht nach Kampfer, sondern nach Zitronenmelisse, wenn man an ihr reibt. Durch ihren niederen Wuchs und ihre dunkelblauen Blütenrispen ist sie sehr wertvoll und gut als Einfassungspflanze zu gebrauchen. Ihren Namen hat ihr der Züchter bei einer Tasse Grog verpasst! Übrigens gilt für alle Katzenminzen das gleiche Spiel, dass ein Rückschnitt eine erneute Blüte zur Folge hat. Eine andere, niedere Einfassungs-Katzenminze ist die sehr beliebte, weißblühende ‘Snowflakes‘ oder die hellblaue ‘Gletschereis‘.

Hier ‘Snowflakes‘, daneben ‘Walker’s Low‘ vor Funkien, zugegeben in einer ungewöhnlichen Kombination!

Zwischen höheren Rosensträuchern hat sich ganz besonders Nepeta ‘Walker’s Low‘ durchgesetzt. Hier ist der Name etwas irreführend, denn diese Katzenminze bleibt gar nicht nieder („low“), sondern zählt mit 50-60 cm sogar eher zu den höheren Sorten. ‘Walker’s Low‘ entstand Ende der 80er-Jahre in der Gärtnerei Four Seasons in England, wir hatten sie schon sehr bald direkt aus England mitgebracht, bei vielen deiner Freunden zählt sie seit Jahren zu den beliebtesten Katzenminzen. Ihre langen, lockerblütigen, blauen Rispen passen farblich geradezu ideal zwischen historische Strauchrosen. Ganz ähnlich ist die wesentlich ältere ‘Six Hills Giant‘, sie ist etwas niedriger, die Blätter sind silbergrau. Diese beiden Sorten wurden in der Vergangenheit schon öfters verwechselt. Wenn du sie in lockeren Gruppen pflanzest, dann dienen sie uns als dauerblühende Füllstauden und an den Boden stellen sie keine besonderen Ansprüche. Ich liebe sie jedoch ganz besonders an Beeträndern, denn da geben sie dem Betrachter schnell etwas her! Du darfst gleich nach ihrer ersten Blüte zur Schere greifen und sie zumindest bis zur Hälfte, aber auch gnadenlos bis zum Boden abschneiden! Sie danken es dir mit erneutem Blühen, was sich meist bis in den Herbst hinein erstreckt!

Die Gattung Nepeta hat aber noch wesentlich mehr zu bieten, ich denke besonders an Nepeta kubanica, eine unglaublich vitale Staude, die vor Energie nur so strotzt! Auf den ersten Blick glaubt man gar nicht, dass man es mit einer Katzenminze zu tun hat, denn sie erreicht eine unglaubliche Höhe von über einem Meter! Ihre dicken, dunkellila Blütenkolben stehen über tiefgrünen Blättern. Nepeta kubanica stammt nicht etwa aus Kuba, sondern ist benannt nach dem gleichnamigen Fluss Kuban im Kaukasus, der am Elbus entspringt und durch Tscherkessien fließt. Du kannst sie in jedes Beet integrieren, sie schätzt im Gegensatz zu den oben genannten, graublättrigen einen sehr guten Boden in voller Sonne.

Hier siehst du Nepeta kubanica in voller Größe

Und eine weitere, sehr elegante Katzenminze will ich dir auch nicht vorenthalten: Nepeta nuda. Wir kultivieren sie in Weiß und in Rosa. Ihre langen, dünnen Rispen machen sich als Lückenfüller wunderbar in jedem Staudenbeet!

Nepeta nuda besitzt schlanke Ähren, die von zart rosa bis zu reinem Weiß tendieren.

Und hiermit möchte ich dir auch meine eigenen Katzenminzen-Selektionen vorstellen. Auch sie sind den Katzen egal, du kannst sie also sehr vielseitig verwenden. Ganz links ist Nepeta ‘Florina‘, eine Hybride, an deren Entstehung mehrere Arten beteiligt waren. Es ist eine Verbesserung der alten ‘Dawn to Dusk‘, hier stehen die hellrosa Blüten in deutlichem Kontrast zu dunklen Kelchblättern. Es kommt ganz auf die Kombination an, wir haben sie im Schaugarten zwischen orangen Taglilien. ‘Florina‘ ist nicht aufdringlich, sondern vermittelt eher zwischen anderen Staudenfarben

Hier siehst du meinen neuesten Findling. Mir fiel ein Sämling in einer Trittplattenspalte auf, der sich über die Jahre hartnäckig hielt, ohne dass er störte oder irgendwie besonders schön war. Eines Tages grub ich ihn aus und pflanzte ihn wenig später auf unser Mutterpflanzenquartier. Dort entwickelte er sich ungeahnt zu einer Katzenminze, die sich sehen lassen kann. Wahrscheinlich ist auch dieser Findling eine Hybride zwischen N. grandiflora und N. racemosa, so genau lässt sich das ja nicht feststellen. Damals bekamen wir zuhause Zuwachs, einen pechschwarzen Kater. Ihn nannten wir Poseidon, so bekam auch diese Katzenminze diesen Namen, ihre dicken Blütenrispen sind voll mit dunkellila Blüten. Eine weitere prima Eigenschaft entdeckte ich wenig später: diese Sorte ist steril, sät sich also nicht aus, damit hast du eine ideale Beetstaude. Ich weiß, dass ein Wassergott nicht unbedingt der passende Name für eine Katzenminze ist, aber sind Grog und Walker’s Low wirklich um so viel treffender? Nein, jede dieser Sorten hält nette Erinnerungen wach, ‘Poseidon‘ stellvertretend für einen dicken, schweren, gutmütigen, aber eigenwilligen, schwarzen Kater. Trifft alles irgendwie auch auf die Katzenminze zu! Übrigens: nach Rückschnitt erfolgt eine zweite Blüte, wenngleich diese nicht ganz so üppig wie die erste ausfällt.

Hier siehst du ‘Blue Danube‘. Wie ich mit meiner Staudengärtnerei anfing, schuf ich im Eingangsbereich einen kleinen Kiesgarten. Damals in den 90er-Jahren fuhr ich noch jedes Jahr nach England und ich brachte von Joe Sharman Nepeta grandiflora ‘Pool Bank‘ mit. Sie ist eher botanisch interessant, als Wildstaude für naturbelassene Gärten oder an Gewässerränder aber durchaus zu gebrauchen. Durch eine spontane Selbstaussaat von dieser Art entstand ‘Blue Danube‘. Ich fand eines Tages einen kleinen Horst, der im Gegensatz zu obiger Art kompakt und standfest war, dazu überreich blühte. So vermehrte ich ihn ausschließlich über Stecklinge. ‘Blue Danube‘ bekam Jahre später in der internationalen Staudensichtung ***, was bedeutet, dass es sich hierbei um eine ausgezeichnete Sorte handelt. Na ja, ich hätte sie nicht ganz so gut bewertet, denn sie hat leider den Hang zur leichten Selbstaussaat. Du kannst dies nun auch positiv bewerten, allerdings möchte ich hinterher keine Klagen von dir vernehmen! Daher greife lieber zur Schere und schneide die verblühten Rispen rechtzeitig ab.

Nun muss ich kurzerhand einmal Werbung für ein unkonventionelles Buch machen, sozusagen eine private Rezension. Es dreht sich um „Avant Gardening“ von Thorsten Matschiess. Der Schreibstil – die Bilder – absolut hervorragend, mir sehr angetan und in vielem auch äußerst zeitgemäß. Schon aus diesem Grund solltest du dir dieses Buch besorgen. Doch diesen Stil der Pflanzenverwendung und diese von ihm „gegenwärtiges Gärtnern“ genannte Methode sollte man allerdings ähnlich anderer naturalistischer Staudenverwender eher als ein kleines, weiteres „Rädchen im Getriebe“ des allgemeinen Avantgardening betrachten, ohne dass ich hier näher auf dessen Inhalt eingehe.

Ich wehre mich ein wenig dagegen, dieses Gärtnern im naturalistischen Stil als das momentane Nonplusultra zu sehen und jegliches Traditionsgärtnern als nicht mehr zeitgemäß oder als zu zeitaufwändig abzutun, wie es selbst von einigen britischen Staudenverwendungs-„Revoluzzern“ zu hören ist. Dabei ist solche Art Gärtnern nur als e i n e weitere Möglichkeit zu betrachten – unkonventionell und erfrischend, für diese Art Garten und diesen, seinen Besitzer passend, jedoch aber eben längst nicht alles. Ich zähle mich ja eher zu den Traditionalisten, mit gefällt eine gepflegte Mixed Border einfach besser, was aber nicht heißt, dass ich nicht Neuem aufgeschlossen wäre. Jedoch zu meinen, ein Garten läuft gänzlich ohne Arbeit ab, ist eine Illusion, deren man sich nicht hingeben sollte.

Was mir allerdings ein wenig sauer aufstößt, ist die Tatsache, dass heutzutage auf der einen Seite der Hang nach abstrakten, für den Laien viel zu komplizierten Theorien Tür und Tor geöffnet wird, wo doch der blutige Laie wie auch mancher Berufsgärtner mit dem praktischen Umgang der Lebensbereiche schon genug zu raufen hat! Auf der anderen Seite wird ihm aber durch vorgekaute Staudenmischungen im Öffentlichen Grün das Denken abgenommen und im Privatgarten soll gleich das Chaos en vogue werden. Nicht etwa, dass mich alternative Ideen nicht begeistern, aber dieser krasse Gegensatz unserer Zeit stößt mir gelegentlich unangenehm auf.

Ich kenne derzeit nur sehr wenige über viele Jahre gelungene, alternative und dynamische Staudenmischpflanzung, die eine breite Bevölkerung anspricht, zugegeben, es gelingt auch kaum, es jedem recht zu machen. Das alles hat natürlich nur bedingt mit diesem Buch zu tun! Wohin aber tendiert in Zukunft die Pflanzenvielfalt, das enorme Wissen um sie, samt ihrer Verwendung? Bleibt sie nun ganz auf der Strecke oder ist sie nur Sammlern und einigen Freaks vorbehalten? Ich bin sehr gespannt, was sich durchsetzt. Wahrscheinlich ähnlich der Mode, „jeder so, wie er glücklich ist“.

Die Quintessenz dieser Diskussion ist aber, dass wir jedwede Staudenverwendung mit Begeisterung verbreiten und diese mit Vehemenz gegenüber seelenlosen Kiesschüttungen durchsetzen sollen. Und das gelang Torsten Matschiess mit seinem Buch ganz hervorragend! Ich will mich ja nicht unter die Rezensionisten begeben, aber hier war es mir ein echtes Anliegen.

In der Gärtnerei starteten wir bereits unser bereits angebrochenes, neues Staudenjahr. Nun hat sich der Winter also doch schneller verabschiedet, als man geglaubt hat und die Schneeglöckchen blühen um die Wette. Wenn du vorbeikommen möchtest, würde mich das sehr freuen, denn dann siehst du in unserem Verkaufsraum allerlei seltene Vorfrühlingsblüher. Der Verkauf in der Gärtnerei hat bereits mit den „Schneeglöckchentagen vom 27. Februar bis zum 10. März“ begonnen.

Mit dem Versand deiner Stauden warten wir noch ein wenig zu, ich denke, dass wir ab Mitte März damit starten. Ansonsten kannst du mich auch wie gewohnt in der Gärtnerei Hügin in Freiburg antreffen, deren Veranstaltung „Frühlingserwachen“ ja schon zur einer lieben Tradition geworden ist.

So wünsche ich dir einen gelungenen und blütenreichen Frühlingsstart!

Dein Staudengärtner Sarastro

Viele Grüße/ Best regards/ С уважением

Christian H. Kreß