Newsletter IV/2022

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Momentan fegt ein äußerst lästiger, viel zu kalter Ostwind über die Gärtnerei, welcher durch Mark und Bein geht, wenn du dich nicht warm genug anziehst. Dazu jeden Morgen einige Grade unter null, so dass das Arbeiten im Freien zunächst keine reine Freude bereitet. Jetzt könnte man darüber diskutieren, ob der Gärtnerberuf denn wirklich so gesund sei? Ich kann dir versichern, er ist es, trotz allen Widrigkeiten! Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung, sagte mir einst ein sehr bekannter Tiroler Bergführer. Und ich kann mich noch gut an Gartenbesichtigungen in England erinnern, die bei Schneetreiben und widrigstem Wetter stattfanden. Auf den Britischen Inseln fühlen sich zarte Plusgrade enorm feuchtkalt an, da ist mir trockene Kälte doch wesentlich lieber. Und trotzdem lassen sich Briten nicht abhalten, im Garten aktiv zu sein.

Andere Länder, andere Sitten, wie auch immer! Mir fiel in all den langen Jahren auf, dass sich die meisten Gartenfexe in Bayern und Österreich offenbar erst bei milden Temperaturen dem Garten widmen, quasi nach dem Motto „Vor de Eismanne brauchst eh nix im Goatn toa!“. Das ist am Niederrhein, in Holland und in Norddeutschland ganz anders, man braucht nicht einmal bis England blicken. Trotz der so unterschiedlichen Gepflogenheiten bin ich froh, durch die Schneeglöckchen und die Helleboren eine Art frühen Startschuss als Trumpf zu haben, damit du und deine Freunde möglichst bald im Jahr in unsere Gärtnerei kommen. In diesem Jahr hatten wir übrigens einen sehr langgezogenen Vorfrühlingsflor, bedingt durch das lang anhaltend kalte Wetter. Die späten Schneeglöckchen blühen teilweise jetzt noch und mein eigenes ‘Aprilröckchen‘ steht regelmäßig Anfang April in Vollblüte, egal, welche Wetterkapriolen uns auch immer erwarten. Dies ist das allerspäteste Galanthus nivalis überhaupt, ich kenne kein einziges Schneeglöckchen, welches um den 10. April noch in Blüte steht.

Brauchen wir eigentlich ein solches Schneeglöckchen so spät im Frühjahr? Im April sehnen wir uns doch nach ganz anderen Blüten. Und brauchen wir ein Schneeglöckchen, welches im Dezember blüht oder gar schon im Oktober? Ich denke schon, denn erst solche „Ausrutscher“ machen das Gärtnerleben erst so richtig spannend. Brauchen wir eine Schneeglöckchenvielfalt, die weit jenseits der 5.000 Sorten liegt? Fünftausend verschiedene Taglilien kann ich bei einer guten Beobachtungsgabe mit der Zeit unterscheiden lernen, bei Schneeglöckchen sind es oft nur Nuancen von Unterschieden, welche eine Benennung fragwürdig erscheinen lässt. Aber es braucht große Sammelleidenschaft, Liebe zum Detail und Begeisterung dafür!

Solche eingewachsene Stellen lassen sich unter Sträuchern sehr leicht verwirklichen, man muss nur einige Jahre Geduld aufbringen. Besonders die Nieswurz (Helleborus foetidus) ist ein ständiger, treuer Begleiter im Garten, einmal gepflanzt, erhält sie sich durch Aussaat selbst. Auch der Lerchensporn und die Cyclamen werden stets mehr, wenn du einen Grundstock besitzest, sozusagen als Initialzündung!

Die Vorfrühlingszeit schreitet zügig voran, der März verging wie im Fluge. Wir haben reichlich mit deinen Aufträgen zu tun, all die Bestellungen zusammenzutragen, die hereintrudeln. Die Stauden wollen sorgsam geputzt und etikettiert werden, um sie dann mithilfe von Zeitungspapier zu verpacken. Meine Damen sind hier voll und ganz bei der Sache, sie sind äußerst umsichtig und achten auf vielerlei, was von Außenstehenden gar nicht so wahrgenommen wird. Momentan ist über die Hälfte unseres Personals mit der Versandabwicklung beschäftigt. Ich hätte da noch eine dringende Bitte an dich: vermeide Nachbestellungen, wo immer es möglich ist, sondern schicke uns lieber eine neue Bestellung, die wir dann deiner vorherigen hinzufügen und in einer Sendung an dich verschicken. Dies bereitet uns weniger Mühe und kaum ein Mehr an bürokratischen Aufwand als zuzuordnende Nachbestellungen.

Und es kommen mehr und mehr Kunden mit Anfragen zu uns, ob wir eigentlich auch Pflanzplanung übernehmen. Wenn es sich um kleinere Aktionen wie spezielle Staudenbeete handelt, unterstützen wir dich natürlich sehr gerne in Form von Vorschlägen, Staudenlisten und Skizzen. Für die Ausführung selbst müsstest du dir allerdings einen Landschaftsgärtner suchen, falls du dies nicht ohnehin selbst bewerkstelligen möchtest. Wichtig hierbei ist nur, dass wir die Nettoquadratmeterfläche, also die zu bepflanzende Staudenfläche wissen müssten. Einige Fotos der jeweiligen Situation erleichtern erheblich unsere Überlegungen, denn dann findet man sich besser in die Umgebung hinein, was für die Pflanzenauswahl äußerst sinnvoll ist. Und wenn du uns noch deine Bodenverhältnisse beschreibst, die Himmelsrichtungen festlegst und deine Staudenvorlieben nennst, dann steht einem artenreichen, blühenden Beet nichts mehr im Wege! Wir tun uns hierin sehr leicht, da uns nicht nur die volle Staudenauswahl zur Verfügung steht, sondern wir hierin auch langjährige Erfahrungen aufweisen können. Es macht großen Spaß, eine Pflanzplanung zu realisieren, in der man gefordert ist und die dann am Schluss Professionalität erkennen lässt. Und noch eine kleine Bitte: am allerliebsten ist uns jegliche, detaillierte Korrespondenz über Mail, bitte nicht telefonisch! Ich hasse telefonieren, entschuldige, wenn ich dir dies so direkt sage, vielleicht auch deswegen, weil ich stets schlechter höre. Oder du machst mit uns einen Termin aus, dann können wir auch im Pavillon oder im Büro am Tisch alles weitere besprechen.

Bei den Scharbockskräutern hat sich im Sortiment enorm viel getan. Ich schrieb dir ja schon mehrfach von meinen Erlebnissen mit diesen Vorfrühlingsblühern. Du kannst diese spannende Geschichte in „Meine Welt der Stauden“, aber auch in meinem letzten Buch „Liebe Pamina – Briefe eines Staudengärtners“ nachlesen. Neben einigen eigenen Auslesen hat sich insbesondere Joe Sharman in England hervorgetan, andere Sorten wurden in Deutschland oder im Baltikum selektiert, die nahezu alle Wünsche abdecken. So gibt es inzwischen dunkelblättrige mit Orange gefüllten Blüten, aber auch jede Menge wundervolle Sorten, die dein Herz höher schlagen lassen. Sie wachsen in jedem Gartenboden, der nicht zu mager ausfällt. Denke daran, es sind dies Scharbockskräuter, die einer Variante entstammen, die nicht zum lästigen Unkraut werden! Sie ziehen bald ein, darum sind sie ideal im Vordergrund eines Beetes oder zwischen deinen Funkien im Halbschatten.

Hier die cremefarbene, gefüllt blühende ‘Nicole‘, deren Blüten kontrastreich über dem dunklen Blattwerk stehen.

Der momentane „Star“ ist jedoch ‘Orangette‘ in einer warmorangen Farbe! Die sehr großen Einzelblüten weisen einen doppelten Blütenkranz auf. Ein wirklich gelungener Wurf von Andreas Händel, alias Mister Hepatica, ich musste lange betteln, ehe er mir ein Exemplar abtrat! Aber unter guten Freunden macht man auch mal eine Ausnahme, ich weiß dies sehr zu schätzen und solcherlei Aktionen beruhen immer auf Gegenseitigkeit, schließlich hatte er damals auch ein Stück von jenem sagenumwobenen, tief blau gefüllten Leberblümchen bekommen, welches ich fand und als ‚Maria Theresia‘ im Umlauf ist. Es hat einige Jahre gedauert, bis ich ‘Orangette‘ in entsprechender Stückzahl hochvermehren konnte, denn sogar Scharbockskräuter brauchen ihre Zeit!

Ich liebe ganz besonders all jene Sorten mit den tief dunklen Blättern, die in der Vorfrühlingssonne metallisch glänzen! Hier sei stellvertretend für einige andere ‘Coppernob‘ genannt. Sie hat eine besondere Eigenschaft, denn ihre Blüten sind im Aufgehen richtig warm orange, später dann fallen sie durch ihren weißlichen Rand auf, sehr hübsch, wie ich finde!

Aus dem Baltikum stammt ‘Sulli‘, welche du hier in Vollblüte siehst. Sie stellt meiner Meinung nach eine Art „Cristatform“ dar, denn ihre Stängel und Blüten sind richtiggehend verbändert. Eine Ausgeburt an Vitalität und Reichblütigkeit!

Denke auch an den Herbst oder Winteraspekt in deinem Schattengarten, denn auch hier muss nicht immer etwas blühen, auch Blattstrukturen und Blattzeichnungen tragen das ihre bei, auch eine kleine Gartenecke lebendig wirken zu lassen. Besonders wertvoll finde ich die meisten Vertreter der Aronstäbe (Arum italicum), aber auch die Feuerkolben (Arisaema) mit ihren ornamentalen Blättern und noch vieles mehr. Besonders attraktiv sind die Herbstalpenveilchen (Cyclamen hederifolium) im Frühjahr, von denen wirklich ein jedes eine andere Maserung aufweist. Aber auch die Vorfrühlingsalpenveilchen setzen sich mit ihrer Blattmaserung schon im Herbst in Szene, wie du im Bild erkennen kannst.

Aber nicht nur in der zweiten Jahreshälfte beleben schlichte, bunte Blätter eine Gartenecke, auch mitten im Sommer gibt es durchaus noch eine Ergänzung zu Funkien! Ich mag ganz besonders Persicaria virginiana ‘Painter’s Palette‘, von dem im Botanischen Garten Linz eine ganze Hangpartie zwischen Japanischen Anemonen und Prachtspieren belegt ist. Wie außergewöhnlich schön doch diese Farbstrukturen auf den Betrachter wirken, über den ganzen Sommer hindurch! Dieser Knöterich wird nicht sehr hoch, er erreicht nur etwa 80 cm.  Die rosaroten Blütenschwänze fallen nicht sehr ins Gewicht, hier kommt es einzig auf diese Blattfarbe an.

Und denke daran, dass du deine Randzonen und Beetlücken regelmäßig aufpeppst, beispielsweise mit Fingerhüten. Ich hatte das stets unterschätzt, aber wenn du dies beherzigst, dann entstehen solche bunten Bilder, wie du unten im Bild siehst. Und schon sind wir wieder beim Thema! Naturalistische Pflanzenbilder in strengem Umfeld, selbstverständlich klassische Rosenbeete, aber nicht im Uniformstil der 60er, sondern mit umher vagabundierenden Ein- und Zweijahresblumen zwischendrin. Dies hat den Vorteil, dass mit der richtigen, farblichen Auswahl durchaus spannende Kombinationen entstehen.

Was geschieht bei uns im April?

Leider darf ich dir mitteilen, dass ich nach langer, reiflicher Überlegung und mit großer Wehmut die Raritätenbörse im Botanischen Garten Wien absagen musste. Zu groß ist momentan unser Arbeitspensum in der Gärtnerei. Leicht fiel mir dieser Schritt nicht, das kannst du mir wirklich glauben. All die netten, so dankbaren Kunden und Freunde…, aber wie so oft im Leben ist weniger mehr und der Mensch kann nun mal nur auf zwei Beinen stehen und nicht auf drei. Ich merkte dies in den letzten beiden Jahren sehr deutlich! Vielleicht sieht die Welt in ein paar Jahren wieder anders aus, wer weiß? Aber da der Versand deiner Stauden überproportional in die Höhe geschossen ist und sich auch in der Gärtnerei mehr tut, müssen wir uns dieser Aufgabe stellen. In der Gärtnerei sollten genügend Kapazitäten frei sein, um das Sortiment aufrecht zu erhalten, alles zeitgerecht zu vermehren und in Schuss zu halten. Und ich schrieb dir ja in einem der vorigen Rundbriefe, dass ich unsere Staudengärtnerei noch attraktiver für die Besucher machen möchte! Da bleibt nurmehr sehr wenig Zeit für auswärtige Veranstaltungen! Die Wiener Raribö war bisher mit Abstand unsere beste Veranstaltung, dementsprechend schwer fällt dieser Entschluss! Aber für die 3 Tage Wien sind zwei Personen insgesamt eine Woche lang beschäftigt und somit für andere, sehr wichtige Arbeiten blockiert!

Am 23. und 24. April findet dafür aber endlich wieder unser gemeinsames Verkaufsoffenes Wochenende statt und da möchte ich dich und deine Familie auf das Herzlichste einladen! Darauf freue ich mich ganz besonders, denn hier kommen immer enorm viele Freunde, Kunden und Bekannte in die Gärtnerei, meist auch von weiter weg! Die Kollegen meiner Umgebung halten ebenfalls geöffnet und so findest du ein breit gefächertes Angebot vor. Unsere zusätzlichen Attraktionen: Ausgewählte und seltene Kräuter von Biogärtnerei Wolf aus dem Burgenland. Und wer sonst noch? Lass dich einfach mal überraschen!  Hier stehen alleine mehr als 3.500 Arten und Sorten, übrigens eines der breitesten Staudensortimente überhaupt. Zu wenig? Dass diese zu rund 85 % von uns selbst vermehrt werden, brauche ich dir ja nicht mehr extra zu betonen!

Zum Schluss leider noch ein trauriges Kapitel! Normalerweise äußere ich mich so gut wie nie zu politischen Themen. Unsere Gemeinsamkeiten sind Pflanzen, Garten und Natur, über die wir uns definieren, über viele Landesgrenzen hinweg. Ich schätze meine Bekanntschaften, Kunden und Staudenfreunde in aller Welt, besonders jene in unseren Nachbarländern, aber auch jene in Russland, in den Vereinigten Staaten und selbstverständlich auch in der Ukraine. Diese länderübergreifenden Verbindungen sehe ich als Staudengärtner als absolut wertvolle Bereicherung in unserem wundervollen Beruf. Unser gemeinsames Hobby sind Pflanzen und Gärten, über die wir uns verständigen, Landesgrenzen in den Köpfen verschwimmen, Begeisterung verbindet nachhaltig, noch dazu gratis neben dem Alltag des Geschäftslebens. Kann es denn was Schöneres geben? Der Garten ist für mich seit jeher ein Hort des Friedens gewesen, Pflanzen helfen uns, Gegensätzliches zu überbrücken und Gemeinsamkeiten zu finden. Eine Art „Sportausübung im Garten“? Hierin beneiden uns sehr viele Mitmenschen, zu Recht!

Das aber, was momentan in unserer östlichen Nachbarschaft geschieht, kann auf gar keinen Fall gutgeheißen werden, das ist so was von schrecklich! Ich stehe in diesem Fall unmissverständlich auf Seite der Ukraine, bei allem Verständnis für die so wichtigen Sicherheitsinteressen Russlands. Es sind von der Seite des Westens in der Vergangenheit Fehler gemacht und Versäumnisse verschleppt worden. Dies berechtigt aber in keiner Weise, mit blanker Waffengewalt gegen wehrlose Zivilisten vorzugehen. Unverantwortliche, narzisstisch veranlagte Politiker mit Machtgier und Größenwahn sollten lieber auf die Stimme ihres Volkes hören, denn gerade in Russland ist eine Mehrheit gegen Krieg und Unterdrückung, leider erfährt aber nur eine Minderheit auf Umwegen, was wirklich Sache ist. Aus Russland vernahm ich über Mail von langjährigen Kunden und guten Freunden, dass dies nicht mehr ihr geliebtes Land ist, dies ist nicht mehr jenes Russland von Tolstoj, Schostakowitsch und Puschkin, sondern wird derzeit von dunklen Barbaren beherrscht, die ihre Macht ausüben.

Besonders betrübt es mich jedoch, wenn ich dir dieses Gruppenbild zum Schluss zeige! Eine ausgelassen fröhliche und wissbegierige Schar nach einem gelungenen Seminar, welches ich 2017 in Kijev abhielt, in jener wundervollen Stadt am Dnjepr. Pflanzplaner, Gartenarchitekten und Landscapern aus allen Teilen der Ukraine, einige kamen sogar aus Belarus und Moldau. Was wurde aus ihnen, wo befinden sie sich jetzt? Ich habe leider zu den wenigsten Kontakt, aber passt auf euch auf und bringt euch in Sicherheit, wir stehen euch bei, wo wir können!

Liebe Pflanzenfreunde, lasst euch bitte nicht unnötig in den Konflikt hineinziehen und uns auseinanderdividieren, sondern bleiben wir immer miteinander auf Augenhöhe und achten uns, in Frieden und Freiheit, im Sinne der jetzt gerade erwachenden Natur! Und ich würde mich wahnsinnig freuen, die so liebenswerten Gartenfreunde in der Ukraine und in Russland, all diese genialen Phloxzüchter und enthusiastischen Gartenliebhaber, sowie Gartenplaner, die ich im Laufe der Jahre kennenlernen durfte, möglichst bald wiederzusehen!

In beiden Ländern herrschte bisher eine große gärtnerische Aufbruchsstimmung, das hat mich bei meinen Besuchen und Vorträgen dort immer sehr begeistert. Und wir könnten irgendwann, wenn dieser Krieg beendet ist, gemeinsam einen Garten des Friedens schaffen, hoffentlich schon bald, irgendwo in den fruchtbaren Weiten der Ukraine. Ein hehres, zu fantastisches Ziel? Aber unser gemeinsames, so wundervolles Hobby ist viel zu wertvoll und zu schön, als von einem so unseligen Krieg hinabgerissen zu werden!

In diesem Sinne würde ich mich freuen, dich demnächst wieder bei uns zu begrüßen! Hab einen schönen Frühling und genieße deinen Garten in der erwachenden Natur.

Dein Staudengärtner Sarastro