Newsletter IV/2015 (Werdegang von Sarastro-Stauden nach 20 Jahren)

Liebe Pamina, hallo Papageno!
Ich hatte dir versprochen, dir zu unserem 20-jährigen Jubiläum ein paar Bilder über den Werdegang unserer Gärtnerei zu zeigen und ein wenig darüber zu plaudern.

Es begann im Frühjahr 1995, eigentlich schon ein Jahr früher, nämlich hinter unserem Haus. Als ich von meiner letzten Staudengärtnerei wegging, hatte ich lediglich eine Handvoll Pflanzen zur Verfügung. Wir hatten ein Haus aus den 60er-Jahren gekauft und sofort bezogen. Drei Monate später folgte die Trennung von der Gärtnerei. Was tun? Kein Arbeitsplatz, Frau und zwei kleine Töchter. Meine Frau war Lehrerin, dies war mein riesen Glück. So konnte sie zu Beginn wieder unterrichten, ich vormittags den Haushalt führen und mich nebenher mit der Vermehrung von Pflanzen beschäftigen. Der erste größere Pflanzenbestand war eine Saxifragensammlung, die ich von einem Liebhaber aus der Steiermark übernahm. Es war gleich zu Beginn ein teures Unterfangen, aber ich hatte so ziemlich schnell ein großes Vermehrungspotential. Den Traum vom Selbständigsein träumte ich übrigens schon seit langem. Nicht nur, dass man der vielgepriesene eigene Herr ist, sondern dass man auch Wege und Pfade beschreiten kann, welche nicht den Gepflogenheiten entsprechen, sei es nun in der Sortimentsgestaltung oder im Ambiente der Gärtnerei. Mich störte der Pragmatismus in den Gärtnereien, der sich gerade im deutschsprachigen Raum durchgesetzt hatte. Alutische, Buntbildetiketten und viel Plastik, soll das des Gärtners Zukunft sein? Das kann jeder x-beliebige Baumarkt besser, mit diesen sogenannten Verkaufshilfen lockt man keinen Gartenliebhaber aus der Ecke. Mein Fernziel war es, eine Staudengärtnerei aufzubauen, welche ausschließlich Privatkunden bediente, mit einem breiten Sortiment und vielen Seltenheiten, wo Schaugärten und Produktionsflächen ineinander zu einem Gesamtwerk verschmelzen. Ich lies mich hierin sehr von Frankreich, England und auch Holland inspirieren, dort wurde die Gartenkultur als Passion vorgelebt.

Dann lagen mir einige Freunde und Bekannte in den Ohren. Selbständig – noch dazu in Österreich als Staudengärtner? Bei Null anfangen, sozusagen auf der grünen Wiese? Heutzutage werden Gärtnereien übernommen. Ich kannte nur einen Freund, der seine Gärtnerei in dieser Form einige Jahre vor uns aufbaute und das waren Thomas und Elke Kopf in Vorarlberg. Thomas war zu Feldwebers Zeiten mein erster Lehrling, er war mit ähnlicher Energie und Enthusiasmus wie ich ausgestattet. Auch er kam in eine Zwangssituation, auch er musste sich schnell entscheiden. Vielleicht liegt diese Energie uns Alemannen im Blut? Eine gute gärtnerische Ausbildung ist Grundlage und Voraussetzung, Lehr- und Wanderjahre unabdingbar notwendig, die hatte ich in verschiedenen Ländern absolviert, 200.000 Schilling waren mein Startkapital. Nicht gerade viel, dafür aber eine Familie als Rückhalt. Du wirst dich jetzt wundern, aber ein Großteil meines Anspornes fußt tatsächlich darauf, dass ich auf unseren früheren unzähligen Rucksackreisen Menschen erlebt habe, die nicht wussten, wie sie die kommende Zeit überrunden werden und trotzdem relativ gelassen und optimistisch in die Zukunft blickten.

Durch puren Zufall kam ich an den Grund und Boden, auf dem die Gärtnerei jetzt stand. Er maß etwa ein Hektar, für den Anfang viel zu viel, heute wird alles zu eng. Ich besah ihn mir und erkannte sofort seine geradezu ideale Verkehrslage. Ja, aber die nahegelegene Autobahn. Sicher, eine Idylle irgendwo in der freien Natur ist zwar wunderschön, sie kann dich aber auch umbringen, auf der anderen Seite gibt es immer noch etwas Schlimmeres, was Verkehrslärm anbelangt. Ein holländischer Staudenfreund sitzt mit seiner Gärtnerei zwischen Autobahn und Schnellstraße, er verstand meine Sorgen über den Lärm überhaupt nicht. Bei feuchtem Westwetter ist der Verkehrslärm oft unerträglich und heute trage ich seit wenigen Monaten ein Hörgerät. Kunden versicherten mir ständig, wenn du in die Pflanzenwelt Sarastros eintauchst, verschwände der Lärm automatisch. Sei es, wie es sei, ich möchte trotzdem nie mehr tauschen!

Als dann die Planierraupe kam und die Stellflächen einebnete, kamen mir Zweifel ob der Endgültigkeit und ich fragte mich, ob es vielleicht nicht doch besser gewesen wäre, als Angestellter eine Vermehrung zu leiten oder Bereichsleiter in einem Botanischen Garten zu sein. Aber dieses Unterordnen in eine Beamtenhierarchie lag mir schon gar nicht. Um Himmels willen nein – Augen zu und durch!

Aber beim Stellflächen einebnen blieb es ja nicht, es wurde sogleich eine Zufahrt zur künftigen Gärtnerei geschottert und das erste Gewächshaus errichtet. Stauden in Töpfen können bekanntlich ohne Wasser nicht existieren, also musste ein Tiefbrunnen gebohrt werden. Um auf eine ausreichend wasserführende Schicht zu gelangen, wurden die Rohre 70 m in die Tiefe geschlagen. So hatten wir Wasser im Überfluss. Gegen Reh- und Hasenfraß war ein Zaun um das gesamte Areal vonnöten. Außerdem brauchte ich einen Stromanschluss. Und und und…. Nebenbei kamen noch etliche Behördenwege, Papierkram und Bewilligungen kamen dazu, aber mit der Zeit wurde alles geregelt und lief seinen Gang.

Die ersten Jahre arbeitete ich mutterseelenallein. Drei Jahre später stellte ich Angela ein, die noch heute bei uns arbeitet. Ein Jahr darauf folgte Gerlinde. In der Zwischenzeit kamen Michael und Marie Louise, sie blieben beide etwa 3 Jahre. Sebastian stieß vor zwei Jahren zu uns. Ansonsten wechselte das Personal eher weniger. Und es kamen und gingen viele Praktikanten von der Universität für Bodenkultur oder anderen Institutionen.

Gleich von Anfang an pflanzte ich Mutterpflanzen auf, legte Wert auf authentische, sortenreine Vermehrung. Bekanntlich sind Mutterpflanzen des Staudengärtners Kapital schlechthin. Schon nach zwei Jahren kam der erste Katalog heraus, weitere Kataloge folgten im Zweijahresrhythmus. Am Anfang produzierte ich für Landschaftsgärtner bodendeckende Stauden wie Geranium, Sedum, Epimedium und dergleichen. Außerdem baute ich Trockenmauern, errichtete Steingärten— Eine große Stütze war für mich die Abteilung Landschaftsbau des Landes Oberösterreich, für die ich viele Jahre lang etliche Fahrbahnteiler und Verkehrsinseln mit Stauden konzipierte. Das waren bunte Staudenbeete zwischen Asphalt und Verkehr, an denen die Bevölkerung ihre Freude hatte! Dann gab es vom Land auf einmal kein Geld mehr für diese Art des Öffentliche Grüns, aber ab diesem Zeitpunkt hatten wir uns schon so weit etabliert, dass man von den Erlösen der vielen Privatkunden und Liebhaber leben konnte.

Ich wollte dir auch längst schon einmal erzählen, dass ich zu Beginn meiner Selbständigkeit fast jedes Jahr nach England reiste. Dort knüpfte ich schon im Laufe der späten 80er-Jahre sehr gute Kontakte zu Gärtnern, Sammlern und Züchtern, sowie zu manchen Botanischen Gärten. Dies kam mir damals sehr zugute und mit den Jahren wurden von mir viele Seltenheiten an Stauden ins Innviertel „überführt“! Und ich kann mich auch noch an eine zweiwöchige Fahrt erinnern, wo ich gleich zu Beginn mit PKW und Anhänger von Dänemark über Belgien bis Süddeutschland alle möglichen Staudengärtner abklapperte und Staudenneuheiten einsammelte. Noch keine 20 Jahre her, aber heutzutage undenkbar, denn vieles kann man sich heute bequem schicken lassen. Damals allerdings waren nur sehr wenige Staudengärtnerkollegen auf Versand eingerichtet und vor Ort in einer Gärtnerei sieht man eben doch noch andere Dinge oder lässt seine Beziehungen spielen.

Und ohne offene Grenzen und ohne die Mitgliedschaft Österreichs in der EU wäre ich heute mit meinem Sortiment aufgeschmissen, denn bei allen Vor- und Nachteilen ist die EU ein riesiger Markt, unsere Alpenrepublik alleine wäre für dieses breite Sortiment viel zu klein. Inzwischen gehen 60 % der Jahresproduktion an ausländische Kunden, sei es an Deutsche, die uns in der Gärtnerei besuchen oder über den Staudenversand. Im Laufe der Jahre wuchs unser Sortiment auf nahezu 3.000 Arten und Sorten an. Bei einer Staudengärtnerei wie der unseren rechnet man mindestens 10 Jahre, bis man dieses Sortiment aufgebaut hat. Wir vermehren und topfen nach wie vor mehr als 90 % des Sortimentes selber, nur haben wir seit etwa 3 Jahren unsere Mutterpflanzen aufgegeben. Die produzieren nun exklusiv eine Gärtnerei in Nürnberg professionell für uns. Dafür sind neue Stellflächen, sowie weitere Schaugärten hinzugekommen.

Von Beginn an haben wir uns entschlossen, den Versand zur wertvollen Stütze des Unternehmens zu machen. Unsere Stauden verschicken wir in viele Länder, der Löwenanteil geht allerdings nach Deutschland. Der Versand der Stauden erfolgt von März bis Juni und von September bis Ende November. Das Verpacken ist eine äußerst verantwortungsvolle Tätigkeit, man kann gar nicht umsichtig genug agieren! Was mir allerdings sehr wichtig ist und ich in diesem Zusammenhang immer wieder bemerken muss, ist die Tatsache, dass wir uns niemals zur reinen Versandgärtnerei entwickeln möchten. Der Versand unserer Stauden sehen wir als wichtiges Standbein des Betriebes, aber am liebsten sind uns immer noch die Kunden vor Ort, trotz unseres umfangreich gestalteten Webshops.

Denn wozu hätten wir dann soviel Energie für die Schauanlagen investiert? Staudengärtnerei bedeutete für mich nicht seelenlose Produktionsstätte zu sein, sondern auch ein Stück weit zur Gartenkultur beitragen, zur Sortimentspflege und –erhaltung, das Selektieren von Neuheiten! Und schau dich doch einmal bitte um! Viele Stauden werden bereits sprichwörtlich „an der Tankstelle“ verhökert. Eigentlich eine Beleidigung für die Pflanze. Ist es nicht schön, wenn man dagegen die Stauden vor Ort erwachsen werden sieht und die Pflanze nicht aus einer Massenanzucht stammt, ähnlich wie bei Tieren? Natürlich sind wir nicht weltfremd, auch wir wollen schließlich leben. Aber wir sehen unsere Tätigkeit in erster Linie als Passion und als gelebte Regionalität an.

Und du sollst dich bei uns in erster Linie wohl fühlen! Und nimm genug Zeit mit, schalte ab und lass ab vom Alltagsstress. Wir finden es ohnehin bewundernswert, wenn du vielleicht sogar Hunderte Kilometer auf dich nimmst, um zu uns zu gelangen!

Im Laufe der Jahre waren wir an vielen Gartentagen und Pflanzenmärkten zu finden. Diese Veranstaltungen haben neben den winterlichen Vorträgen und dem Artikelschreiben ganz entscheidend zum Bekanntheitsgrad beigetragen. Diese Präsenz haben wir in letzter Zeit etwas zurückgeschraubt und beschränken uns nur noch auf diejenigen Veranstaltungen, wo Garten und Pflanzen eindeutig im Vordergrund stehen. Denn der Ramsch hat unglaublich zugenommen! So begrüßenswert Gartentage für die gelebte Gartenkultur auch sind, wenn aber Stände zugelassen werden, die mit Garten nicht im Entferntesten etwas zu tun haben, so ist dies eine Entwicklung, die man nicht gut heißen kann, die zumindest den Begriff Gartentage nicht mehr verdienen.

Ich habe mich jedenfalls immer sehr gefreut, dich an etlichen Veranstaltungen persönlich begrüßen zu dürfen. So konnte man sich wenigstens einmal kennengelernt. Im Laufe der Zeit sind wir von Hamburg bis Wien an vielen Gartentagen unterwegs gewesen. Schade einerseits, da man kaum mehr mit Kollegen ins Gespräch kommt. An Gartentagen präsent zu sein bedeutet aber auch, dass man ein Maximum an Energie aufbringen muss, um seinen Stand ansprechend zu gestalten und nur Topwaren verkauft. Mein oberstes Credo waren stets blühende Stauden.

Nun sind 20 Jahre vergangen. Eigentlich relativ schnell. Was bleibt übrig und was bringt uns die Zukunft? Einmal möchte ich dir persönlich ganz herzlich Dank aussprechen für deine Treue und dein Vertrauen, welches du uns entgegen brachtest. Einen Ausblick in die Zukunft kann ich dir nicht vermitteln. Deine Gartenarbeiten sollten jedenfalls keine Kraftanstrengung sein und dir nicht zur Belastung werden. Garteln sollte stets eine lockere und sinnerfüllende Tätigkeit bleiben. In den letzten Jahren ist Gartenarbeit fast schon zum Volkssport geworden, das merkt man besonders an den Wochenenden, wo immer mehr Menschen sich dem eigenen Grün widmen, anstatt rituell ihr Auto zu putzen.

Und hier siehst du einige Bilder der Gärtnerei, wie sie sich heute präsentiert. Die Luftaufnahme ist allerdings auch schon wieder 4 Jahre alt!

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Was gab es sonst noch Neues? Ganz besonders hat es uns gefreut, dass Jonas Reif und ich mit unserem Buch „Blackbox Gardening“ des Ulmer-Verlages für den 1. Preis (Kategorie Bester Ratgeber) bei der Deutschen Gartenbuch-Preisverleihung nominiert wurden! Und gleichzeitig wurde mein Angestellter Sebastian Ehrl für seinen „Bio-Starter“ mit dem Leserpreis von „Mein-Schöner-Garten“ ausgezeichnet. Die Bewertung wurde von einer hochkarätigen Jury im Schloss Dennenlohe in Nürnberg vorgenommen. Dies ist endlich der Beweis für mich, dass es zwar sehr schwierig, aber nicht unmöglich ist, mit neuen und ungewöhnlichen Themen auch heutzutage erfolgreich Bücher auf den heiß umkämpften Markt zu bringen. Und dies zu einer Zeit, wo Bücher am laufenden Band Jahr für Jahr produziert und nicht mit Leidenschaft geschrieben werden und man gewisse Themen fast zum Abwinken ständig von neuem ausschlachtet. „Blackbox Gardening“ erscheint übrigens bereits in der 3. Auflage und steht unter einem Lizenzvertrag bei Timber Press/USA und wurde für Ulmer France ins Französische übersetzt, unter dem Titel „Laissez Faire“.

Der Versand hat bei uns voll begonnen, wir sind am Verpacken der Aufträge. Du kannst jederzeit unter shop.sarastro-stauden.com ein Konto anlegen und deine Wünsche bestellen. Oder wir sehen uns wieder hier in der Gärtnerei? Die Schneeglöckchen sind bereits verblüht, nun kommt die ganze Palette an Frühlingsblüher dran! Auf die Staudenmärkte im Botanischen Garten Berlin-Dahlem und in Wien freue ich mich schon wieder sehr, stellen sie für mich die Idealform von breit sortierten Pflanzenmärkten dar! Dies merkst du deutlich am unglaublichen Besucherandrang, der da wie dort stattfindet. Den genauen Termin findest du auf unserer Homepage unter „Veranstaltungen“. Wir bringen dir auch wieder gerne deine Vorbestellungen dorthin mit, die du dann jederzeit bequem von unserem Stand abholen kannst.

Jedenfalls wünsche ich dir ein paar geruhsame Osterfeiertage, genieße die erwachende Natur!

 

Dein Staudengärtner Sarastro

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Viele Grüße/ Best regards/ С уважением Christian H. Kreß