Newsletter IV/2017 (Schwerpunkt Riesensteinbrech, Bergenia)

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Jeder Mensch verbindet mit Frühling etwas anderes. Vorfreude auf Erwachen der Natur, endlich den lästigen Winter los, wieder wärmere Temperaturen und vieles mehr. Frühling heißt für mich den süßen Duft von Primeln und Seidelbast einsaugen, den ich schon im ausklingenden Winter in der Nase habe, bevor ich überhaupt zum Riechen Gelegenheit habe. Der zarte Duft der Vorfrühlingsalpenveilchen gesellt sich dazu, sie gehörten ja schon immer zu meinen Lieblingspflanzen. Und der modrige Geruch aufgetauter Erde bei abendlich milden Temperaturen. Für mich bedeutet Frühling aber auch Körperumstellung, sowie für Neues offen zu sein, nichts wie hinaus, den Stress annehmen dürfen und sich letztendlich wieder auf deine Besuche einstellen. Wie es dabei wohl all meinen Staudengärtnerkollegen ergeht? Wahrscheinlich ganz ähnlich.

Die Schneeglöckchen hatten dieses Jahr wieder voll eingeschlagen. Eigentlich sind wir ja von der Witterung her benachteiligt, denn im Nordwesten und Westen beginnt die allgemeine Vorfrühlingsblüte wesentlich früher und die dortigen Veranstaltungen werden von deinen Freunden natürlich sehr rege besucht, bevor wir überhaupt an einen Verkauf denken können. Trotzdem scheint das Potential hier im Südosten anscheinend noch vorhanden zu sein. Wir versuchen in den kommenden Jahren für die Schneeglöckchenwoche unser Sortiment an Vorfrühlingsblüher noch attraktiver und vielfältiger zu gestalten, so dass es sich für dich auf alle Fälle lohnt, uns zu besuchen!

Unsere deutschen Staudengärtnerkollegen erkoren dieses Jahr die Bergenie zur Staude des Jahres 2017. Von mir aus kann die Bergenia auch ohne Übertreibung zur Staude des Jahrhunderts emporgehoben werden! Sie bräuchte gar keinen jährlichen Werbepusch, sie wirbt auch im Stillen für sich, wenngleich sie schon deslängeren den Ruf als verblichene, etwas altmodisch wirkende Großmutterpflanze besaß. Dies rührt wahrscheinlich aufgrund ihres altbackenen, derben Äußeren, den sie bei vielen Hobbygärtnern hervorrief und dadurch etwas in Verruf geriet. Heute schreibe ich dir meine Erfahrungen mit diesen archaischen Gesellen, die eigentlich schon längst eine Platinmedaille als gartenwürdigste Stauden verdient hätten, wenn es diese gäbe. Einen Staudengärtner begleiten die Bergenien unauffällig von der Wiege bis zum Tod, mal stärker, mal schwächer, doch stets präsent. Es gibt Kollegen, die in ihrem Sortiment eine Armada an Sorten hegen, andere begnügen sich lediglich mit drei Allerweltsfarben. Aber jeder besitzt sie in seinem Sortiment, ja man muss sie haben, denn ohne sie geht dir im Garten etwas Entscheidendes ab!

Bergenia wachsen in Asien zwischen Afghanistan und Fernost, in der Natur meist auf Felsen und in Schotterfluren, aber auch auf Bergwiesen. Sie werden auch Riesensteinbrech genannt, obwohl sie unter diesem Namen kaum wer kennt, denn im Allgemeinen werden sie schon im Volksmund Bergenien genannt und jeder weiß, welche urwüchsige Staude damit gemeint ist. Meine erste Bergenia am Naturstandort konnte ich damals in Nepal im grandiosen Kali-Gandaki-Tal entdecken, als ich zu Fuß mutterseelenallein durch ein staubiges Hochtal nahe der tibetischen Grenze streifte. Irgendwo im Diaschrank existiert davon ein verblichenes Bild, wo man Bergenia ciliata auf dem Felsen im Schatten erkennen kann. Die meisten Bergenia besitzen ein glänzendes Blatt, das wie poliert wirkt. Eine andere Wildart (Bergenia ligulata) fällt durch ihre mollig behaarten Blätter auf, ich sage immer Riesenusambaraveilchen dazu, diese Ähnlichkeit lässt sich wirklich nicht leugnen.

Meine „dienstälteste“ Bergenie siehst du unten im Bild, das ist jene Sorte ‘Morgenröte‘, welche im Nachbarort Hauenstein meiner früheren Heimat am Hochrhein seit mehr als 45 Jahren auf einer südseitigen Mauer sitzt, ohne dass sie jemals gegossen wird oder eine nennenswerte Pflege erfährt. Sie ernährt sich ähnlich einer Hauswurz wohl von ihrem eigenen Mist, den abgestorbenen Blättern und dann und wann wird wohl ein Vogel oder eine Katze für intensivere Düngung sorgen.

Bergenien sind so vielseitig wie kaum eine andere Staude in deinem Garten! Du kannst sie als Einfassungspflanze setzen, aber auch als Gruppen- und Füllstaude in herkömmlichen Beeten, zu Rosen, in Kiesgärten, in Steingärten, auf Friedhöfen und als abgasresistente Staude auf Verkehrsinseln, im Gehölzrandbereich, ja selbst im tiefsten Schatten, dort aber blüht sie kaum noch, aber lockert doch so manch langweilige Ecke auf. Aber gerade die Harmonie zwischen Blüten und Blättern ist es, die den Charme dieser robusten Stauden ausmachen, bei mancher Sorte sind es natürlich auch die auffälligen, wintergrünen Blätter in der kalten Jahreszeit, die dann so metallisch glänzen. Ich legte in unserem Schaugarten ein neues Beet an, die Bergenien bilden dort entscheidende Akzente, denn gerade sie sind es, die mit ihrer Blüte früh einsetzen, schon recht bald nach den Schneeglöckchen und zeitgleich mit vielen Narzissen. Das solltest du ausnützen!

Schon recht bald wurde die Gattung Bergenia züchterisch bearbeitet. Kaum zu glauben, was sich hier mit den Jahrzehnten an Farben und Formen hervorgetan hat, denn die Wildarten blühen eher von bescheidener und blasser Schönheit. Auch die Form des Blattes kann durchaus vielseitiger Natur sein. Wir kennen längliche, konvexe Blätter, gewellte, kreisrunde, grüne, braune oder rötliche Blätter, solche, die derb und grobschlächtig sind, andere geben sich eher schlapp und zweitrangig.

Auch die Blüten zeigen sich äußerst vielgestaltig, besonders hinsichtlich ihrer Größe und Form. Während die einen Blüten groß und offen sind und dich anschauen, hängen sie bei bestimmten Sorten glöckchenförmig aufgereiht an verzweigten Rispen.

Hier siehst du einen sehr alten Bergenienbestand am Schloss Weingartsgreuth im Frankenland:

‘Baby Doll‘ ist eine der niedersten Sorten, mit babyrosa Blüten, ‘Walter Kienli‘ der Elefant unter den Riesensteinbrech, wuchtig und anmaßend, aber nur bescheiden in ihrer Blüte. Dazwischen gesellt sich alles, was dein Herz begehrt. Eines meiner Lieblinge ist und bleibt die alte ‘Silberlicht‘, welche große, weiße Blüten an rötlichem Stängel hat. Eigentlich sind sie alle schön, ob es ‘Rietheim‘ ist, die Frau von Stein-Zeppelin an einem Bahnwärterhäuschen in der Nordschweiz entdeckte. Diese Sorte besitzt zahlreiche, kleine, dunkelrosa Blütchen, die über frisch grünem Blattwerk stehen, das so keine der vielen anderen Sorten hat. In der Auslese neuer Sorten war die Mutter von Annemarie Eskuche in Ostenholz am Rande der Lüneburger Heide. Sie selektierte einige sehr reichblühende Auslesen, so zum Beispiel ‘Blickfang‘, ‘David‘, ‘Biedermeier‘, ‘Rote Schwester‘ oder ‘Rosa Zeiten‘.

Und dies hier ist ‘Rietheim‘, jene Bahnwärterbergenie, die Frau von Stein-Zeppelin in der Schweiz in einem Gärtchen an einem Bahnübergang in einem Garten entdeckte und sich ein Stück davon zur Vermehrung erbat:

Den absolut züchterischen „Hammer“ aber hat der inzwischen weitum bekannte Staudenzüchter Ernst Pagels aus Leer/Ostfriesland hervorgebracht. Wenn du mal eine Bergenie siehst, welche mit ihren dunkelroten Blütenstängeln kerzengerade bis über 60 cm hinaus an Höhe erreicht, die glöckchenförmigen Blüten in einem unvergleichlich tiefen Rubinrot erblühen, die sich dann im Abblühen violett verfärben, die Blätter besonders im Winter metallisch dunkelbraun glänzen, so wird dies mit Sicherheit ‘Eroica‘ sein. Ich behaupte immer, dass ich diese wundervolle Bergenie unter allen anderen Sorten wiedererkenne, denn wir haben sie im Sortiment, seit ich selbständig bin. Daher ist es für mich auch vollkommen unverständlich, dass es hier irgendwelche Zweifel gibt, denn die echte ‘Eroica‘ offenbart sich dir mit traumwandlerischer Sicherheit von ähnlichen Sämlingen. Ernst Pagels war ein äußerst bescheidener und selbstkritischer Mensch und wenn du das Glück hattest, ihn noch kennenzulernen, dann wirst du es bestätigen, denn keine seiner Züchtungen war ihm perfekt genug!

Hier erkennst du unsere beiden bedeutendsten Sorten, sie stehen zufällig hintereinander: die wundervolle ‘Eroica‘ im Vordergrund, ‘Silberlicht‘ gleich dahinter. Bei beiden ist der dunkle Blütenstängel sortentypisch.

Aber der Riesensteinbrech kann noch wesentlich mehr! Nicht nur seine Blütenrispen, sondern auch seine Blätter dienen dir als willkommenes Beiwerk für Sträuße und Gestecke aller Art. Wir werden jedes Jahr von Neuem gefragt, wo denn die Schuld zu suchen ist, dass manche Bergeniensorten nach Jahren nicht mehr voll blühen wollen. Meist liegen die dicken Rhizome blank in der Höhe. Du musst nur einige Eimer guten Kompost zwischen die Wurzelstöcke leeren, dann ergibt sich dieses Problem mit der Blühfaulheit meist von selbst. Du kannst die Horste auch aufnehmen und grob auseinanderteilen. Oder stehen deine Bergenien etwa zu schattig? Obgleich sie auch in tiefstem Schatten immer noch gut gedeihen, blühen sie nur in ausreichend sonniger Lage in sortentypischer Fülle. Die sogenannte Standortamplitude ist beim Riesensteinbrech gigantisch breit, was aber nicht heißen muss, dass sich diese immer ideal auf die Blüte auswirkt.

Ein kleiner Punkt darf nicht verschwiegen werden, so robust Bergenien auch immer sein mögen. Vielleicht sind dir schon einmal die kleinen, halbmondförmigen Einschnitte an den Blatträndern aufgefallen. Dies sind die gefürchteten „Gefurchten Dickmaulrüssler“, ein Käfer, der nicht fliegen kann, welcher in den warmen Sommermonaten bei Nacht aktiv ist und an den Blättern knabbert. Sie sehen dann wie gekerbt aus. Meist kauft man sich diese Pest zu, ohne es zu merken! Wir hatten jahrelang nie damit Probleme, eines Tages war es dann auch bei uns so weit. Mithilfe von mikroskopisch feinen Fadenwürmern kommt man den Larven bei, welche an den Wurzeln großes Unheil anrichten können, übrigens nicht allein bei deinen Bergenien. Falls du Purpurglöckchen oder Schaumblütenteppiche besitzest, deren Horste sich ohne weiteres wegheben lassen, weil die Wurzeln und Rhizome angefressen wurden, dann grabe mit den Händen nach und du wirst bald fündig! Kleine, weiße Engerlinge findest du an den Wurzeln und Rhizome vieler Stauden aus der Familie der Rosen- und Steinbrechgewächse (Rosaceae und Saxifragaceae). Man kann sie auch aufsammeln und mit den Fingern zerdrücken, aber das ist ungefähr das gleiche Unterfangen wie Don Quichote gegen seine Windmühlen! Außerdem spritzt dir der Saft der zerquetschten Made meist mitten in dein Gesicht… Mit besagtem Nematodenmittel, das du im Fachhandel bekommst, lässt sich dieses Problem trotzdem sehr schnell in den Griff bekommen, vorausgesetzt, du wendest das Mittel richtig an, nämlich bei Temperaturen über 15 Grad, aufgelöst in der Gießkanne, breitflächig über deine Bergenien.

April, für uns der mit Abstand stressigste Monat, wir sind am Bedienen und am Kommissionieren deiner vielen Bestellungen. Und wenn du unseren Veranstaltungskalender betrachtest, so kannst du uns am 1. und 2. April wieder auf dem Staudenmarkt in Berlin-Dahlem antreffen. Wir haben auf eigenem Wunsch unseren Standplatz gewechselt und stehen ab heuer auf einer Rasenfläche ziemlich zentral entlang der großen Gewächshäuser, schräg gegenüber befindet sich ein Cafe. Neben mir ein holländischer Kollege, gegenüber Bekannte aus Großbritannien und Belgien, wunderbar, ich liebe diese Internationalität. Wir standen schon im Herbst dort und ich fand diesen Platz äußerst angenehm!

Und dann findet, bedingt durch Ostern, schon kommendes Wochenende am 7. bis 9. April die Wiener Raritätenbörse statt, im Botanischen Garten Wien, Rennweg, im 3. Bezirk. Wir stehen wie immer vor dem altehrwürdigen Gingkobaum im unteren Drittel des Gartens. Bin mal gespannt, was wir anlässlich dieses durch die Osterfeiertage wesentlich früheren Termins für dich an Pflanzen mitbringen und präsentieren können!

Unser Verkaufsstand an der Wiener Raritätenbörse

Das letzte Aprilwochenende findet wie immer unser Verkaufsoffenes Wochenende unter dem Motto „Blühend in den Frühling“ statt, zusammen mit Kollegen aus der Umgebung und dieses Jahr wieder mit einigen Highlights, unter anderem mit unseren Freunden Clematis Herian, die mit einem Waldreben-Sortiment aufwarten, das seinesgleichen sucht! Auch hier darfst du ohne Weiteres vorbestellen unter www.clematis-herian.de. Familie Lugerbauer kredenzt wieder ihre köstlichen, sehr kreativen Marmeladen und Chutneys und Katrin Lugerbauer stellt dir ihr neuestes Buch über Schattenstauden vor. Mal sehen, wer sich sonst noch zu uns gesellt!

Clematis Herian wird von Besuchern umringt!

Näheres zu diesen Veranstaltungen, die genaue Location etc. findest du wie immer auf unserer Website! Wie immer bringen wir dir gerne Vorbestellungen mit, allerdings wäre es sehr nett, wenn du diese bis spätestens 5 Tage vor dem jeweiligen Termin uns zukommen ließest.

Wünsche dir schönes Frühlingserwachen in deinem Garten!

Dein Staudengärtner Sarastro

Viele Grüße/ Best regards/ С уважением