Newsletter IX/2015 (Patrinia, Veronica)

Veronika, der Lenz ist da! Äh, Veronica natürlich. Und Vernonia? Was soll das denn? Also alles mal der Reihe nach. Hier spinnen anscheinend schon alle wegen der Hitze und der unbeschreiblichen Trockenheit. Es ist zum Derbarmen. Ich bin wirklich hart im Nehmen, aber so einen Sommer hatte ich noch nie erlebt.

In meiner alten Heimat am südbadischen Hochrhein waren wir Sommertemperaturen jenseits von 35 Grad gewöhnt, noch dazu war es dort oft schwül und gewittrig. Aber solche Temperaturen, hier im Innviertel, noch dazu über viele Wochen, ohne nennenswerten Regen? Es war wie verhext, im nahegelegenen Bayrischen Wald regnete es, wenn auch nicht viel, im Salzkammergut dafür etwas mehr, im nordöstlichen Sauwald und im südlichen Kobernaußerwald gingen teilweise heftige Gewitter nieder. Und bei uns? Nichts, ein echtes Regenloch! Ein Klima wie in Dalmatien.

Ich persönlich hatte noch nie was gegen solch hohe Temperaturen, aber ein gelegentlicher, nächtlicher Regenguss wäre doch erholsam gewesen für Mensch und Natur, litten meine fleißigen Mitarbeiter teilweise große Qualen. Wie war denn deine Situation? Bei mir pendelte sich der Tagesbeginn ab 5 Uhr morgens ein, bis 9 Uhr hatte ich alles durchgegossen, die Regner umgestellt. Notfalls gossen wir auch abends nach 19 Uhr, denn alles, was unter Tag beregnet wird, kann man vergessen, dies hat keinen Sinn, dient nur der Gewissensberuhigung und stresst nur die Staude und den Menschen, der dahintersteht. Aber auf die Siesta freute ich mich jeden Mittag, denn der Tag war ohnehin ausgefüllt mit Topfen und Teilen.

Welche Stauden in unserem Schaugarten hatten diese grauenvolle Trockenheit schadlos überstanden, ohne einen Kratzer, ohne ein gelbes Blättchen? Dies wird dich sicher brennend interessieren, habe ich mich doch bis zum Schluss geweigert, den Regner im Schaugarten laufen zu lassen. Ich denke nach. Natürlich die Sukkulenten und alle Steppen- und Wüstenpflanzen. Die meisten Beetstauden, einschließlich der vielgelobten Phlox amplifolia, wiesen erhebliche Trockenschäden auf. Du wirst dies spätestens am 5. September bei deinem Rundgang unschwer erkennen. Manche schnitt Anna ganz herunter, so unansehnlich waren Blätter und Blüten geworden.

Ein frischer Austrieb hilft über das Desaster hinweg. Ja, heute fiel mir besonders eine Staude auf, die keinerlei Makel hatte und munter blühte, als wäre nichts gewesen, als könne sie weiterhin noch manche Trockenheit ertragen: Patrinia scabiosifolia, ein Goldbaldrian, der mit mehreren Arten aus Sibirien und Ostasien stammt. Herrlich anzusehen, seine goldgelben, locker bis dichte Teller, die am Gehölzrand alles beleben. Mich interessieren auch andere Goldbaldrian-Arten, aber man kommt sehr schwer an solche heran. Trotzdem stehen hier noch einige seltenere Arten,  allerdings ohne eine Langzeitprobe hinter sich zu haben. Sehr beeindruckend ist eine unbestimmte Art, die ich von Hans Kramer aus Holland mitbrachte. Ihr vertrockneter Blütenstand ist schon sehr beeindruckend!

Patrinia spec. ( Unbekannte Art, von „De Hessenhof“, Hans Kramer, Niederlande)

Patrinia spec. ( Unbekannte Art, von „De Hessenhof“, Hans Kramer, Niederlande)

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Patrinia scabiosifolia – einer der höheren Goldbaldrian-Arten

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Patrinia scabiosifolia

Natürlich konnte die Trockenheit auch den Funkien nichts anhaben. Erst als sie begannen, ihre Blätter traurig hängen zu lassen, da begann ich zu überlegen, ob es nicht endlich an der Zeit wäre, einen Regner auch im Schaugarten aufzustellen. Ich bin ja eigentlich ein Gegner von allzu vielem Bewässern, schon gar nicht, wenn jeden Tag ein wenig „herumgepritschelt“ wird. Dies nützt bekanntlich nur den Schnecken. Wenn jedoch nach wochenlangen, hohen Temperaturen die Stauden langsam die Köpfe hängen lassen und von unten gelb und unansehnlich werden, dann ist es höchste Zeit, den Schlauch für einige Stunden in das Beet zu legen oder für eine ganze Zeit den Sprenger aufzustellen. Mit durchdringendem Wässern erreichen wir ein anhaltend gutes Resultat. Alles andere ist sinnlos!

Ich nenne die halbhohen Arten und Sorten von Veronica longifolia von nun an den „Frühsommerehrenpreis“. Leider sind ‚Schneeriesin‘ und ‚Blauriesin‘, die beiden alten Sorten von Karl Foerster in unserem Klima und Boden alles andere als langlebig, das muss man mal mit aller Deutlichkeit sagen. Sie sind ein, zwei Jahre lang hübsch und dann vertschüssen sie sich aus unersichtlichen Gründen. Außerdem sind sie ursprünglich Kinder von Feuchtwiesen, wer hat schon Feuchtwiesen in seinem Garten! Wesentlich besser ist hingegen die neuere, weiß blühende Sorte ‚Inspiration‘. Sie blüht in unglaublich vielen, straffen Rispen und kommt erst so richtig zur Geltung, wenn sie schon einige Jahre im Garten hinter sich hat. Jedoch hat sich Veronica ‘Evelyne‘ bei uns viel besser etabliert, wenn man ihr einen etwas frischeren Boden zugesteht.

Nach langem Suchen fand ich endlich wieder Veronica subsessilis alias Veronica hendersonii, oder von mir aus auch unter Veronica subsessilis var. hendersonii zu finden, neuerdings wird sie als Veronica sachalinensis geführt. Puuuhhh! Dies ist eine schon ältere Kulturform, die ich schon damals zu meiner holländischen Zeit kennenlernen und schätzen durfte. Die amerikanische Auslese ‘Sunny Border Blue‘ ist indentisch mit ihr. Sie zeichnet sich durch wesentlich breitere, dunkelblaue Rispen aus, die an der Basis im Gegensatz zu den Veronica longifolia-Sorten nur wenig verzweigt sind. Nach ihrer Blüte kannst du sie auf die Hälfte zurückschneiden, was ein leichtes Remontieren, ein erneutes Blühen bewirkt. Über einen Bekannten bekam ich diesen fantastischen Ehrenpreis endlich wieder, diese eine Pflanze steht nun seit Jahren an ein und derselben Stelle am Fuße eines rund zwei Meter hohen Mädchenauges (Coreopsis tripteris), das nun mit zarten, hellgelben Blüten jeden Besucher erfreut.

Veronica sachalinensis (syn. Veronica subsessilis var. hendersonii)

Veronica sachalinensis (syn. Veronica subsessilis var. hendersonii)

Als einen weiteren, sehr guten Ehrenpreis kann ich dir Veronica ‘First Love‘ empfehlen. Diese Sorte wird auch unter Veronica spicata geführt, ich denke aber, dass es sich hierbei doch um eine Hybride handelt. Ihre leuchtend rosaroten, dicken „Blütenähren“ sprechen eine deutliche Sprache. Das Blattwerk ist dunkelgrün und stets gesund. Ein sonniger Standort sagt ihr am besten zu. Diese viel versprechende Neuheit stammt aus den USA. Du kannst sie besonders als Füllstaude in kleinen Gruppen in jedes Beet pflanzen. Auch ein halbschattiger Standort kann ihr nichts anhaben, in der vollen Sonne ist sie aber viel farbintensiver und daher besser aufgehoben.

Veronica spicata

Veronica spicata

Ein Klassiker und Star der Ehrenpreise für trockene Standorte ist Veronica teucrium ‘Knallblau‘. Keine andere Sorte mit ihrem Enzianblau hat eine solch beispiellose Leuchtkraft! Du kannst sie als Einfassungspflanze, aber auch einzeln auf trockenen Freiflächen integrieren. Ein Rückschnitt ist auch hier förderlich für eine kleine Nachblüte.
Über die ganzen hohen Ehrenpreis-Sorten schreibe ich dir ein andermal in einem extra Rundbrief. Du kannst aber auch in der Gartenpraxis einen Sortenüberblick finden, der in einer der letzten Ausgaben von Prof. Dr. Bernd Hertle zusammengefasst wurde.  Diese Hohen Ehrenpreise sind viel zu prächtig, um sie oberflächlich salopp und so ganz nebenbei aufzuzählen. Und auch über die Gattung Vernonia, diesen stattlichen Präriestauden, die von deinen Freundinnen immer mit Ehrenpreis verwechselt wird und deren Arten die 3 m-Marke mühelos überschreiten und bei uns niemals umfallen.
Was tut sich sonst bei uns? Ich begann mit unserem Phloxmuseum. Aber das ist eine andere Geschichte, ich schreibe dir im Laufe des Herbstes davon.

Am Samstag, den 5. September findet nun unsere Jubiläumsveranstaltung statt, über die ich dich schon hinreichend informiert habe. Ich kann nur wiederholen, dass ich mich sehr freuen würde, dich hier begrüßen zu dürfen, auch im Namen meiner Kollegen und Freunde. Und ich bin mir sicher, dass du viele deiner Freunde und Bekannte triffst! Für dein leibliches Wohl wird gesorgt werden, auch Parkplätze sind reichlich vorhanden. Falls du detailliertere Infos erfahren möchtest, bitte lese unter „Veranstaltungshinweise“ auf unserer Website oder in unserem letzten August-Rundbrief. Wir stehen trotz großer Trockenheit und ständigem Gießen mitten in den Vorbereitungen.
Im September fahren wir dieses Jahr an keine Gartentage, außer am 8. September zum alljährlich stattfindenden Verkaufsabend im Botanischen Garten Linz. Ab 17 Uhr stehe ich zur Verfügung und stelle euch bekannte und unbekannte Stauden vor. Unter dem Pavillon im hinteren Teil lässt es sich prima aushalten!

Bis dahin auf jeden Fall gesundbleiben und wir hören voneinander.

Alles Gute wünscht dir dein Staudengärtner Sarastro