Newsletter IX/2016 (Estland, Gärten und Landschaft)

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Der Sommer, er war nicht nur gefühlt viel zu kurz, weil eher zu nass, so gänzlich anders als der letztjährige, viel zu trockene. Einen solchen wünsche ich mir kein zweites Mal!

Im September- Rundbrief möchte ich dir von meiner letzten Reise nach Estland erzählen. Dieses nordische Land ist etwa so groß wie halb Österreich, hat aber lediglich 1,3 Millionen Einwohner. Dementsprechend entspannt ist die tägliche Situation, keine Staus auf den Straßen, kein Gedrängel, wo auch immer du gerade bist. Estland besticht durch seine Naturschönheiten, den ausgedehnten Wäldern und Seen und vor allem durch die Küste des baltischen Meeres, bei uns besser bekannt unter dem Namen Ostsee. Trotz aller Einsamkeit, Wölfe und Bären bekamen wir nicht zu Gesicht, leider nicht einmal einen einzigen Elch! Dafür wurden wir belohnt, was Kulturgüter anbelangt. Du kannst Wochen verbringen, um Schlösser und Burgen zu besichtigen, alte Herrensitze aus der Zeit des Deutschordens mit angeschlossenem Park. Und natürlich die Botanischen Gärten in Tartu und Tallinn, die allein schon eine Reise wert sind!

Aber auch die Natur bietet einiges. Die Strandflora war sehr abwechslungsreich und vielfältig. Wir konnten den Meerkohl (Crambe maritima) in seiner vollen Größe bewundern. Auch der Strandhafer (Leymus maritimus) wuchs kontrastreich zwischen den Felsen, die vom Gletscher zurückgelassen wurden.

Die Wälder in Estland sind tief und oft undurchdringlich. Sie erinnerten mich an die uns vertraute Böhmische Masse, jedoch waren dort die Felsen wesentlich mehr von Flechten und Moosen überzogen, etwas Geheimnisvolles umgab sie. 60 % Estlands besteht aus Wald und Mooren, der Rest sind Viehweiden und Ortschaften. In den Wäldern wuchs unter anderem auch das Moosglöckchen (Linnea borealis), diese kleine, unscheinbare, weiß blühende Kriechstaude, welche mit dem Geißblatt (Lonicera) eng verwandt ist und nach Carl von Linne, dem Begründer der botanischen Nomenklatur benannt wurde. Für die Gartenkultur ist es schwierig zu gebrauchen, eher etwas für ausgefuchste Liebhaber. Man muss wissen, dass der Standort kühl sein sollte, der Boden nach Möglichkeit sauer. In Baumschulen mit gutem Sortiment findet man gelegentlich Linnea borealis var. americana. Diese Variante aus dem Norden der Neuen Welt ist wesentlich wüchsiger und unterscheidet sich von der europäischen Verwandte durch ihre gekerbten Blättchen. Die zarten Blüten erscheinen im späten Frühling. Erstmalig konnte ich diese reizende Schönheit in den Bergwäldern des Schweizerischen Kantons Graubünden entdecken, wo sie schattige Felsen überzog.

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Herrensitze prägen das Bild vieler Dörfer Estlands. Sie wurden in den letzten Jahren liebevoll restauriert. Auch die Gärten und Parks, die sie umgeben, können sich sehen lassen. In einigen konnte ich prachtvolle und gepflegte Staudenpflanzungen entdecken, die das Gesamtbild bereicherten. Nirgends war eine Menschenseele zu erblicken, alles hinterließ einen verträumten Eindruck.

Man merkte jedoch die Liebe zu Garten und Pflanzen, sei es in den weitläufigen Parks, in Privatgärten oder am Blumenschmuck in der Altstadt von Tallinn.

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Bei ein paar Herrensitzen, die noch aus dem Deutschorden stammten, waren Orangerien und verträumte Gartenhäuschen zu entdecken. Liebe zum Detail – ein Gärtnerhaus mit Anlehngewächshaus. Und sag ehrlich – wünschst du dir nicht auch so einen Zaun, mit Flechten bewachsen? Bei Aurikeltöpfe betreiben wir für wenig Patina einen Aufwand ohne Ende, hingegen sollte ein Zaun spätestens alle fünf Jahre frisch gestrichen werden. Ich würde hingegen viel lieber solch einen Flechtenzaun mein Eigen nennen!

Im Botanischen Garten Tartu entdeckte ich unter Sträuchern eine Fläche, welche von Viola variegata durchzogen war. Wie heikel das Ding doch bei uns ist! „A pig in propagation“, im Topf kurzlebig, höchstens noch durch Selbstaussaat im Steingarten zu gebrauchen. Dort wächst es zu eindrucksvollen Teppichen heran, die marmorierten Blättchen erregen höchste Aufmerksamkeit.

Aber auch ungeahnt herrliche Bestände von Trillium, Sanguinaria, Chloranthus und vielen anderen edlen Schattenstauden wurden entdeckt und bewundert.

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Keine Reise, ohne selbstverständlich einen Staudengarten besucht zu haben. Einige deiner Freunde befinden sich nämlich auch in Estland. Da konnte ich nicht umhin, sie aufzusuchen. Auch Phlox findet in diesem nordisch geprägten Land seine Liebhaber. Und ähnlich wie in Russland und Polen wachsen Eisenhüte (Aconitum) hier zu ungeahnter Pracht heran. Alles stand in voller Blüte, denn die Vegetation und ihre Blütezeiten sind hier im Norden etwa 14 Tage später anzusetzen.

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Für mich war sehr erstaunlich, was Estland an kulturellen Sehenswürdigkeiten zu bieten hat. Nicht nur Kirchen, Schlösser und Herrensitze, sondern vor allem auch Museen aller Art. Die Kultur steht bei den Esten ganz oben und wird auch staatlicherseits stark gefördert. Nirgendwo aber waren nennenswert viel Touristen zu sehen, dies kann sich in den kommenden Jahren schnell ändern.

Und was gibt es Neues bei Sarastro-Stauden? Ab dem 10. September fangen wir wieder mit dem Herbstversand an. Der Herbst ist bekanntlich für viele Stauden eine ideale Pflanzzeit. Du kannst auch gerne zu uns kommen, wir helfen dir bei der Auswahl.

Mir fällt auf, dass es immer mehr Menschen gibt, die rein nach dem Auge kaufen und wahllos pflanzen, vielfach mit durchaus ästhetischem Endergebnis, jedoch immer auf kurzzeitige „Behübschung“ aus, wenig auf Dauerhaftigkeit. Früher kamen viele Gartenfreunde und Kunden mit riesigen Pflanzenlisten, sie haben vorher Kataloge und Bücher studiert, heute sind dies nur noch die reinen Pflanzensammler, die das tun. Aber die Zeiten ändern sich eben, wir werden nach Lösungen suchen müssen.

Daher spiele ich mit dem Gedanken, Pflanzenpakete anzubieten, sozusagen als Starthilfe. Mit eigenen, treffenden Namen, damit du erkennst, worum und für welchen Bereich es sich hierbei handelt. Einige Kollegen tun dies ja schon seit Jahren auf diese Weise. Eigentlich war ich ja immer ein Gegner von vorgefertigten Patentrezepten, ich betrachte es aber eher als Starthilfe. Ist wie mit vielen Dingen im Leben so, sie schaffen fürs erste Erleichterung.

Leider muss unser großer Präriegarten nach 15 Jahren nun endgültig weichen, da wir mit ernstlichen Platzproblemen zu kämpfen haben. Neue Stellflächen entstehen. Und auch im Schaugarten soll endlich wieder einiges passieren. In einem Inselbeet wächst nur noch Geißraute (Galega x hartlandii) und Wiesenknopf (Sanguisorba), sie verdrängen alles andere. Trotz guter Vorsätze und vielen Erinnerungen an Blackbox-Gärtnern möchte man doch etwas mehr an Gestaltung erreichen. Trotz Rückschnitts und einigen Pflegegängen befriedigt mich das Beet nicht wirklich. Ebenfalls möchte ich endlich unter einer Kirsche und einem Nussbaum eine ausgeklügelte Schattenbepflanzung anbringen, um den Besuchern etwas Neues zu bieten.

Ich wünsche dir einen geruhsamen Herbst und würde mich freuen, dich am Berliner Staudenmarkt am 3. oder 4. September begrüßen zu dürfen. Dieses Mal habe ich mich doch entschieden, wieder einmal im Herbst nach Berlin zu reisen. Am Sonntag halte ich dort einen Vortrag über den Charakter und die Besonderheiten russischer Phloxsorten. Eine Auswahl bringe ich zum Verkauf mit, aber natürlich auch andere „Schmankerl“!

Oder aber komm doch in unserem Linzer Botanischen Garten, wo ich am 6. September um 17 Uhr einen Vortrag über Gräser halte, mit anschließendem Verkauf. Ich kann mir vorstellen, dass dich Gräser brennend interessieren, denn hier hat sich enorm viel getan! Ach ja, und noch ein Termin: am 17. September bin ich wieder einmal in Freiburg, besser gesagt, b e i Freiburg, nämlich in Umkirch. Dort steht mein Freund Frank Fischer mit seinen Besonderheiten in den Startlöchern und hat einen Tag der Offenen Gartentüre mit Pflanzenverkauf und Bewirtung. De Hessenhof aus Holland und Sarastro-Stauden aus Österreich sind mit von der Partie und freuen sich auf ein Wiedersehen!

Jetzt aber alles Gute und bis bald!

Dein Staudengärtner Sarastro

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Christian H. Kreß und Mitarbeiter

Viele Grüße/ Best regards/ С уважением

Christian H. Kreß