Newsletter V/2015 (Lungenkräuter, Astilben)

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Dieser Rundbrief erreicht dich einige Tage früher als sonst. Der Grund dafür liegt in unserem Verkaufsoffenen Wochenende, was am kommenden Wochenende stattfindet. Näheres kannst du darüber weiter unten nachlesen!

Heute möchte ich dir einmal über eine Staudengattung schreiben, die zumindest bei deinen österreichischen Freunden als Gartenstaude leider nur wenig Akzeptanz findet. Ich meine die Lungenkräuter, auf Botanisch heißen sie Pulmonaria. Hier wachsen sie in Massen in unseren Auwäldern, wenngleich es sich hierbei „nur“ um Pulmonaria officinalis handelt. In Österreich wachsen noch andere spannende Lungenkrautarten in den Wäldern, so beispielsweise Pulmonaria mollis, P. styriaca und P.kerneri. Jedes Jahr hören wir immer das gleiche Lied: „Des wachst jo bei uns im Woid, wos will i denn mit dem im Goartn?“ Abgesehen davon, dass auch Pulmonaria officinalis eine nette Frühlingsstaude ist, erfreut uns die Gattung inzwischen mit einer unglaublichen Sortenvielfalt. Ich will dir nicht eine Schönheit nach der anderen herunterbeten, sondern ein paar züchterische Highlights herauspicken. Im Grunde genommen ist es ja egal, um welche Sorte es sich handelt, in meinen Augen sind sie alle hübsch und verdienen wesentlich mehr Beachtung, auch wenn sie vielleicht vor deiner Haustüre im Wald wachsen. Besonders attraktiv sind ihre silbrigen, manchmal auffällig gesprenkelten Blätter, ihr geschlossener, unkrautverdrängender Wuchs und die bei manchen Sorten unglaublich reiche Blüte.

Bei meiner allerersten Englandreise Mitte der 80er-Jahre nahm ich nahezu jede mir unbekannte Sorte mit, die mir in die Finger kam. Auf dem Festland waren damals Ende der 80er-Jahre nur wenige Sorten in gärtnerischer Kultur. Auch waren keinerlei Auslesen der schmalblättrigen Pulmonaria longifolia zu finden, die mit ihren langen Blättern und den enzianblauen Blüten sicher zu den schönsten Lungenkräutern gehört. In England waren nicht nur Auslesen von P. officinalis, P. longifolia und P. dacica zu finden, sondern auch Arthybriden. Farbenfroh ist auch das Farbspiel ihrer Blüten, weswegen sie hier „Hänsel und Gretel“ heißen, in der Schweiz und in meiner alten Heimat sagte man „Ungliechi Schwöschtere“ (Ungleiche Schwestern).

Bei Beth Chatto nahm ich damals die wunderschönen Sorten ‘Tim’s Silver‘, ‘Beth’s Blue und ‘David Ward‘ mit. Letztere selektierte David, der damalige Obergärtner und Vermehrungschef Beth Chattos. Die Grand Dame der Englischen Szene benannte dann diese wunderschöne, weiß gerandete Sorte mit ihren ziegelroten Blüten nach ihm. Es war richtig spannend, all diese Neuerrungenschaften sogleich in Österreich zu vermehren und bald darauf anzubieten. Doch schon damals wurde ich maßlos enttäuscht, denn ich erwartete mir eine wesentlich breitere Akzeptanz dieser wunderbaren Blattschmuckstauden. Einige wenige Gartengestalter verstanden es zwar durchaus, mit diesen neuen Lungenkräutern in Neuanlagen umzugehen und sie effektvoll zu pflanzen. Aber bei den Privatkunden stand ich damit auf verlorenem Posten. Vielleicht ändern sich die Zeiten und wir finden sie allmählich auch in unseren Gärten? Jedenfalls ließ ich sie die ganzen Jahre mit großem Frust links liegen, um ihnen in jüngster Zeit wieder etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Du wirst dich fragen, was Lungenkräuter außer den obigen Eigenschaften noch können. Ihnen wird nachgesagt, dass sie ein teilweise agressives Wachstum an den Tag legen würden. Sie würden Mehltau kriegen, sie schrumpeln zusammen und bieten den Sommer über alles andere als ein tolles Bild. Dies alles kann durchaus einen wahren Kern haben, aber nur, wenn ein viel zu trockener Standort gewählt wird. Also solltest du darauf achten, dass deine frisch gepflanzten Lungenkräuter besonders als Gehölzrandpflanzen dienen oder in humusreichen, nicht durchwurzelten Oberboden unter tiefwurzelnden Sträuchern und Bäumen gelangen. Sie sind übrigens für regelmäßige Humusgaben sehr dankbar und sprechen auch auf organischen Dünger sehr gut an. Einige panaschierte Sorten sind trotz ihrer auffälligen Schönheit leider nicht stabil genug, sie schlagen in die Ursprungsform zurück, so beispielsweise ‘Excalibur‘ oder auch ‘Rachel Vernie‘. Dies ist ein Nachteil, du kannst zwar regelmäßig die grünen Blatttriebe wegstechen, jedoch ist dies auf Dauer doch unbefriedigend.

Mit Lungenkräutern kannst du sämtliche Lücken zwischen deinen Funkien, Salomonssiegeln und anderen, über Jahre dauerhaften Stauden auffüllen. Manche Arten und Sorten säen sich auch willig aus. Bei uns macht sich Pulmonaria mollisimmer mehr breit. Diese Wildart hatte ich einmal irgendwo im pannonischen Raum gesammelt. Sie treibt lange, haarige Blätter, die schon eher Eselszungen ähneln. Wir schneiden die Blatthorste im Laufe des Sommers zurück, wenn sie tatsächlich fleckig werden sollten. Schon nach kurzer Zeit treiben sie wieder durch. Schnecken sind übrigens kein Problem!

Es freut mich immer ganz besonders, wenn mir irgendwelche Abnormitäten oder Besonderheiten zugetragen werden. So fand meine Mitarbeiterin Gerlinde eines schönen Tages in unserem Auwald eine gelblich gerandete Form von Pulmonaria officinalis. Er erwies sich als einigermaßen stabil, nur einige wenige grüne Blätter traten im Laufe des Jahres auf. Ich nannte ihn spontan ‘Tarantella‘, warum, das kann ich dir heute auch nicht mehr sagen. Vielleicht, weil mir dieser italienische Tanz immer schon sehr gefiel.

Ganz anders verhielt es sich bei den Prachtspieren (Astilbe). Diese wurden Jahr für Jahr nicht nur bei uns in Österreich zu Tausenden vermehrt und verkauft, sie zählten neben Phlox und Rittersporn jahrelang zu den Paradestauden schlechthin. Ich hatte lange Zeit ein ambvalentes Verhältnis zu Astilben, ähnlich wie beim Phlox. Vielleicht deswegen, weil mir diese Massenvermehrung mit der Zeit in den Kopf gestiegen ist. Wir vermehrten damals die Astilben im ruhenden Zustand über den Winter. Der bekannteste Astilbenzüchter war seit jeher Georg Arends aus Wuppertal, nach ihm wurden die Astilbe-Arendsii-Hybriden benannt. Auch diese Gattung wurde seit meiner Selbständigkeit von mir sträflich vernachlässigt, auch heute kultivieren wir nur eine Handvoll wichtiger Sorten. Dies lag unter anderem auch daran, dass du Astilben fast an jeder Ecke bekommen konntest.

Im Astilbensortiment tat sich dank der hervorragenden Sorten von Georg Arends lange Zeit gar nichts, erst in den letzten Jahren kam wieder etwas Bewegung ins Sortiment. Ausgerechnet im Phlox-Eldorado Russland wurde ich bei einem Liebhaber fündig, der sich eine herausragende Sorte aus einem Gartencenter mitnahm. Dort fiel mir in einem Garten schon von Weitem eine dichtwachsende, niedere, weithin leuchtend violettrote Sorte auf. Astilbe chinensis ‘Visions‘ hieß diese Sorte, sie kann auch bei uns in der vollen Sonne gut gedeihen und gibt einen hervorragenden Bodendecker ab. Die musste ich doch im Sortiment haben! Ihre satte Farbe hinterließ einen guten Eindruck auf mich. Auch der bekannte ostfriesische Staudenzüchter Ernst Pagels beschäftigte sich mit Astilben. Er „schuf“ nicht nur die rotblühende Astilbe simplicifolia-Hybride ‘Aphrodite‘, sondern auch die herrliche, inzwischen weitum bekannte Astilbe chinensis var. tacquetii ‘Purpurlanze‘, die auch bei dir in der vollen Sonne hervorragend gedeiht. Du siehst an den Bildern unschwer, dass ‘Vision‘ und ‘Purpurlanze‘ miteinander verwandt sind. ‘Purpurlanze‘ lässt sich in jedem Beet integrieren, in dem sie zur sommerlichen Blütezeit einen Blickfang ersten Ranges abgibt. Ihre Blütenstände stehen raketengleich äußerst straff nach oben.

Am kommenden letzten Aprilwochenende, am Samstag und Sonntag findet wieder unser Verkaufsoffenes Wochenende statt, jeden Tag von 8 Uhr bis 18 Uhr. Ein Ansporn für uns, die Gärtnerei auch im Frühjahr ein wenig auf Hochglanz zu bringen, was uns naturgemäß nicht immer gelingt, denn wir haben ja Hochsaison! Dies bedeutet Vermehrung, Topfen und Verkauf nahezu gleichzeitig. Trotzdem sind wir bemüht, dir die ganze Palette der Frühlingsblüher zu zeigen. Der Schaugarten zeigt sich derzeit im bestem Frühlingskleid!

Außerdem sind wieder Clematis Herian aus Unterliezheim/Deutschland mit ihrer großen Auswahl an Waldreben an Ort und Stelle. Mir ist im süddeutschen Raum überhaupt niemand bekannt, der mit einem ähnlich breitem Sortiment an Clematis aufwartet. Außerdem kommt dieses Jahr Erika Lugerbauer aus Micheldorf/Oberösterreich zu uns. Sie ist die Mutter von Katrin Lugerbauer, die bei uns mehrfach praktizierte und die du vielleicht schon durch ihr neuestes Buch „Staudenkombinationen“ kennst. Erika bietet uns ein erlesenes Angebot selbst gefertigter Konfitüren und Pikantes, verschiedene Salze, Zucchiniprodukte, Chutneys und auch Wohltuendes. Desweiteren findest du natürlich wieder eine große Auswahl an Bio-Kräutern und Gewürzen von Hannes Wagner aus Kapfenstein in der Steiermark vor. Und wir sind mit unserem Team bemüht, dir in allen deine Fragen und Gartenärger beizustehen, freuen uns aber auch auf lebhafte Diskussionen und teilen deine Begeisterung gerne mir dir. Wir freuen uns sehr, wenn wir uns persönlich wiedersehen oder endlich einmal kennenlernen!

In diesem Sinne wünsche ich dir viel Gartenglück
Dein Staudengärtner Sarastro

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Viele Grüße/ Best regards/ С уважением

Christian H. Kreß