Newsletter V/2016 (Staudensichtung, Phloxmuseum)

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Der Frühling hat uns fest im Griff, wenngleich mit derzeitigem nasskaltem Aprilwetter. Und zuletzt ein Kälteeinbruch mit gefährlichem Frost! Was dies alles für uns bedeutete, brauche ich dir ja nicht näher zu erläutern. Jedenfalls Arbeit von vorne bis hinten. Neben dem Paketversand und den Kunden in der Gärtnerei schenken wir neben den ersten Vermehrungsarbeiten auch ganz besonders dem Unkraut unsere Aufmerksamkeit.

Staudenneuheiten sichten, beurteilen und bewerten ist eine Sache, die nicht nach einem Jahr erledigt ist. Du kannst zwar sicherlich auf Anhieb sagen, dass dir diese oder jene neue Sorte augenscheinlich gefällt und dass sie daher eine Bereicherung für jeden Garten sein könnte. Die Idee, Staudenneuheiten in Sichtungsgärten aufzupflanzen und einem Langzeittest zu unterziehen, stammte unter anderem von Karl Foerster, der in Potsdam auf der Freundschaftsinsel seinerzeit damit begann. Hier siehst du sein Denkmal im Garten der Freundschaftsinsel, aufgenommen im Januar dieses Jahres, die Staudenbeete im Winterschlaf.

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Jahre später wurden an mehreren Standorten in Deutschland , der Schweiz und Österreich Staudensichtungsgärten gegründet, in unterschiedlichen Klimazonen und Bodenverhältnissen. Der derzeit bedeutendste seiner Art befindet sich in Freising-Weihenstephan bei München, welcher einst von Prof. Dr. Richard Hansen begründet wurde, ein Schüler Karl Foersters und jetzt von Prof. Dr. Bernd Hertle und Frau Ulrike Leyhe geführt wird.
Stauden über längere Zeit zu sichten hat aber nur dann Sinn, wenn mehrere Sichtungsgärten das gleiche Sortiment einer Staudengattung zeitgleich an verschiedenen Orten aufpflanzen und die unterschiedlichen Bonitierungen an einer Stelle zusammenfließen lassen. Nur dann bekommen wir glaubwürdige und transparente Ergebnisse. Staudensichtung wird auch in Zukunft seine Bedeutung nie verlieren, wenn wir diesen Langzeittests neben ihren Bewertungsergebnissen auch das Attribut „Dauerhafte Gartenstaude“ verleihen. Eine Staudenneuheit kann noch so spektakulär sein, wenn sie sich nicht für unsere Gärten eignet, ist sie es nicht wert. Das beste Beispiel waren die Echinacea der letzten Jahre, wo sich Dauerhaftigkeit eher in Kurzlebigkeit ausdrückte. Das sollte dir als Endkunden bewusst sein, und vor allem dem Verkäufer, der dir diese vielgepriesenen Neuheiten vielleicht als langlebige Gartenstaude verkaufen will.

Staudensichtungsgärten hinken allerdings leider der Realität ein wenig hinterher. Zu viele Neuheiten erobern den Markt, es gelingt kaum, ein komplettes Sortiment zusammenzustellen. Kaum sind die einen neuen Sorten am Markt etabliert, werden sie von anderen, noch neueren Neuheiten wieder verdrängt, ohne jemals etwas über deren Gartenwert erfahren zu haben. Dazu kommt leider auch, dass bei manchen Sorten unterschiedliche Klone und Typen im Umlauf sind, was die Sichtung verzögert. Ich hegte beispielsweise nicht den geringsten Verdacht, dass bei jener fantastischen Bergenia ‘Eroica‘ von Ernst Pagels überhaupt irgend ein geringster Zweifel an ihrer Echtheit bestehen könnte, erkannte ich sie schon von früher her aus vielen roten Sorten fast schon im Schlaf heraus. Aber der schnelllebige Markt lässt leider auch unter dem Namen Absaaten zu und bringt auf diese Weise Typen in Umlauf, die nichts mehr mit der echten ’Eroica‘ zu tun haben. Und so wirft ein Sortenvergleich immer wieder Probleme auf.

Hier siehst du die echte Bergenia ‘Eroica‘, so, wie sie aussehen sollte:

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Du wirst dich sicherlich auch wundern, warum wir im letzten Jahr hier bei uns in der Gärtnerei ein Phloxmuseum gründeten. Andere gründen ein Automuseum, ein Kunstmuseum oder ein Gartenbaumuseum. Ich schrieb dir ja schon einmal, dass ich für Phlox erst empfänglich wurde, seit ich in Russland jene herrlichen Bestände an Sorten bei den Züchtern und Sammlern sah. Und es ist auch eine Tatsache, dass der Phlox mit seinen vielen Sorten eine sehr lange Gartentradition besitzt, und dies nicht nur bei uns im Alpenraum, sondern in vielen Teilen Europas. Ich sehe im Phlox fast schon so etwas wie eine völkerverbindende Staude, ähnlich den Iris oder Hemerocallis. Hat doch der Phlox seinen Ursprung in den Weiten des Mississippi-Tales und gezüchtet wurden viele Sorten in Frankreich, England und vor allem in Deutschland, bis hin zu den geheimnisvollen Sorten aus den Ländern des Ostens Europas. Und deshalb fände ich es jammerschade, wenn wir den Phlox in den Staudengärtnereien auf wenige unbenamte Knallfarben reduzieren würden. Phlox kann viel mehr, du kannst in deinem Garten mit ihm wahre Wunder bewirken!

Auf ein Problem werden wir sehr oft angesprochen. Mein Phlox hat Mehltau, dein Phlox hat Älchen. Beides ist in gewisser Weise auch sortenabhängig und jedes Jahr ist anders. Doch kannst du durch eine ausgewogene und gute Ernährung den Krankheitsdruck stark einschränken. Viel Kompost, organischer Dünger, Tagetes und Knoblauch wirken Wunder. Und natürlich auch die richtigen Sorten, aber dies musst du selbst ausprobieren, was bei dir gut funktioniert!

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Dass der Phlox ein Fresser und Säufer ist, solltest du dir deswegen immer vor Augen halten. Und nach diesem Motto schickten wir uns an, das Phloxmuseum bodenmäßig auf Phlox vorzubereiten, was bedeutete, viel Kompost und organischer Dünger!

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Inzwischen stehen hier rund 300 Sorten und ständig werden es mehr. Von vielen lediglich Einzelstücke, aber öfters auch drei bis zehn Exemplare von einer Sorte. Zunächst war mir etwas unklar, welches äußere Gesicht das Phloxmuseum bekommen sollte. Du weißt inzwischen sicher, dass ich in Sachen Gestaltung eher ein Bauchmensch bin und vieles spontan entscheide. Ob dies auf Dauer immer so richtig und sinnvoll ist, bleibt dahingestellt. Und deshalb legte ich die Beete fächerförmig an und trennte die einzelnen Sorten in den Beeten optisch mit einigen Gräsern ab. Gartenphlox und Ziergräser ist sowieso eine geniale Kombi, die noch viel zu selten zu sehen ist. Schwierig war dann aber auch, alle russischen, holländischen, deutschen, englischen und französischen Sorten irgendwie zu vereinen und auch nach Züchtern aufzupflanzen, abgesehen von den Sorten, die ich aus Skandinavien und dem Baltikum erhielt.

Warum ich mir das alles antue? Jeder hat seine Schwäche und die Sammelleidenschaft drückt sich eben sehr unterschiedlich aus. Ich finde jedenfalls, dass dem Phlox unbedingt mehr Aufmerksamkeit geschuldet werden muss, alleine schon durch seine Bedeutung als traditionelle Gartenstaude. Und vielleicht gelingt es uns irgendwann, vielen fantastischen Phloxsorten in einer moderneren, gestylteren Pflanzenverwendung ihre Daseinsberechtigung unter Beweis zu stellen. Verdient hätte er es auf jeden Fall.

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Der Anfang ist jedenfalls gemacht, perfekt wird dies alles ohnehin nie! Vielleicht gelingt es mir beim nächsten Mal, wenn fünf Jahre später alle Sorten verpflanzt werden müssen. Interessant ist auf jeden Fall der Vergleich zwischen etlichen historischen Sorten und neuesten Errungenschaften. Mit unserem Phloxmuseum möchte ich einen Spagat zwischen professioneller Sichtungsarbeit, privatem Vergnügen und kommerziellem Nutzen schaffen. Vielleicht wissen wir in ein paar Jahren, welche Sorten etwas taugen und welche in unseren Böden völlig versagen. Ich bin schon deswegen sehr gespannt, wie sich dieses Jahr unsere erste Phloxblüte präsentiert.

Und die Sammelleidenschaft hört bekanntlich nie auf, noch habe ich Platz! Auch möchte ich dich herzlich einladen, uns zur Phloxblüte ab Ende Juli einmal zu besuchen. Wir haben deswegen dem Thema Phlox eine Schwerpunktwoche gesetzt, den Zeitpunkt kannst du unserem Terminkalender entnehmen.

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Du erkennst, dass wir mit der Pflege unseres Phloxmuseums schon letzten Herbst vollauf beschäftigt waren. Und so präsentiert sich die Sache momentan:

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Letztes Wochenende fand unsere Veranstaltung „Blühend in den Frühling“ statt. Dieses Mal wettermäßig unter denkbar schlechten Vorzeichen. Doch welch ein Wunder! Es kam zunächst eine Abkühlung durch etwas Regen, aber auch der Sonntag hielt brav durch. Erst anschließend ging es richtig „grob“ her, wie wir hier zu sagen pflegen. Und für deinen Besuch möchte ich mich bei dir und allen deinen zahlreichen Staudenfreunden bedanken, die gekommen waren, auch im Namen meiner Mitaussteller und Mitarbeiter!
In einer Woche befinden wir uns schon wieder in Freising bei den dortigen Gartentagen. Wir sind inzwischen wahrscheinlich die einzigen Aussteller, welche von Anfang an dabei waren. Heuer lautet das Motto „Willkommen Russland“. Einige namhafte Gartenplaner und Schriftsteller  werden Vorträge zum Besten geben. Die Freisinger Gartentage sind wohl die bekanntesten ihrer Art im gesamten süddeutschen Raum, ich kann sie dir nur wärmstens empfehlen!

Mitte Mai findet dann auch wieder im Stift Reichersberg die Gartentage statt, an diesem Wochenende halten wir wie gewohnt die Gärtnerei am Samstag für deinen Besuch geöffnet. Reichersberg und Ort liegen nur 6 km auseinander, du kannst das Stift mit seinen Gartentagen und unsere Gärtnerei mit ihren Schaugärten an einem Tag besuchen.
Übrigens sind bereits schon viele der seltenen Phloxsorten vermehrt und auch schon getopft worden. Ich werde unseren Online-Shop in Sachen Phlox ab Mitte Mai aktualisieren, alles andere geschieht ja laufend. Dann kannst du dich an unserem Webshop über die aktuelle Verfügbarkeit der einzelnen Phloxsorten orientieren. Von vielen ist bereits genug vorhanden, aber einige sind Zicken in ihrer Vermehrbarkeit und werden noch länger nicht lieferbar sein.
Wünsche dir eine schöne Frühlingszeit, bis bald!

 

Dein Staudengärtner Sarastro

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Viele Grüße/ Best regards/ С уважением

Christian H. Kreß