Newsletter V/2017 (Von einigen Diven und Hätschelpflanzen: Rhodohypoxis, Arnebia, Trachelium, Pleione u. a.)

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Gelegentlich bekomme ich von Gartenfreunden zu hören, dass der Pflegeaufwand für manche Stauden immer noch viel zu hoch sei. Schon allein der Rückschnitt sei ein Zuviel an Arbeit. Nun ist es aber so, dass viele der selteneren Schönheiten ein gewisses Maß an Hinwendung erfahren sollte, um bei dir und bei mir einigermaßen über die Runden zu kommen, ohne sie hierbei gleich als „Diven“ zu bezeichnen. Dieses Mal lasse ich die Rosen bewusst außen vor, denn über dieses Thema hatte ich mich bereits sehr deutlich im letzten Rundbrief ausgelassen!

Bei einer spontanen Durchsicht meiner Bilder dachte ich mir, ich schreibe dir einfach mal zwanglos über einiges Bekanntes und Unbekanntes, was es mit dieser oder jener Staude an Pflegemaßnahmen so auf sich hat. Die einen nannten in der Vergangenheit solches wenig schmeichelhaft „Fummelkram“, die anderen sprachen schon wesentlich liebevoller über „Hätschelkinder“, für gar nicht wenige sind es jedoch Juwele der Staudenwelt, Pflanzen für Freaks, deren aufwändige und differenziertere Pflegemaßnahme man trotz allem gerne in Kauf nimmt. Ich erinnere mich hierbei sogar an einige Staudengärtner der alten Garde, die sagten ihrer Kundschaft doch glattweg ins Gesicht „Das ist nichts für Sie, das wächst sowieso nicht bei Ihnen, das bringen Sie nur um!“. Ein heikles, pflanzliches Juwel kann natürlich sehr verführerisch sein, Habenwollen steht ganz oben, zur Blütezeit zumindest einmal ablichten und das war es dann schon. Ganz ehrlich, ging mir ja auch so, man probiert eben aus, die Erfahrung macht schließlich den Meister! Und wenn du wüsstest, was dem Gärtner im Laufe der Zeit so alles eingeht!

Verkauft ist schließlich verkauft, hinter mir die Sintflut… So einfach läuft es zum Glück doch nicht ab, zumindest nicht in einem seriösen Unternehmen. Sorgfältige Aufklärung und Beratung tut not. Und um es gleich vorweg zu nehmen, die Gärtner sind tatsächlich die besseren Mörder! Du und alle anderen passionierten Hobbygärtner seid es nämlich, die vielfach das bessere Händchen beweisen, mit mehr Zeit und mehr Hingabe. In unserer Staudengärtnerei kultivieren wir weit über Dreitausend verschiedene Arten und Sorten, wo vieles an anspruchsvollen Stauden zwangsläufig untergeht oder schlichtweg verkommt, weil wir uns gar nicht ausreichend darum kümmern können! Oft ist es der entscheidend richtige Vermehrungszeitpunkt, wo Fingerspitzengefühl aufgebracht werden muss. Das Wetter spielt auch hier eine äußerst wichtige Rolle.

Apropos Wetter, wir sind wieder einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Der polare Frost ist in zwei Nächten mit „nur“ minus 3 Grad über uns hinweggezogen. Wir haben Vorkehrungen getroffen und empfindliche, schon weit ausgetriebene Stauden wie Hosta, Epimedium und andere Empfindlichkeiten mit Vlies abgedeckt. Anderswo waren traurigere Rekorde zu verzeichnen. Doch nun zu den paar Portraits.

Gleich im ersten Bild siehst du die Götterblume (Dodecatheon pauciflorum). Ihre Heimat liegt im Westen der USA, beispielsweise auf feuchten Wiesen in den Rocky Mountains und weiter nördlich davon. Du kannst unschwer die Verwandschaft mit Alpenveilchen ausmachen, nur dass die Blüten an einem Stängel angeordnet sind. Hier ist es wichtig, dass du dieses Kleinod in Böden pflanzt, die zumindest frisch sind. Am besten ist der feuchte Teichrand, aber auch im Steingarten, wo sich Feuchtigkeit an der Nordostseite sammelt. Dies gilt besonders für das Frühjahr, im Verlauf des Sommers zieht die Götterblume ein. Einige schöne Auslesen sind bekannt, wir besitzen lediglich ‘Däumling‘, einen reichblühenden Klon von Eugen Schleipfer, der sich mit dieser Gattung intensiver auseinandersetzte. Also – frühjahrsfeucht und sommertrocken, das ist das ganze Geheimnis, was nicht immer leicht nachzuvollziehen ist! Winterhart ist sie vollkommen.

Ich hatte immer schon einen Faible für Erdorchideen. Besonders aber für die Tibetorchidee (Pleione). Sie gilt als unkompliziert und ist gegenüber anderen Orchideen auch für Anfänger geeignet, wenngleich man sie doch nicht mit Phalaenopsis, den Baumarktorchideen vergleichen kann. Deswegen sind einige Dinge zu beachten. Zum Beispiel schau auf die Mäuse! Ich besaß einmal eine stattliche Sammlung diverser seltener Sorten. Aus Platzmangel bunkerte ich sie bei einem Kollegen im Gewächshaus ein. Dort hielten Mäuse sich an den dicken Blütenknospen unschädlich, die alten Bulben konnte ich im Frühjahr nur noch wegwerfen!

Wir hatten dieses Jahr auf der Raritätenbörse in Wien einige blühende Exemplare dabei und sie fanden überraschend guten Absatz. Jedoch mussten wir jedes Mal einen ganzen Roman dazu erzählen und viele deiner Bekannten und Gartenfreunde aufklären! Die meisten sagten dann aber „ja, das möchte ich gerade deswegen einmal ausprobieren!“. Bei vielen deiner Gartenfreunden umgibt jede Orchidee eine Art Aura des Kompliziertseins, aber bei Pleione ist es wirklich ganz einfach: Im Sommer ab damit in den Garten, irgendwo im Schatten den Topf einsenken, aber bitte auf die Schnecken achten! Über den Sommer gießen und leicht düngen nicht vergessen. Im Spätherbst, wenn die Blätter gelb werden, wird der Topf entweder in den frostfreien Keller gebracht oder du befreist die Pseudobulbe von der Erde und bewahrst sie in einer Papiertüte im Eisschrank (nicht im Gefrierfach!) bis zum Frühjahr auf. Gleich im darauffolgenden März topfst du die kleine Bulbe erneut in frisches, humoses Substrat und erfreust dich von neuem an der bald darauf erscheinende Blüte. Kühl stellen nicht vergessen, dann hält die Blüte sehr lange!

Wir unterscheiden zwischen etlichen Sorten nicht winterharter Tibetorchideen, wie beispielsweise Pleione ‘Tongariro‘. Viele von ihnen kommen aus England, aber auch aus Neuseeland. Eine einzige Art gilt als vollkommen winterhart: Pleione limprichtii. Diese ist bei dir an wohl behüteten Plätzchen in Nordost gerichteten Steingärten gut aufgehoben.

Hier ein Bestand der reich blühenden Pleione ‘Tongariro‘

Und hier siehst du die einzige winterharte Tibetorchidee (Pleione limprichtii)

Schon zu meiner Zeit in Holland vor über 35 Jahren lernte ich Rhodohypoxis kennen. Hier handelt es sich um mattenartig wachsende Stauden einer vollkommen eigenständigen Pflanzenfamilie. Wir verkauften damals große Mengen an die Pflanzenversteigerung in Boskoop. Ein deutscher Name lautet Grasstern, denn diese so hübschen Stauden aus den Bergen Südafrikas weisen einen rasenartigen Wuchs auf. Auch sie gelten als nicht winterhart, was den Pflegeaufwand schwieriger gestaltet, aber sich im Grunde ähnlich wie bei den Pleionen verhält. Du kannst ihre kleinen Knollen im März in flache Schalen topfen und diese auf deiner Terrasse aufstellen oder sie im Steingarten versenken. Im Herbst überwinterst du die Schalen trocken in deiner Garage oder im Keller, um sie im darauffolgenden Frühjahr wieder in durchlässige Erde zu topfen.

Inzwischen existieren über Hundert verschiedenen Sorten, weiße, rosa und rote, auch gefüllte und gefranste Sorten. Rhodohypoxis depressa und Rh. milloides gelten sogar als winterhart, wenn du in wintermilden Gebieten wohnst oder sie mit Reisig schützest. Alle anderen Sorten der gängigen Rhodohypoxis baurii sind nicht winterhart, wir sind schließlich nicht in den Niederlanden, geschweige denn in England oder gar Südafrika. Ich kannte einen Gärtner, der sie bei uns in Österreich an Gartentagen ahnungslos den Kunden als vollkommen winterharte Stauden verkaufte. Im kommenden Jahr erlebte ich selbst, wie die Leute reihenweise mit den Etiketten vom Vorjahr ganz vorwurfsvoll bei ihm erschienen und sich zu Recht beschwerten, weil ihre Rhodohypoxis alle das Zeitliche gesegnet hatten. Wie dem auch sei, Rhodohypoxis blühen unwahrscheinlich reich und monatelang, sie erfreuen dich den ganzen Sommer über! Und hat man sie wirklich einmal im Garten vergessen, sie kosten nicht die Welt. Wir führen inzwischen wieder einige Farbvarianten.

Von meinen Freunden Frank Fischer und Ewald Hügin aus Freiburg besorgte ich einige Sorten der Kolibritrompete (Zauschneria), ein erneuter Versuch, denn ich hatte schon früher Wildherkünfte aus Kalifornien und anderen Teilen der westlichen USA gezogen, ohne nennenswerten Erfolg, sie wuchsen zwar gut, doch machten sie mir nicht das Vergnügen, ausreichend zu blühen. Das Problem ist hier auch nicht ihre Winterhärte, sondern du musst ihnen in erster Linie einen trocken-heißen Platz zugestehen, dann blühen sie überreich, aber oft nur in milden, sonnigen Herbsten. Ihre Blütenpracht ist herrlich und zieht sich weit über die ersten Nachtfröste hinaus. Hier können wir uns mit einem sorgsam ausgewählten, trockenen Standort an einer Mauer oder südseitigen Hauswand abhelfen. Ein nasser Winter bereitet ihnen Probleme, ebenso wie ein nasser Sommer. Das sonnige Kalifornien zu imitieren ist eben nicht ganz einfach!

Frank und Ewald wohnen im klimatisch begünstigten Südwesten Deutschlands, wo der Sommer heiß und trocken, der Herbst bis weit in den Oktober hinein mild ist. Falls du in Wien, im Grazer Becken oder im Burgenland wohnst, dann hast du mit der Kolibritrompete sicher viel Freude, da sich dort das Klima ganz ähnlich verhält. Nach neuester Botanik fallen die Kolibritrompeten übrigens unter Epilobium, den Weidenröschen. Wie dem auch sei, die orange Blütenfarbe ist schon eine Herausforderung der besonderen Art! Der Boden sollte sandig-lehmig und möglichst durchlässig sein.

Hier siehst du eine der Kolibritrompeten (Z auschneria ‘Olbrich’s Silver‘)

Man könnte die Liste der etwas aufwändiger zu pflegenden Stauden nahezu endlos fortsetzen, denken wir nur an viele alpine Stauden, welche im Freien als grenzwertig gelten oder an den Scheinmohn, der bei uns nur in kühl-feuchten Bergregionen willig gedeiht. Ich denke auch an die Dionysien, die ich im Iran an überhängenden Felsen entdecken konnte, deren Pflege nur etwas für erfahrene Spezialisten ist. Aber ist dies nicht unglaublich spannend, sich mit solchen Pflanzen auseinanderzusetzen? Misserfolge werden irgendwann durch Blüten gekrönt, bereichernd obendrein durch den Erfahrungsaustausch mit Gleichgesinnten.

Eine Kleinstaude, die ich seit Anfang der 80er-Jahre vermehre und die bei uns auf dem Ziegelturm wächst, ist Trachelium jacquinii var. rumelianum. Der bekannte und äußerst rührige Alpenpflanzengärtner Max Frei verkaufte sie mir anlässlich eines Besuches. Dieses Glockenblumengewächs wächst in Nordgriechenland und Bulgarien an trockenheißen Stellen im Gebirge, in Kalkschotter. Wenn du all diese Ansprüche berücksichtigst, hast du jahrzehntelange Freude daran. Ein Paradebeispiel für viele andere Stauden, hier kompensierst du erhöhten Pflegeaufwand, indem du den richtigen Standort im Garten auswählst.

Ein letztes Beispiel soll diesen Rundbrief krönen, nämlich die Prophetenblume (Arnebia pulchra). Sie ist für mich ein Paradebeispiel, dass man manches Mal auch selbst darauf kommen muss, wie der beste Standort beschaffen sein sollte. In den schlauen Büchern steht nämlich geschrieben „Halbschatten, humoser Boden“, in anderen Büchern, dass der Boden durchlässig und steinig sein sollte. Von Hermann Paulus bekamen wir in meiner alten Firma schon recht bald die ersten Exemplare, die ich nach und nach durch vorsichtige Teilung vermehrte. Ich pflanzte sie in normale lehmig-humose Ackererde auf unser Mutterpflanzenquartier, organischer Dünger inklusive, in der Natur besorgen dies die Ziegen und Schafe. Sie wuchsen innerhalb von zwei Jahren zu breiten, reichblühenden Exemplaren heran. Und so sollte sie auch im Garten stehen! Ich sehe auch hier immer noch das Bild vor mir, als ich die Prophetenblume vor zwei Jahren im Iran am Fuße des Damavands am Straßenrand in purem Lehmboden fand, überreich blühend, keine Spur von steinig, geschweigedenn arm! Die zauberhaften Blüten verführen jedes Jahr von neuem.

Zurzeit beschäftigen wir uns nahezu ausschließlich mit deinen Aufträgen. Sei nicht ungehalten, wenn dein Auftrag nicht ganz komplett ist, denn Raritäten können schließlich nicht im Buchdruckverfahren vermehrt werden, auch besitzen wir kein Warenwirtschaftssystem, wo Bestände bis auf das letzte Exemplar erfasst sind. Gerade der Winter spricht eine andere Sprache, dein wechselnder Geschmack zum Glück ebenfalls. Dies bedeutet, dass schon morgen eine Sorte ausverkauft ist, die du vielleicht schon rechtzeitig und hoffnungsvoll im Februar bestellt hast, oder diese durch das ruppige Wetter sich nicht in tadellosem Zustand befindet. Die Renner der Saison sind momentan Buschwindröschen, Ranunculus ficaria, Phlox paniculata, sowie Astern und Chrysanthemen. Ladenhüter sind derzeit die Taglilien. Vorige Woche verstarb übrigens Franz Erbler, einer unserer großen Tagliliensammler und –züchter. Er hinterließ eine große Menge an eigenen Selektionen, die im hiesigen oberösterreichischen Klima hervorragend gedeihen und zu den reich blühenden Sorten zählen.

Arnebia pulchra – die Prophetenblume, übrigens ein Boretschgewächs

Wo sind wir im Mai anzutreffen? Wenn du diesen Rundbrief empfängst, haben wir unser Verkaufsoffenes Wochenende gerade eben hinter uns gebracht, die Freisinger Gartentage stehen vor der Tür. Heuer halte ich in Freising am Samstag um 14 Uhr einen Vortrag über die botanischen Kostbarkeiten des Iran, denn das dortige Motto lautet „Bei uns zu Gast – Willkommen Iran“. Dieses orientalische Land hat unsere Gartenkultur im Laufe der Jahrhunderte nicht nur entscheidend mitgeprägt, sondern besitzt zudem eine einzigartige Flora in einer äußerst vielfältigen Landschaft mit reizenden Bewohnern! Vielleicht sehen wir uns, würde mich jedenfalls sehr freuen. Freising war immer schon ein Publikumsmagnet und steht für Qualität und Gartenkultur, schon allein durch seinen sehenswerten Weihenstephaner Staudensichtungsgarten, dessen Besuch du dir unbedingt gönnen solltest! So oft genoss ich diese abendlichen Rundgänge im Wonnemonat in vollen Zügen, zusammen mit Ulrike Leyhe, der Leiterin des Sichtungsgartens und vielen lieben Staudenfreunden aus nah und fern.

Dann wäre da noch Reichersberg zu nennen, das große Stift, quasi gleich um die Ecke. Dort finden ebenfalls Gartentage statt, das Datum erfährst du in unserem Veranstaltungskalender. Auch hier lohnt sich der Ausflug ins Innviertel! Nicht nur die dortigen Gartentage mit ihren Ausstellern lassen Gartenlust aufkommen, sondern auch das sehenswerte Kloster, der gleich daneben liegende Herrengarten, sowie ein Rundgang durch das Naturschutzgebiet „Innauen“. Zudem halten wir unsere Staudengärtnerei bis Sonntagmittag offen, damit wir dir so ein „volles Programm“ bieten können. Sarastro-Stauden liegt nur 5 km von Reichersberg entfernt!

So wünsche ich dir weiterhin einen langen und blütenreichen Frühling, in der Hoffnung, dass dir die Fröste keinen allzu großen Schaden zugefügt haben!

Dein Staudengärtner Sarastro

Viele Grüße/ Best regards/ С уважением

Christian H. Kreß