Newsletter VIII/2022 

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Dieses Mal wird es ein nur kurzer Rundbrief, nicht das, was du sonst von mir gewohnt bist! Der Grund ist vielschichtiger Natur, ich habe mir diese Sommermonate einfach zu viel aufgehalst. Aber ich kann dir versprechen, die Zeiten werden sich wieder ändern.

Mit unserem Wetter bin ich eigentlich ganz glücklich und zufrieden. Die letzten Wochen waren zwar unbarmherzig heiß, viel zu heiß für das gemäßigt kontinentale Innviertel. Dafür haben wir kaum mit Wasserproblemen zu kämpfen, zumindest noch nicht! Wir sind am Topfen und am Vermehren. Das beansprucht uns das ganze Jahr über, besonders aber in den Sommermonaten.

Neulich hatten wir einige Busexkursionen zu Besuch, eine jede darf sich über eine Führung durch die Gärtnerei und die Schauanlagen freuen, das ist schon zur guten Tradition geworden! Bei der Besichtigung der frisch bepflanzten, riesigen Beete im neuen Teil, welche sich schon so wundervoll eingewachsen präsentierten, bekam ich letztens immer wieder dieselbe Frage gestellt, wie oft die denn bei dieser Trockenheit gewässert würden, dass sie sich so üppig präsentierten? Ich darf dir versichern, noch nicht ein einziges Mal! Denn hier handle ich immer nach dem selben Prinzip: eine gute Bodenvorbereitung ist der halbe Erfolg und das richtige Maß an Wasser im richtigen Moment entscheidend.

Vier Beete wurden dieses Frühjahr bepflanzt, begonnen hatte ich mit dem ersten Mitte Mai, dann das zweite Beet Ende Mai, das größte mit 1.200 Stauden Anfang Juni. Das Vierte harrt noch der Fertigstellung, ebenso zwei weitere. Bei den ersten beiden Rabatten hatte ich unwahrscheinliches Glück, denn kaum war ich mit der Pflanzaktion fertig, da kam auch schon der erlösende Regen von oben, der alles gratis angoss, und zwar durchdringend und lange. Ansonsten hätten wir den Regner aufstellen müssen oder alles mit dem Schlauch von Hand angießen.

Hier siehst du das dritte, große Beet, eine typische „Mixed Border“, etwa zwei Wochen nach der Bepflanzung, die beiden ersten Flächen sind dahinter zu sehen. Die nachfolgenden Bilder zeigen dir, wie vital und ungestüm sich die Stauden entwickelten. Komm und staune, kann ich da nur sagen!

Diese „Tiefenfeuchtigkeit“ verhilft den im Wachstum befindlichen Stauden, mit dem vorhandenen Wasser auszukommen und ihr Wurzelwerk nach unten zu entwickeln. Dadurch stressen sich die Stauden nicht unnötig bei jeder kleinen Trockenperiode. Wenn dann wirklich einmal eine längere Dürrephase ins Land zieht, dann ist es immer noch an der Zeit, den Schlauch hinzulegen und für durchdringendes Nass zu sorgen. Das ist in jedem Fall besser als jeden Abend mit ein wenig oberflächlichem Gepritschel das Gewissen zu beruhigen. So verwöhnt man nur seine Stauden, sie entwickeln ihre Wurzeln lediglich an der Oberfläche und man züchtet außerdem noch seine Schneckenpopulation. Und wenn es dann wirklich mal stressig trocken wird, schlappen deine Stauden, weil sie der Feuchtigkeit aus der Tiefe nicht habhaft werden.

Übrigens: Unsere Phloxe blühten wundervoll und fanden eine Menge begeisterter Abnehmer. Man merkte ihnen an, dass sie wahre Fresser und Säufer sind! Die späten Sorten gehen erst jetzt auf, so erstreckt sich die Phloxblüte von Ende Juni bis ungefähr Ende September. Vergiss bitte nicht, die verblühten „Dolden“ abzuschneiden, denn sonst läufst du Gefahr, dass sich jede Menge unerwünschte Sämlinge breit machen!

Übrigens darf ich dir mitteilen, dass wir endlich wieder Pennisetum orientale in ausreichender Stückzahl vermehrt haben. Ich kann dem Orientalischen Lampenputzergras wesentlich mehr abgewinnen als dem ewig langweiligen P. alopercuroides, welches überall Verbreitung fand. Letzteres blüht viel zu spät und hat zwar eine schöne Herbstfärbung, zeigt sich aber ansonsten erst dann, wenn P. orientale schon zur vollen Schönheit auffährt! Ein trockener, voll sonniger Standort tut das Seine für ein gutes Gedeihen und sorgt auf seine Weise für eine reiche Blüte.

Zu guter Letzt darf ich dich auf das Pagelssymposium aufmerksam machen, welches am 13. August in Papenburg in Ostfriesland stattfindet. Du weißt schon, Ernst Pagels war einer der bedeutendsten Staudenzüchter der Nachkriegsgeneration, übrigens ein bekennender Schüler Karl Foersters. Seine nachhaltigste Schaffenskraft lag ähnlich wie bei Foerster in seinem guten Auge begründet, den Zufall beim Schopf zu packen und dem Wesentlichen eine Chance zu geben. Legendär sind seine Schafgarben-Selektionen, zu den am meist verkauften Stauden zählen jene Salbeisorten wie ‘Ostfriesland‘, ‘Blauhügel‘ und andere, die du sicher auch in deinem Garten stehen hast. Bahnbrechenden Erfolg hatte Ernst Pagels aber mit seinen Chinaschilfsorten, welche inzwischen weltweit Verbreitung fanden.

Dieses Symposium wurde von der Gesellschaft zur Förderung der Gartenkultur ins Leben gerufen. Inzwischen scheint sich dieses Meeting zu einer Mammutveranstaltung zu entwickeln! Sehen und Gesehen werden? Nein, eine Art Großfamilie mit gemeinsamen Zielsetzungen und Erinnerungsaustausch. Eine Reihe bekannter Referenten geben ihre Ideen und Erfahrungen zum Besten. Mit meinem Vortrag habe ich mir ein hochgestecktes Ziel gesetzt: „Individualismus statt Uniformismus“. Ich hoffe inständig, dass mir dieser Spagat gelingt, denn dieses Thema erstreckt sich von A bis O, man kann da alles Mögliche reinpacken, außerdem kratzt dies an vielen Ecken! Falls du dich tatsächlich entschließt, an dem Symposium teilzunehmen, würde es mich sehr freuen, wenn wir uns im Hohen Norden treffen, und dies alles zur Ehre eines bescheidenen und wundervollen Mannes, der uns mit seinen Staudenzüchtungen nachhaltig beglückte! Näheres findest du unter www.pagelssymposium.de

Und Ende August bin ich als Keynote-Speaker zu einer Veranstaltung in Litauen eingeladen worden. Wieder eine neue Herausforderung, ähnlich wie jene damals in Kijev oder in St. Petersburg, ebenfalls mit anschließendem Workshop. Auch darauf freue ich mich sehr, denn das Baltikum hat in Sachen Gartenkultur einiges zu bieten. Die Reise verbinde ich mit einer kurzen Auszeit, ich kenne ja von den baltischen Ländern lediglich Estland!

In letzter Zeit hieß es leider, sich von näherstehenden Menschen auf immer zu verabschieden. So hat uns Hermann Fuchs verlassen, der ehemalige Leiter und Erschaffer des Botanischen Gartens Hof, der es wie kein anderer verstand, seine Zuhörerschaft zu begeistern. Er baute diesen fantastischen Garten auf, ich musste ihn immer bewundern, dass er mit einem Minimum an Personal diesen tollen Garten entwickelte. Ich pflegte seit langem einen engen Austausch mit Hermann. Zeit seines Lebens zählte er sich zu den reisenden Pflanzenliebhabern, der sich mit den Jahren ein enormes Wissen aneignete. Bekannt wurde Hermann vor allem durch seine Vorträge und Bücher und hier ganz besonders durch sein Phloxbuch. Er blieb sich selbst stets treu und hatte als Gärtner die Bodenhaftung niemals verloren. Man kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, wenn man diese Fülle an Juwelen zu Gesicht bekam, welche er auch in seinem privaten Schrebergarten ansammelte.

Auch erfuhr ich die Tage, dass Josef Holzbecher aus Lelekovice uns für immer verlassen hat. Er war Technischer Leiter des Botanischen Gartens Brno und machte sich bald nach der Wende mit einer Staudengärtnerei selbständig. Josef galt als hervorragender Kultivateur und Kenner alpiner Pflanzen, er absolvierte ebenfalls einige botanische Reisen, besonders nach Südafrika, wo er neue Arten, sowie Auslesen von Mittagsblumen mitbrachte. Er war seit jeher schon sehr gut international vernetzt, galt als sehr weltoffen und durch seine bescheidene Art wurde er allgemein sehr geschätzt.

Nimm es mir nicht übel, dass ich in diesem Rundbrief auch mal die traurige Seite des Lebens anspreche, aber die gehört nun mal zu unserem Kreislauf dazu. So verstarb in der vorigen Woche zu guter Letzt auch meine geliebte Mutter in hochbetagtem Alter. Den Schmerz des Verlustes werde ich wohl erst über den Herbst oder Winter verdauen können. Dies ist für mich deswegen nicht ganz einfach, weil zwischen ihr und mir jedes Mal nahezu 700 km lagen und sich eine solche Strecke auf einen kurzen Besuch leider nicht jedes Wochenende bewältigen ließ. Meine Mutter wohnte in meiner alten Heimat in Laufenburg am Hochrhein, sie war eine sehr kulturbeflissene Frau, sie las ungezählte Bücher und hörte leidenschaftlich gerne klassische Musik. Hunde hatte sie lieb, ebenso ihre Enkelkinder, der Garten und die Rosen meines Vaters gaben ihr wohl die Kraft, sich bis ins hohe Alter selbst zu versorgen.

In diesem Sinne wünsche ich dir einen ruhigen Sommer und erfreue dich an jeder Blüte, und sei sie noch so klein und unbedeutend!

Dein Staudengärtner Sarastro.