Newsletter VIII/2016 (Phloxreise nach Moskau und Umgebung)

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Eigentlich haben wir hier dieses Jahr die besten Bedingungen, was das Wetter anbelangt, idealer kann es gar nicht mehr sein! Tagsüber Stauden teilen, dann topfen, ins jeweilige Beet stellen, angießen, fertig. Den Rest besorgt das feuchte Wetter. Manches Mal kam der Regen dann zwar recht deftig, sogleich aber schon eher als anhaltender Nieselregen. Zu Deutsch: hier herrscht zurzeit also Wachswetter pur. Man muss nur aufpassen, dass manche jener mediterranen Gebirgsstauden nicht zu viel an Feuchtigkeit abbekommen, damit sie nicht mit Fäulnis verschnupft reagieren. Besonders sorgevoll betrachte ich jeden Tag die getopften Hopfenoregano oder jene pelzigen Gamander aus der Türkei.

Ich glaube, dass ich dir schon letztes Jahr von dieser fantastischen Hundszunge schrieb, die ich von einem tschechischen Pflanzensammler erhielt. Die Farbe ist so leicht nicht zu beschreiben, ein kaltes Blau, was sich in Blütenbüschel zu einer Fernsymphonie ohnegleichen aufschwingt, die in ihrer Leuchtkraft den Garten durchdringt. Pavel hatte dieses Cynoglossum amabile in den Bergen Yünnans gesammelt. Leider ist es nur kurzlebig, aber an günstigen Standorten im Halbschatten sät es sich gemächlich aus und du hast für immer Nachzucht. Warum sollte auch alles langlebig sein, hierfür gibt es andere Stauden. Wieder ist es die Dynamik, welche die Gesetze eines Teil des Gartens bestimmen.

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Ein gutes Beispiel an Langlebigkeit bietet in unserem Schaugarten der Große Meerkohl (Crambe cordifolia). Vor fast 15 Jahren pflanzte ich ihn vor eine Säulenhainbuche, damit der Meerkohl durch seine schleierkrautähnlichen Blütenzweige die schroffe Höhe der Hainbuche etwas entschärfte und zu den Stauden der Umgebung verwies. Längst wuchsen mit den Jahren die Gehölze zu einer geschlossenen Einheit, andere Stauden gaben inzwischen den Ton an, aber mein großer Meerkohl bleibt bis zum heutigen Tag, leider nur zur Blütezeit vom Betrachter geehrt. Dabei haben seine bogigen Blütenzweige auch zur nachfolgenden Jahreszeit irgendetwas, das man nicht beschreiben kann.

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Kannst du dir vorstellen, ausschließlich mit Weiden eine abwechslungsreiche Gehölzkulisse in einem Garten zu schaffen, welche recht dominant in einem großen Park den Ton angibt? Ehrlich gesagt konnte ich mir dies nur schwer vorstellen, bis ich letzte Woche bei meiner jüngsten Russlandreise einen solchen „Salix-Park“ zu Gesicht bekam. Aleksandr Martschenko schuf vor rund 25 Jahren sein Reich inmitten von künstlich geschaffenen Wasserarmen, die besonders durch ihren reichhaltigen Seerosenbewuchs schon fast tropischen Charakter annehmen. Hier fühlte man sich in keiner Weise nördlich Moskaus! Die halbinselartigen Gartenräume werden geprägt durch Weiden aller Art, dazwischen üppige Staudenbepflanzungen, alles korrespondierte mit dem Wasser, alles war zwar nordischen Ursprungs, aber durch geschickte Formgebung und Gestaltung irgendwie südländisch verwandelt. Aleksandr hatte im Laufe der Jahre rund 180 Weidenarten und – Sorten zusammengetragen, verschiedenste Hängeweiden, Kätzchenweiden, Kriechweiden, Hybridweiden. In Russland haben Weiden, Birken und Pappeln eine lange Tradition, sei es als Nutzhölzer oder auch in der ästhetischen Verwendung. Sein angeschlossener Gartenbau-Betrieb beliefert Landschaftsarchitekten, aber auch Privatkunden mit Seerosen, Wasserpflanzen und eben auch Weiden. Am meisten imponierte mir aber der Gegensatz zwischen formalen Gestaltungselementen und naturalistisch gehaltenen Bereichen, was sich sowohl im Verkaufsgelände, als auch durch den gesamten Park durchzog. Ich musste mir eingestehen, einen solchen Betrieb noch nie gesehen zu haben!

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Diese letzte Reise war für mich äußerst anstrengend! Zusammen mit Sergey absolvierte ich ein Mammutprogramm, dazu kamen noch einige Touren, die ich alleine unternahm. Das Wetter war dazu unerträglich schwül, was für diese Jahreszeit für Russland sehr ungewöhnlich ist. Aber ich bekam wiederum derart viel zu Gesicht, was meinen Horizont unglaublich erweiterte. Natürlich war der Hauptgrund meiner Reise den dortigen Phloxzüchtern gewidmet, zu denen ich inzwischen ein geradezu inniges Verhältnis pflege. Dieses Jahr nahm ich mir die Großregion Moskau vor, wollte die dortigen Highlights aufsuchen. Aber meine Freunde zeigten mir darüber hinaus noch einige andere Dinge, quasi im Vorbeifahren, unter anderem den eindrucksvollen Wassergarten von Aleksandr.

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Über die Phloxe werde ich dir ein andermal berichten. Zu frisch sind noch meine Eindrücke, zu vielschichtig die Neuigkeiten, die ich erfuhr, überwältigend die vielen Neuheiten, die ich zu Gesicht bekam. Der Phloxe wegen besuchte ich die weitläufigen Zuchtfelder von Elena Konstantinova, den verwunschenen Garten des rührigen Altmeisters Jurij Reprev, sowie zwei weiteren Phloxgärten und dann als krönenden Abschluss die Phloxausstellung im Botanischen Garten inmitten Moskaus. Eines wurde mir nach dieser Reise wiederum vollkommen klar. Eine Geschichtsschreibung der Phloxzüchtung ohne Einbeziehung der Russen würde nicht einmal eine halbe Wahrheit bedeuten!

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Und einen letzten Garten möchte ich dir schon deswegen nicht vorenthalten, weil dieser auch im Schwarzwald, im Odenwald oder im Wiener Wald liegen könnte. Es ist der Garten von Elena, der Enkelin von Pavel Gaganov, des wohl bekanntesten und erfolgreichsten Phloxzüchters Russlands. Sie kannte ich schon vom letzten Mal in St. Petersburg. Ihr Garten befindet sich am Rande eines Dorfes inmitten eines Mischwaldes, rund hundertfünfzig Kilometer südlich von Moskau. Wir fuhren mit dem Zug dorthin, Zug fahren ist noch stets das Hauptbeförderungsmittel in Russland, bequem und schnell zugleich.

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Einige Phloxe ihres Großvaters standen noch. Auch durfte ich die Laute bewundern, die Karl Foerster als Gastgeschenk für Pavel Gaganov mitbrachte. Ich fragte allerdings leider nicht nach, wer denn nun von den beiden damals der tatsächlich musikalischere war. Musik machen konnten sie ja mit ihren Stauden auf die unterschiedlichste und fantastischste Art und Weise. Und vielschichtige Töne entlockte mir dann aber der Garten von Elena! Es war ein reiner Waldgarten mit Funkien, Anemonen und mir wohlbekannten Staudenraritäten, von Deinanthe bis Chloranthus, von Majanthemum kamtschatkensis bis Onoclea sensiblis ‘Nana‘. Ja, so abwechslungsreich könnten viele andere Schattengärten auch aussehen, jeder auf seine eigene Weise. Vielschichtig waren die Blütezeiten der Gehölze und Stauden, vielschichtig auch deren Struktur, sowie die Anordnung der Beete, sowie der Staudenverwendung.

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Der August verläuft in unserer Gärtnerei normalerweise ruhig. Mal sehen, ob ich es endlich schaffe, einige Schattenquartiere in unserem Schaugarten etwas umzugestalten, quasi aufzumotzen. Denn zu viel Dynamik, plus einige längere Regenzeiten bewirken, dass der Schaugarten eher einer undurchdringlichen, grünen Hölle ähnelt. Ich möchte endlich einmal ein Schattenbeet entwickeln, indem von Cardamine bis Adonis, von Diphylleia bis Rohdea alles in trauter Gemeinsamkeit vereint ist, was aber auch im blütenarmen Sommer spannend wirkt. Viele deiner Freundinnen kamen dieses Jahr per Bus zu uns und erlebten die Gärtnerei in Form einer Führung. Dies freute uns sehr, denn ich möchte diese Exkursionen nicht mehr missen. Problematisch ist dabei nur, dass bei Gruppen über 30 Personen ein wenig die „persönliche Note“ abgeht. Unsere Wege sind teilweise sehr eng und schmal, die letzten sind nicht die ersten und bekommen nur die Hälfte mit. Ein Megaphon würde vieles erleichtern, ist aber penetrant und aufdringlich. Vielleicht gelingt es dir, mit weniger Teilnehmern hierher zu kommen, es lohnt sich!

Nun wünsche ich dir noch einen erholsamen Garten-Sommer!

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Christian H. Kreß und Mitarbeiter

Viele Grüße/ Best regards/ С уважением