Newsletter VIII/2017 („Frankenburger Gartenroas“, Teilen, Vermehren…)

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Stellt dir vor, jetzt sind wir doch tatsächlich im Besitz einer „Betriebskatze“, und dies gänzlich ungewollt! Ich wünschte mir ja immer schon eine Gärtnereikatze, nicht nur, weil ich Katzen grundsätzlich sehr gerne mag, sondern um der von Jahr zu Jahr größer werdenden Mäuseplage Herr zu werden. Eine einzelne Katze vermag dabei zwar nicht viel ausrichten, allein ihre Anwesenheit wird den Mäusen vielleicht etwas Unbehagen bereiten und beruhigt ein wenig das Gärtnergewissen. Jedenfalls war sie auf einmal da, hinter einigen Kisten versteckt – ein Minikätzchen, ein Häufchen Elend, halb verhungert. Entweder sie hat sich verlaufen oder sie wurde von einem herzlosen Zeitgenossen an der Autobahn einfach sich selbst überlassen. Wie dem auch sei, uns erbarmte sie. Inzwischen fängt sie zwar noch keine Mäuse, ist aber inzwischen glücklich und zufrieden, sie erobert Tag für Tag ein Stück Gärtnerei, sozusagen vom Computer in die Welt. Und jedermann ist ganz verrückt mit ihr!

Hier geht alles seinen gewohnten Weg, vermehren, teilen, topfen, umtopfen. Und dann das lästige, aber leider überlebensnotwendige Gießen der Topfquartiere. Wir sind ja glücklicherweise im Besitz eines leistungsfähigen Brunnens, der aus 70 m Tiefe genügend Wasser fördert. Allerdings haben wir immer noch viel zu wenig Regen für unsere Region abbekommen. Das Kuriose oder Traurige ist die Tatsache, dass seit einigen Jahren sich die Niederschläge immer punktuell und nur sehr kleinräumig verteilen. Hier 10 Liter pro Quadratmeter wolkenbruchartig in einer Nacht, fünf Kilometer Luftlinie weiter entfernt nichts, keinen Tropfen! Oder heute zwei Liter Regen bei uns, ein kurzes Aufatmen, dann 3 Wochen lang Trockenheit. Im Voralpenland kam ausreichend Wasser von oben, hier im Innviertel war lange Zeit kein flächendeckender Regen sichtbar. Aber noch wesentlich schlimmer als unsere Region traf es Teile des nördlichen Niederösterreichs, im Waldviertel, sowie Teilen des Burgenlandes, wo es seit Jahresbeginn insgesamt nicht mehr als 200 ml geregnet hatte. Aber wenn du diese Zeilen liest, dann wird es doch endlich mal flächendeckend geregnet haben!

Aber ich will dich nicht noch weiter mit dieser verrückten Wetterlage konfrontieren, ich genieße den Sommer in vollen Zügen, auch bei Temperaturen jenseits der 30-Grad-Marke! Alles wächst und blüht vor sich hin, dass es eine wahre Wonne ist. Man erfreut sich an den kleinen und großen Dingen, mit der uns die Natur überrascht. Und seit ich die Blaurauten in Kirgisien sah, habe ich einen ganz anderen Bezug zu ihnen. So geht es mir ständig, wenn man bekannte Stauden in der Natur entdeckt. Selbst das banale Schleierkraut kann im Garten durchaus sehr viel mehr als sich nur in der Vase präsentieren!

Zwischen 5 und 6 Uhr in der Früh sind die Farben der blauen Phloxe am allerschönsten, denn die „Blaue Stunde“ Karl Foersters findet bekanntlich nicht nur abends statt. Und hier bahnt sich eine riesengroße Überraschung an. Vom Pflanzenfreund Johnny Etzinger bekam ich voriges Jahr frisch gekürt drei Exemplare seiner Sorte ‘Donau‘, welche er aus einem Sämlingsbestand herausselektierte. Mit ‘Donau‘ besitzen wir eine der ganz wenigen, blauen Sorten, die ihre schiefergraublaue Farbe nicht nur frühmorgens, sondern über den ganzen Tag behält, auch bei trübem Wetter und bei strahlendem Sonnenschein, dieses Blau scheint äußerst gefestigt! Ich prophezeie dieser Sorte eine große Zukunft, da nicht nur ihre Farbe im gesamten Sortiment unverkennbar ist, sondern weil sie darüber hinaus sehr wüchsig und gesund ist. Die dichten Kuppeln erblühen über einen langen Zeitraum hinweg. In der Zwischenzeit waren übrigens nicht nur viele Besucher im Phloxmuseum, sondern auch einige Staudengärtnerkollegen von weiter weg. Alle waren sie von ‘Donau‘ begeistert! Auf dem folgenden Bild kannst du dir einen kleinen Eindruck verschaffen:

Phlox mit gefüllten Blüten? Gibt es diesen wirklich, und ist es überhaupt erstrebenswert, so etwas im Garten zu haben? Nein, es gibt ihn tatsächlich noch nicht, derzeit nur gerüschte oder vielleicht gerade mal halbgefüllte Formen. Trotzdem kommen doch tatsächlich Kunden oder Freunde von dir zu uns und behaupten doch glatt, sie hätten zuhause Flammenblumen mit rosarot gefüllten Blüten. Die Bilder und Zweiglein bewiesen sehr schnell, dass es sich hierbei um keinerlei Phlox handelt, sondern um das gefüllt blühende Seifenkraut (Saponaria officinalis ‘Pleniflora‘), eine alte Bauerngartenstaude, wohl mit viel Charme, aber dies hat mit Phlox leider herzlich wenig zu tun. Außerdem wuchert das Hohe Seifenkraut ungemein, nur zur allgemeinen Aufklärung, falls du es dir zulegen möchtest.

Im August bin ich eigentlich immer in unserer Gärtnerei anzutreffen, zu viel an Arbeit erwartet uns und außerdem durfte ich ja schon die Bergwelt Kirgisiens genießen. Und einige Mitarbeiter möchten ja auch ihren Urlaub konsumieren, zumindest einen Teil davon auch im Sommer. Du wirst wahrscheinlich auch wegfahren wollen, um deinen Alltag für einige Zeit den Rücken zu kehren. Falls dich der Weg in den Südosten führt, möchte ich dich einladen, hier in Oberösterreich einmal für kurze Zeit Station zu machen. Sehenswürdigkeiten gibt es wahrlich genug, nicht nur malerische Städte wie Salzburg, Steyr, Krumau, Schärding oder Passau. Aber nicht jedermann ist ein passionierter Städtefreak und mag sich diese Juwele im Hochsommer ansehen. Auch Naturschönheiten warten hierzulande auf dich! Den Böhmerwald kenne ich seit meiner Kindheit, aber auch das Salzkammergut hat enorm viel zu bieten. Allein der Hallstätter See, der Traunsee, der Attersee und der Mondsee sind so idyllisch und prägen die gesamte Voralpenlandschaft ungemein. Auf kleinen Wanderungen in das Höllengebirge kannst du viele bekannte Stauden und Gräser entdecken und besonders artenreich ist das Hochplateau der Dachsteinregion. In Bad Ischl erlebt man auch abseits der ausgetretenen Touristendenkmäler einen starken Hauch der Kaiserzeit, übrigens sehr lebendig und nicht sissihaft aufgemotzt oder etwa K+K-verstaubt. Der Alpengarten in Altaussee ist nicht weit von Bad Ischl weg und auf jeden Fall eine Reise wert. Nicht, dass ich dich mit einigen Floskeln aus der Tourismuswerbung auf die Nerven gehe, aber wenn ich durch das Salzkammergut fahre, dann frage ich mich stets, ob unsereins überhaupt bewusst ist, in welch herrlicher Bilderbuchgegend wir zuhause sind. Und wenn du dir beim Vorbeigehen die Hausgärten von Hallstatt und anderen Gemeinden des Inneren Salzkammergutes betrachtest, wirst du nicht nur eine Menge wunderbarer Gartenpflanzen entdecken, sondern auch in einer besonders harmonisch eingewachsenen Verwendung.

Würde dir diese Mauer mit perfekter Patina nicht gefallen? In Hallstatt entdeckt, zwischen den engen Gassen…

Oder dieses eingewachsene Beet an der Hauswand, ebenfalls im Salzkammergut entdeckt. Solche positiven Beispiele gäbe es Hunderte!

Mitte Juli fand in Frankenburg am Hausruck übrigens zum zweiten Mal die „Frangeburga Goatnroas“ statt, zu Deutsch „Frankenburger Gartenreise“, falls dir das oberösterreichische Idiom nicht geläufig sein sollte. Gleich vierzehn Gärten hatten in dieser kleinen Gemeinde für ein Wochenende ihre Tore geöffnet, die Gartenschau findet leider nur alle zwei Jahre statt. Frankenburg hat rund 4.500 Einwohner und liegt ungefähr eine halbe Stunde von hier weg, auf dem Weg in Richtung Attersee. Ich nahm mir vor, diesen Gärten endlich mal einen Besuch abzustatten, zählten doch einige der Gartenbesitzer zu unseren langjährigen Kunden. Was ich dort zu sehen bekam, das hätte ich niemals erwartet, ganz ehrlich! Man bekommt ja mit den Jahren schon äußerst viel zu Gesicht und war im Innersten schon etwas „gesättigt kritisch“, um dies einmal vorsichtig und diplomatisch auszudrücken, ohne jetzt irgendeine Bewertung abzugeben.

Doch was dem Besucher dort geboten wurde, war nicht nur sehr beeindruckend und wunderschön, darüber hinaus glich kein Garten dem anderen, bei jedem kam Kreativität und die ganz besondere „Gartenweltanschauung“ und Schaffenskraft seines Besitzers zum Ausdruck. Vom reich bestückten Sammlergarten über einen eingewachsenen, sehr idyllischen Wassergarten, vom Designergarten bis zum schnuckeligen Künstlergarten war alles vorhanden, fast schon wie vorbestellt! Unglaublich, und das alles in einer so kleinen Gemeinde! Auch die Pflanzenverwendung wurde zweckmäßig, aber durchaus auch fantasiereich ausgelebt. Hier in Frankenburg wurde gänzlich unbewusst eine neue Idee geboren, eine Art „Gemeindegartenschau“, ohne großem Medienzirkus oder Politikertamtam, mit der tatkräftigen Hilfe des örtlichen Siedlervereines und das Zusammenspiel der so unterschiedlichen Gartenbesitzer. Ich kann dir nur raten, in zwei Jahren nach Frankenburg zu reisen, was ich dort zu Gesicht bekam, ist wohl einmalig und sehr nachahmenswert.

Der Tag der offenen Gartentüre ist bei uns in Österreich ja noch nicht so sehr verbreitet, nur wenige Gärten öffnen sich den Besuchern. Jedenfalls haben mir die Gärten von Frankenburg gezeigt, dass für die Zukunft doch noch Zeichen der Hoffnung bestehen und diese Pseudokiesgärten vielleicht nur ein vorübergehendes Abgleiten in Gartengleichgültigkeit waren.

Übrigens hat mich dein sehr reger und durchwegs positiver Zuspruch des letzten Rundbriefes sehr gefreut! Zwar hätte ich gerne auch einmal die Gegenseite vernommen, aber diese gehören offenbar nicht zu unseren Kunden und bekommen daher auch diesen Rundbrief nicht. Bezüglich Garten und seinem beglückenden Geheimnis sollten wir ganz allgemein über unsere Eigenschaft als Hobbygärtner, als Sammler und Jäger ein wenig hinauswachsen und mehr und mehr auch einer „Begärtnerung der Menschenseele“ nachkommen.

Den August nützen wir voll aus, um unsere Staudengärtnerei wieder so weit auf Vordermann zu bringen, dass sie sich zur Herbstzeit möglichst prächtig in Szene setzt und vieles an Stauden wieder frisch vermehrt und dir verfügbar sein wird. Es ist so schön anzusehen, wenn sich Beet für Beet wieder dicht mit Stauden füllt und alles ordentlich und akkurat Gattung und Arten von A bis Z dasteht. Wir stellten dieses Jahr unser umfangreiches Gräsersortiment sichtbar weiter nach vorne, vielleicht kapiert auf diese Weise auch der letzte Besucher, dass Gräser in unseren Gärten unverzichtbar sind. Denn viele Österreicher und Süddeutsche sind nach wie vor Gräsermuffel, sie erfreuen sich eher an Prachtstauden aller Art, sowie den seltensten Pflanzenraritäten, was ja auch in Ordnung ist. All dies, in Kombination mit Gräsern, nein, dies wäre schon wieder zu perfekt!

In diesem Sinne wünsche ich dir noch einen erholsamen Sommer, bleib gesund!

Dein Staudengärtner Sarastro

Viele Grüße/ Best regards/ С уважением

Christian H. Kreß und Mitarbeiter