Newsletter X/2022

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Es hat immer wieder abgekühlt, ziemlich heftig sogar, einmal sogar von 25 Grad auf unter 10 Grad. Diese schroffen Temperaturunterschiede stellen für jeden Organismus eine echte Herausforderung dar. Außerdem regnete es endlich ausgiebig, zumindest bei uns. Deshalb dürfen wir dieses Mal wieder über Pflanzen und Garten schwelgen, nachdem die letzten Briefe an dich eher dürftig ausfielen. Der August war ja für mich eine echte Herausforderung, zu viele Termine, Fahrerei ohne Ende.

Momentan haben es mir die winterharten Begonien angetan. Und ich möchte dir ein wenig über meine Erfahrungen berichten. Bisher gab es ja immer schon die hellrosa blühende Begonia grandis (syn Begonia grandis var. evansiana) aus Japan und den östlichen Provinzen Chinas. Sie bildet eine Knolle und ist mit all ihren Formen in den meisten Teilen Mitteleuropas vollkommen winterhart.

Du wirst dich jedes Jahr gewundert haben, warum sich dieses anspruchslose Schiefblatt jedes Jahr beim Neuaustrieb so viel Zeit lässt, nichts für Ungeduldige! Oft lassen sich die Blätter erst gegen Mitte Juni blicken, dann geht es jedoch Schlag auf Schlag und wenig später stehen sie in ihrer ganzen Pracht da. Die Blüten erscheinen ab etwa August, wobei die Vollblüte sich auf den September beschränkt. Im Spätherbst dann aber verlieren sie ihre Blätter, nur noch ein paar nackte, vergilbende Stängel deuten auf ihr vergängliches Dasein. Wenn du die Stängel allerdings genauer betrachtest, erkennst du kleine Brutknöllchen, die in den Blattachseln sitzen und irgendwann zu Boden fallen, um dort zwischen Falllaub zu überwintern. Aus diesen kaum 5 mm dicken Knöllchen entstehen binnen eines Jahres ausgewachsene Begonien, man glaubt es kaum! Diese kannst du pikieren, topfen oder vorsichtig auseinander versetzen.

Mit der Zeit erhältst du einen ansehnlichen Bestand, ähnlich wie hier unter unserem Aurikeltheater vor der kleinen Schattenhalle in unserer Staudengärtnerei. Wir hatten die Fläche unter den Aurikeln mit Kies abgestreut, trotzdem eroberten die Begonien mit den Jahren das gesamte Terrain:

Den größten Bestand von Begonia grandis sah ich vor Jahren im Botanischen Garten Berlin-Dahlem, er hatte mindestens 30 m2, leider gibt es derzeit davon nur noch Restbestände am Rande der gewesenen Stelle, denn man hatte durch Baumaßnahmen den ganzen Bestand vernichtet.

Von Begonia grandis sind einige Formen und Sorten in Kultur. Man erkennt sie durchwegs alle an ihrer mehr oder minder roten Blattunterseite. Sehr ausgeprägt und am markantesten ist dies bei den Sorten ‘Maria‘, ‘Claret Jug‘ und ‘Sapporo‘ zu sehen, deren Unterseite tiefrot ist. Bei dem verbreiteten Klon von Begonia grandis, welcher früher unter Begonia grandis var. evansiana verbreitet wurde, sind lediglich die Blattadern auf der Blattrückseite auffällig rot. Auch eine weiß blühende ‘Alba‘ ist in Kultur, wobei das Weiß eher einen verwaschenen Eindruck auf mich macht.

Außerdem vermehren wir seit vielen Jahren Begonia grandis var. sinensis. Diese ebenfalls vollkommen winterharte Art ist unschwer an ihren lindgrünen Blättern erkenntlich, deren Unterseite keinerlei Rotanteil aufweist. Diese eher seltene Art wächst außerdem etwas kompakter. Von dieser hübschen Arte führen wir seit diesem Jahr eine Sorte, nämlich die reinweiße ‘Snow Pop‘. Auch hier sind die Blätter unterseits rein grün, ebenso bei ‘Heron’s Pirouette‘, deren lockerer, höherer Wuchs sehr eindrucksvoll ist.

Begonia grandis var. sinensis besitzt zart rosarote Blüten, welche sich deutlich von ihren hellgrünen Blättern abheben

Leider wirft der Frühjahrsversand bei den winterharten Begonien immer wieder Probleme bei manchen Kunden auf. Einige deiner Gartenfreunde sind enttäuscht, wenn sie im zeitigen Frühjahr lediglich einen Topf voll Erde zugesandt bekommen, angeblich ohne erkennbaren, lebenden Inhalt. Ich darf dich trösten, es befindet sich stets eine Knolle im Topf! Allerdings ist diese Knolle kaum von einem Stückchen Rinde zu unterscheiden. Trotzdem senden wir dir den ganzen Topf zu, damit du ihn samt der Erde in die Erde versenken kannst, ohne lange nach der Knolle zu suchen. Keine Angst, sie wird austreiben, denn wir überwintern all unsere Begonientöpfe frostfrei, denn unter freiem Himmel würden diese durch dauerndes Auf- und Zufrieren tatsächlich abfaulen.

Es hat sich durch den Klimawandel herausgestellt, dass unter den Begonien inzwischen doch wesentlich mehr Arten winterhart sind. Da sie mir am Herzen liegen, erproben wir deren Winterhärte auch in unseren Gefilden, auch wenn seitens der Kollegen und Sammler in Holland oder England beteuert wird, sie seien ausreichend hart. Prächtig finde ich beispielsweise die weiß bis hellrosa blühende Begonia cuccularia var. arenosicula. Mit ihren dunkelgrünen, glänzenden Blättern und den weißen Blüten wirkt sie auf mich wie eine übergroße Begonia semperflorens. Diese wunderschöne Begonie stammt aus Argentinien und überwintert auch in deinem Garten unter einer Laubschicht. Auch bei dieser Art lässt der Austrieb im Frühjahr auf sich warten. Am schönsten aber ist sie als Kübelpflanze in einem großen Topf anzusehen. Wir sind dabei, noch eine ganze Reihe weiterer Begonien zu testen und zu vermehren.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich dir schon einmal die Geschichte von Anemone ‘Lesserii‘ erzählt habe, jener vor mehr als 100 Jahren angeblich in Russland entstandenen Waldanemone, welche auch von Wehrhahn in seinem zweibändigen Klassiker „Die Gartenstauden“ erwähnt wurde. Ich kannte sie früher ausschließlich aus der Literatur, bekam sie aber nie zu Gesicht, bis ich in Boskoop in Holland zum ersten Mal vor einem langen Beet stand, ein langes, leuchtendes Lilarot! Dieser große Mutterpflanzenbestand befand sich bei Kees Verboom, einem Staudengärtner der alten Garde, welcher ausschließlich qualitativ hochwertige Freilandstauden verkaufte. Er war überdies bei Insidern für seine private, sehr umfangreiche Uhrensammlung bekannt.

Einfach unvergleichlich, jene leuchtend kardinalrote Farbe der Blüten! Wir kennen dieses Rot zwar schon von Anemone multifida, einem der Kreuzungspartner von Anemone ‘Lesserii‘, jedoch sind bei dieser die Blüten höchstens halb so groß. Der andere Kreuzungspartner ist Anemone sylvestris, die bekannte, weiß blühende Weinbergsanemone. Bei dieser Hybride dominiert die rote Blütenfarbe von A. multifida und der Wuchscharakter von A. sylvestris. Da die Russische Waldanemone steril ist, kann sie relativ mühsam ausschließlich über Wurzelschnittlinge oder durch vorsichtige Teilung vermehrt werden. Früher hatte ich damit immer guten Erfolg und meine vermehrten Sätze wuchsen ordentlich und fanden bei den Kunden reißenden Absatz. Doch leider kamen dann Jahre, in denen die Frühjahrstemperaturen zu warm wurden oder ich mit der Vermehrung zu spät dran war. Ganze Vermehrungseinheiten gingen zugrunde und beinahe verlor ich diese wundervolle, schon als historisch zu bezeichnende Staude. Aber Georg Mayer, ein Freund und Kollege aus dem schwäbischen Uhingen hatte noch ein paar Exemplare, also fing ich mit der Vermehrung wieder ganz von vorne an. Ja, solche Rückschläge muss selbst ein erfahrener Staudengärtner verkraften lernen!

Jetzt endlich, nach so vielen Jahren dürfen wir dir die freudige Mitteilung machen, dass wir nun wieder einen ansehnlichen Bestand dieser herrlichen Waldanemone anbieten können!

Der perfekte Standort ist im Gehölzrandbereich zu suchen, aber auch ohne weiteres in einer Lücke im Vordergrund eines klassischen Beetes. Diese Anemone wird etwa 40 cm hoch und wächst langsam in die Breite. Kennzeichnend sind die später auftretenden, wolligen Samenstände, welche allerdings taub sind.

Jedes Jahr freue ich mich erneut auf den Austrieb des Pilzblattes (Syneilesis). Warum der deutsche Name Pilzblatt? In Ermangelung eines treffenden Namens erfand ich diesen vor Jahren, da die Form ihres behaarten Austriebes entfernt denen von Morcheln oder Schopftintlingen ähnelt. Du weißt ja, dass Karl Foerster im Erfinden von deutschen Pflanzennamen stets sehr erfinderisch war, sie trafen meist den Nagel auf dem Kopf. Eine Menge an Neueinführungen wurden ausschließlich mit ihrem botanischen Namen verbreitet, für mich und für viele deiner Gartenfreunde vollkommen normal! Dies ist jedoch nicht ideal, um diese einem breiteren Gartenpublikum bekannt zu machen.

Das Pilzblatt stammt aus China, spannend sein Austrieb, über das Jahr eine eindrucksvolle Blattschmuckstaude, im Herbst nehmen die Laubblätter eine leuchtendgelbe Farbe an, die gelblichen Blüten im Sommer sind dagegen eher enttäuschend. Hier steht ein dickes Exemplar unter einem Ahorn, erstaunlich, dass es so viel Trockenheit erträgt. In offenen, lehmig humosen Böden wächst das Pilzblatt problemlos. Sehr schön zu Funkien und anderen Stauden des Halbschattens. Wir bieten es ab Frühjahr 2023 wieder an, unser Bestand wurde erst die Tage frisch vermehrt. Wir kennen zwei Arten, nämlich Syneilesis aconitifolia, welche du hier im Bild siehst, sowie S. palmata mit etwas breiteren Blättern und niederem Wuchs. In Japan existieren überdies einige panaschierte Sorten, die allerdings bei uns noch kaum in Kultur sind.

Auch bei den Mädchenaugen (Coreopsis) tat sich einiges auf, wenngleich viele der neuen, sehr bunten Sorten nur kurzlebig sind oder mangelnde Winterhärte aufweisen. Eine Freundin von dir war allerdings über ein neues Mädchenauge von uns so begeistert, dass ich es dir heute unbedingt vorstellen möchte. Du kennst sicher Coreopsis verticillata, welches mit den Sorten ‘Zagreb‘ und ‘Grandiflora‘ in vielen Gärten verbreitet wurde, ein Massenblüher in Gelb, der überraschend resilient ist, was Trockenheit anbelangt. Über Umwege gelangte ich an eine hochwachsende Form, welche ursprünglich vom Botanischen Garten von North Carolina in Raleigh stammte. Mir fiel der locker straffe Wuchs auf, besonders aber die lange Blütezeit der gelben Sternblüten mit ihrer auffällig schwarzen Mitte. Aufgrund der Herkunft benannte ich sie mit dem Namen ‘Appalachian Gold‘, mein langjähriger Freund Georg half mir bei der Namensfindung. In unseren neuen Schaubeeten hat sie sich schon im ersten Standjahr prächtig entwickelt. Bleibt vor allen Dingen abzuwarten, wie sich ein Bestand über die Jahre entwickelt. Bemerkenswert ist neben ihrer langen Blütezeit besonders die Höhe von bis zu 120 cm! Der erste Blick verleitet zur Annahme, dass dies eine kompakte Form von Coreopsis tripteris sein könnte.

Besonders schön stehen momentan unsere Ziergräser. Hier stockten wir die letzten Jahre das Sortiment gewaltig auf! Stars in der Manege sind neben Bouteloua gracilis ‘Blonde Ambition‘ alle Liebesgräser (Eragrostis) und nach wie vor die Rutenhirsen (Panicum virgatum). Unser Sortiment an Seggen kann sich ebenfalls sehen lassen, trotzdem ich mir im Klaren bin, dass dies in Mitteleuropa in Sachen Pflanzenverwendung noch vollkommene Zukunftsmusik ist, besonders diejenigen Seggen, welche bodendeckende Eigenschaften aufweisen. Gras als Bodendecker? Als Rasen akzeptiert – in Pflanzungen in vielen Köpfen immer noch nicht vorstellbar.

Jetzt im Herbst zeigt sich die ganze Pracht der Gräser, ich freue mich schon auf den ersten, gehörigen Raureif, der ihre ganze Brillanz und Grazie hochfahren lässt. Leider ist dieses Schauspiel schon nach wenigen Stunden vorbei, gerade das macht es aber zu einem besonderen Erlebnis, wenn noch dazu die Morgensonne hineinfunkelt. Beim Anblick eines Gräserbeetes im funkelnden Raureif verhält es sich ähnlich wie bei einem Nordlichterlebnis! Der richtige Moment kann für sämtliche Mühsale entschädigen.

Als Vorgeschmack darf ich dir dieses Bild vom letzten Jahr zeigen:

Im Gegensatz zu den Gräsern, die sich derzeit in ihrer vollen Schönheit präsentieren, sind die Verkaufspflanzen der Astern dagegen mit der Blüte im Verzug, bedingt durch die leider verspätete Vermehrung. Wenn du Astern in voller Blüte sehen möchtest, solltest du dagegen unsere neuen Schaubeete bewundern. Hier laufen gerade eine Menge Astern zu ihrer Hochform auf. Die Rezepte ihrer Verwendung können unterschiedlicher nicht sein!

Und vergiss bitte nicht den Herbstzeitlosen deinen Respekt zu erweisen, auch wenn sie hochgiftig sind!  Ältere Horste sind echte Hingucker und läuten den Herbst ein! Auch hier bieten wir eine kleine Auswahl wüchsiger Sorten an.

Inzwischen befinden wir uns wieder voll im Herbstversand. Und dieser erstreckt sich meist bis weit in den November hinein. Letztes Jahr bestellten einige Kunden sogar im Dezember, das letzte Paket verließ am 15. Dezember die Gärtnerei! Kaum zu glauben, denn leider sind gar nicht so wenige Zeitgenossen immer noch der Auffassung, dass spätestens an Allerheiligen der Garten abgeschleckt und proper zu sein hat, ähnlich den Gräbern auf dem Friedhof, geistig hat man dann mit dem Garten im Jahreszyklus quasi abgeschlossen. Dass dies nicht so ist, möchte ich dir mit meinen Briefen vermitteln. Denn auch im Spätherbst gibt uns der Garten und seine Pflanzen zumindest sehr viel Erholung und Sinnlichkeit in einer zunehmend chaotischeren Welt.

Falls es dich interessiert: Mein Vortrag anlässlich des Pagelssymposiums ist auf YouTube unter https://www.youtube.com/watch?v=BIdl_6lDrh8 abrufbar. Wie ich bereits auch auf FB schrieb, erschrak ich ob meiner Stimme, bekanntlich kann man nur sich selbst nicht anhören!

Ich wünsche dir jedenfalls einen sonnigen Herbst mit ausgeglichenem Niederschlag. Und denke daran, dass der Herbst des Winters Frühling ist, nämlich eine ideale Pflanzzeit! Demnächst bin ich wieder einmal für 14 Tage unterwegs, wohin mich die Reise dieses Mal führt, schreibe ich dir in einem der folgenden Rundbriefe an dich.

Dein Staudengärtner Sarastro