Newsletter X/2014 (Herbstblühende Stauden, Krötenlilien etc.)

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Die Zeit vergeht wie im Fluge, schon befinden wir uns wieder mitten im Herbst, wo wir doch die Hoffnung hatten, dass uns wenigstens ein sonniger, warmer Sommerausklang gegönnt wäre. Der Wunsch nach einem sonnigen Herbst war wohl hier eher der Vater des Gedankens, der Sommer in Österreich glich bis dato einem irischen Sommer oder dem in Norwegen. Aber lassen wir das.

Kürzlich machte ich wieder einmal eine Reise in den Nordwesten Deutschlands und nach Holland und besuchte dabei langjährige Freunde und Stätten früherer Begegnungen. Unsere Stauden bildeten dabei einen Schwerpunkt. Und endlich konnte ich mir auch Peter Jankes fantastischen Hortvs –Garten ansehen, quasi im Vorbeifahren. Eine Reise mit vielen konträren Eindrücken, man könnte sie im Nachhinein „Vom mediterranen Amsterdam zurück in den österreichischen Herbst“ bezeichnen. Oder als ein Kontrastprogramm zwischen kleiner Staudengärtneridylle mit ausgefeiltem Sortiment und industrieller Massenproduktion. Beides hat heutzutage seine Berechtigung, davon bin ich der festen Überzeugung, wenngleich mir natürlich die erste Version wesentlich näher steht. Ich behaupte ja immer, dass es heute nur noch „Hopp“ oder „Tropp“ gibt. Entweder klein und spezialisiert, mit Ambiente und tiefer Fachkompetenz ausgestattet, oder als Produzent von Massen-wegwerfstauden im Container für den Container! Mittelgroße Gärtnereien von anno dazumal, welche wie vor Jahrzehnten quasi von „jedem Dorf einen Hund“ kultivierten und vom Friedhofsbau über die Rasenplanie bis zur Blumenbinderei alles bewerkstelligen, werden immer weniger und sind leider fast völlig im Verschwinden begriffen. Schade eigentlich, denn gerade in einer solchen Gärtnerei bekam ich das nötige und wichtige Rüstzeug mit auf meinen Gärtnerweg. Meinen Lehrbetrieb im idyllischen, südbadischen Laufenburg besuchte ich vor kurzem wieder einmal, dort werden Pflanzen inzwischen nur noch zugehandelt, Vermehren und Kultivieren sind leider Fremdwörter geworden.

Die Spezialisierung im Gartenbau hat inzwischen Ausmaße angenommen, dass ich mich wirklich frage, ob die Berufsbezeichnung „Gärtner“ nicht längst seine Berechtigung verloren hat oder zumindest neu definiert werden sollte. Oder ob man nicht besser zwischen einem „Verkaufsgärtner mit Schwerpunkt Stauden“, „Baumschul-Kauffrau“ für Endverkaufsbetriebe oder einem „Produktionsmanager“ unterscheidet. Ich möchte absichtlich nicht noch den Begriff „Sales Manager“ in den Mund nehmen….Wie auch immer, das nötige Rüstzeug für die erforderlichen Pflanzenkenntnisse samt deren sinnvollen Verwendung erfahren die jungen Leute leider nur noch selten in einer Gärtnerei, geschweige denn in einer Berufsschule oder Universität, sondern dann viel eher schon im Selbststudium. Dass diese Ambitionen bei den Mitschülern alles andere als „cool“ sind, erweist sich leider nur allzuoft. Umso mehr erfreut es mich immer wieder, wenn bei uns junge Leute mit großem Elan und für ihr Alter doch enormen Pflanzenkenntnissen aufkreuzen. Ihnen sei hoffentlich eine glückliche Zukunft beschert!

Präriestauden sind immer noch in aller Munde, vollkommen zu recht! Nur müssten diese in einem anderen Kontext promotet werden, denn wer besitzt schon eine solch riesengroße, eindrucksvolle Fläche im Garten, wie du sie beispielsweise im Botanischen Garten von Würzburg vorfindest? Präriestauden aller Art, ob ein oder zweijährig, lassen sich nämlich wie der Phlox oder der Sonnenhut in jedem ganz normalen Staudenbeet unterbringen. Falls du dich doch entschließen solltest, dir eine authentische, nordamerikanische Prärie im Garten zu verwirklichen, dann beachte bitte genau auf das Gesamtbild, die jahreszeitlich sehr unterschiedliche Wirkung und vor allem auch, wie viel Platz du zur Verfügung hast.

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Heute möchte ich dir ganz nebenbei einige gängige Herbstblüher aus dem Staudenreich vorstellen, die du sicherlich schon recht lange kennst. Doch mir ist immer auch die Geschichte wichtig, die sich dahinter verbirgt! In den 70er- und 80er-Jahren war der bekannte Schweizer Alpenpflanzengärtner Jakob Eschmann führend in Sachen Herbstenzian, sei es in seinen eigenen Auslesen wie auch in der Sortenvielfalt. Leider hatten einige seiner begehrten Sorten die negative Eigenschaft, viel zu lange Triebe zu bilden. Erst Eugen Schleipfer aus Augsburg gelang es, einige kompakte und reich blühende Selektionen auszulesen, die auch im Topf gut aussahen. Eine Sorte von ihm möchte ich dir vorstellen, es ist Gentiana ‘Oha‘ (G.-sino-ornata-Hybride). Er fand diese Sorte in einem Sämlingsbestand und sagte „Oha“, sozusagen „Hoppla, oha, die Sorte ist gut“! Sie unterscheidet sich durch ihr besonders gedrungenes Wachstum nebst einer reichen Blüte. Falls du nicht gerade im Bayrischen Wald oder im Mühlviertel wohnst, solltest du diesen Herbstenzianen Silikatboden oder ein Torfbeet verpassen. Daher beschränkt sich ihre klassischen Verwendungsmöglichkeit auf das sogenannte Moorbeet, also zusammen mit Rhododendron. Dabei sind es schlichtweg Gebirgspflanzen aus dem Transhimalaya, die lediglich einen sauren Boden lieben.

Übrigens, wie gefällt dir meine neueste Phloxkreation? Nun, die Flammenblumen zählen ja nicht gerade zu den typischen Herbstblühern. Diese Auslese fand eine langjährige Kundin inmitten der wunderbaren Sorte ‘Redivivus‘, die bei uns gerade am Aufblühen waren. Da ‘Redivivus‘ zu den absoluten Top-Sorten zählt, die gesund ist und bis lange in den Herbst hinein blüht, dachte ich mir, diesen „karierten“ Sport zu selektieren und weiter zu vermehren. Ob diese gestreift-gesprenkelte Form tatsächlich auch stabil ist und ob sie wirklich allen gefällt, bleibt dahingestellt. Aber sie blühte wirklich den ganzen September hindurch, auch jetzt noch befinden sich Blüten an den Rispen! Und das macht sie wohl doppelt wertvoll. Über einen Namen sinnierte ich lange nach, vorläufig soll sie ‘Sarastros Harlekin‘ heißen.

Links unten siehst du eines unserer Schattenschleierkräuter. Mit dem Echten Schleierkraut hat es nicht das Geringste zu tun, dagegen ist es mit der Weihrauchpflanze verwandt und hat auch denselben Gattungsnamen. Plectranthus glaucocalyx wird rund 150 cm hoch und ist selbst im trockenen Schatten willens, ab August reichlich zu blühen. Bei uns steht noch die Ursprungspflanze, die ich vor vielen Jahren von einem belgischen Liebhaber bekam und die wir ausschließlich über Stecklinge vermehrten. Richtig toll sieht diese Staude zwischen vergehenden Funkien aus, wo sie für ein lebendiges Bild sorgt.

Ich meine, dir schon einmal von den winterharten Begonien geschrieben zu haben. Auf meiner letzten Reise durch Holland entdeckte ich verschiedentlich neu benannte Sorten, die alle unter Begonia grandis var. evansiana geführt wurden, wobei es sich hierbei aber eindeutig um Begonia sinensis handelte. Der Unterschied zwischen diesen beiden winterharten Arten liegt unter anderem in der rötlichen Aderung der Blattunterseite, die nur B. grandis und ihre Sorten besitzt. Die zweite, vollkommen winterharte Art ist Begonia sinensis, deren Blattunterseite keinerlei Aderung aufweist und deren rosaroten Blüten und dunklen Blütenstiele sich deutlich vom hellen Lindgrün der Blätter abheben. Wie dem auch sei, vielen Gartenbesitzern ist es immer noch nicht bewusst, welche anspruchslose Staude sie mit diesem Schiefblatt besitzen! Sprichwörtlich legendär ist ihre leichte Vermehrbarkeit, bilden sich doch in den Blattachseln jede Menge Brutknöllchen, die zu Boden fallen und im Folgejahr daraus wiederum bis zum Herbst fertige Pflanzen entstehen. Du könntest damit deine gesamte Nachbarschaft versorgen! Einen der größten Flächen winterharter Begonien kannst du im Botanischen Garten Dahlem in Berlin bewundern, ein rund 30 qm großer Bestand steht dort seit vielen Jahren.

Die Krötenlilien machen mir leider Kummer und Sorgen, weil mir kein Mensch erklären kann, welche Krankheit ihnen das Leben schwer macht. Wobei längst nicht alle Tricyrtis heimgesucht werden, denn dieTricyrtis-formosana-Formen zeigen gesundes Blattwerk. Hingegen bekommen alle Formen von Tricyrtis hirta, T. macrantha und einige andere bereits ab August braune, teils gefleckte Blätter, die nahezu gänzlich absterben. Der Blüte kann dieses unschöne Verhalten nichts anhaben, sie blühen trotzdem. Im kommenden Frühjahr ist der Spuk vorbei, die Pflanzen treiben wieder ganz normal aus, um im Sommer wieder jene unschönen Symptome zu zeigen. Verschiedenste Theorien hörte ich schon, angefangen von Viren bis hin zu einer pilzlichen Sekundärkrankheit, die durch krankes Wurzelwerk ausgelöst wird. Auch bei Kollegen tritt diese Krankheit auf. Sie nimmt keine verheerende Ausmaße an, nur sind diese Krötenlilien alles andere als schön anzusehen. Ihre bezaubernden Blüten öffnen sich auch mit den unschönen, braunen Blättern.

Schon anlässlich meines ersten Besuches bei Beth Chatto in Colchester Ende der 80er-Jahre lernte ichCheloniopsis moschata kennen, einen wahren Dauerblüher, welcher größere Horste bildet und besonders für feuchte, halbschattige Lagen gut geeignet ist. Die an Bartfaden erinnernden, schmalen Röhrenblüten erscheinen in der Zeit von August bis weit in den Oktober hinein. Eine immer noch relativ unbekannte Schönheit, die ihrer Verbreitung harrt.

Herbstfarben im Garten! Den Sibirischen Storchschnabel (Geranium wlassovianum) gibt es inzwischen ebenfalls in mehreren Auslesen. Die schönste Herbstfärbung jedoch erreicht die Sorte ‘Blue Star‘. Eine Momentaufnahme dieses Feuerwerkes ist nur von kurzer Dauer, dafür ist das warme Rot so unbeschreiblich voll von Kraft. Der Wuchs dieses Storchschnabels ist horstig, seine violetten, purpur geaderten Blüten erscheinen über viele Wochen und Monate.

Ich werde nicht müde, dir über die Schönheit der herbstblühenden Zeitlosen zu erzählen! Zu ihrer Blütezeit im September führen sie den Taktstock in jedem Garten, wenngleich ihr flatschiges Blattwerk im Frühjahr weniger schön wirkt. Umso mehr solltest du auf einen sinnvollen Pflanzplatz achten, wo diese breiten Blatthorste keine anderen Pflanzen unnötig verdrängen und nicht störend wirken. Zwischen Schattengräsern, vor Laub abwerfenden Gehölzen, inmitten von Wildhecken, stets aber in gutem Gartenboden! Mit den Jahren entstehen sehr breite Horste mit zahlreichen Blüten. Leider sind nur wenige der vielen Sorten erhältlich und selbst diese fristen bei uns eher ein Schattendasein, denn immer wieder hört man den gleichen Tenor, dass Colchicum ja so giftig seien! Stimmt, aber wenn ich dir aufzähle, was sonst noch alles im Garten giftig ist und du dies alles schnellstmöglich aus deinen Garten verbannst, wirst du dich wundern, wie artenarm und kahl auf einmal dein Garten geworden ist.

Auch über die Chrysanthemen schrieb ich dir schon zu vergangener Zeit. Sie erfuhren in letzter Zeit in den Gärten eine glückliche Renaissance! Mir war es sehr wichtig, hier eine Sortenauswahl zu treffen, die in ihrem Farbspektrum etwas hergibt und wo die bei uns verfügbaren Sorten in allen Teilen Mitteleuropas zuverlässig winterhart sind. Außerdem waren mir solche Sorten mit teilweise äußerst gakeligen Wuchs sehr suspekt! Mit einer Ausnahme: ‘Emperor of China‘! Sie wächst wohl äußerst staksig, jedoch ist die weinrote Herbstfärbung ihrer Blätter und ihre löffelförmigen Blüten derart außergewöhnlich und apart, dass ich ihr den unschönen Wuchs zugestehe. Dabei gibt es durchaus auch Gegenteiliges! Wolfgang Kautz aus Potsdam war es, der ‘Poesie‘ in einem Garten in den Karpaten entdeckte. Ihre dichten, standfesten Horste wünsche ich dir in deinen Herbstgarten, denn auch nach mehr als zehn Jahren leuchten deren weißlichen, halbgefüllten Blüten schon von weitem. Von sattem Kupferbraun sind die Blüten der historischen ‘Paul Boissier‘, ebenfalls eines meiner Lieblinge! Über deren ungewöhnlich lang andauennde Haltbarkeit in der Vase brauche ich dir weiter nichts zu erzählen. Wichtig ist nur, dein Haushalt besitzt genug Vasen!

Und so sieht derzeit jene Staudeninsel aus, von der ich dir in den letzten Briefen wiederholt berichtete. Inzwischen ist alles sehr ordentlich zusammengewachsen und stützt sich gegenseitig. Derzeitig sehr dominant sind die drei Exemplare von Artemisia lactiflora ‘Elfenbein‘. Im nächsten Monat treten die Chrysanthemum ‘Herbstkuss‘ in Erscheinung, zusammen mit Panicum virgatum ‘Northwind‘.

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Der Herbstversand läuft derzeit auf vollen Touren. Über den Sinn einer Herbstpflanzung habe ich dir ja schon öfters berichtet. Es ist daher vollkommen normal, dass die von dir bestellten Stauden zurückgeschnitten werden müssen, denn sonst passen sie ja nicht in ein Paket hinein! Wir vermeiden allerdings einen Totalrückschnitt, denn wir achten besonders darauf, dass liebevoll verpackt wird und du noch möglichst viel von deinen Pflanzen siehst.

Und natürlich darf ich dich darauf hinweisen, dass sich die Gärtnerei derzeit in einem optimalen Vorzeigezustand befindet. Bei sonnigem Wetter ein Traum…und übrigens sind die Zwiebelpflanzen soeben eingetroffen! In der Gärtnerei findest du eine nette Auswahl an seltenen, aber auch bewährten Arten und Sorten vor, die im Voraus portionsweise abgepackt wurden.

image041Hoffentlich einen noch warmen und trockenen Herbst wünscht dir dein

Staudengärtner Sarastro