Newsletter XI/2018

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Die Leute seien dort alle viel zu dick, essen lauter ungesunde Sachen, sie seien überschwänglich nett, aber dafür sehr oberflächlich, außerdem extrem für Kitsch empfänglich, und im Übrigen lohnt es sich nicht, in die USA zu reisen, schon wegen der momentanen Politik. Und pflanzenmäßig seien wir hier in Europa ja sowieso viel besser unterwegs, schließlich schufen wir hier die Basics und sind das Nonplusultra. Kommen dir diese Klischees bekannt vor? Man kann sie auf jedes x-beliebige Land anwenden, in abgewandelter Weise natürlich.

Du wirst dich sicher gewundert haben, dass du meinen meist pünktlich erscheinenden Rundbrief dieses Mal einmal nicht pünktlich erhalten hast, aber zu jener Zeit feierten wir Halloween in den Vereinigten Staaten, zusammen mit meiner Tochter samt den vielen Angestellten bei Hoffman Nursery. Dort ist Halloween tatsächlich nichts Aufgesetztes und Nachgemachtes, sondern unverfälscht, so wie im alemannischen Süddeutschland die Fasnacht. Die zweiwöchige Reise hat mir wieder einmal gut getan, war dies doch seit längerem der erste Urlaub, raus aus dem Alltag, die Reise war jedoch intensiv und nicht gerade als sehr erholsam zu bezeichnen. Doch ich möchte dir gerne mehr davon berichten.

Angefangen hat alles in der Hauptstadt Washington D.C., dann sind wir mit dem Leihauto zuerst entlang der Küste von Maryland gefahren, dann durch die Shenandoah-Mountains der Appalachen bis an die Grenze zu Tennessee gekurvt und schließlich durch ganz North Carolina mit vielen Stationen bis hoch nach Philadelphia gereist. Ein Bruchteil von dem, was man noch alles machen könnte! Jeden Tag neue Leute, sowie veränderte Situationen. Und die Gärten und die in der Natur wachsenden Pflanzen waren natürlich ein Schwerpunkt dieser Reise.

Höhenzüge der Appalachen in südwestlicher Richtung

Zugegeben, der Herbst ist nicht gerade optimal für eine Pflanzen- oder Gartenreise. Trotzdem sieht man immer noch eine ganze Menge und die Herbstfarben eines Indian Summers sind fantastisch. Dazu waren wir allerdings zwei Wochen zu bald dran. Die tiefen Wälder der Blue Ridge Mountains müssen jedenfalls im Frühjahr ein wahres Pflanzeneldorado sein. Irgendwann schaffe ich es im Frühjahr dorthin, das wäre doch gelacht! Dafür war es eine Reise, die alle Gräserherzen höher schlagen lässt. Gräser sind im Allgemeinen ja herbstlastig, sie offenbaren sich erst jetzt, dafür in allen erdenklichen Farben und Formen.

Mein Lieblingskunstwerk im Park des North Carolina Art Museum, wo zeitgemäße Gräserverwendung auf moderne Kunst trifft.

Begeistert haben mich vor allem aber die Farne, Moose und Flechten in den Bergwäldern der Appalachen. Und die unendliche Weite der bewaldeten Landschaft, wenn man auf der Kuppe stand und in Richtung Westen schaute. Wir hatten mit dem Wetter eine Menge Glück, denn es regnete in den beiden Wochen nur zwei Mal, einmal am Tag während einer längeren Autofahrt und ein anderes Mal in der Nacht. Die Wolkenstimmung aber erst gab den Ausschlag für spannende Bilder, bei strahlendem Sonnenschein kann schließlich ein jeder gute Bilder schießen und die Landschaft genießen!

Ein Aussichtsberg in den südwestlichen Blue Ridge Mountains.

Selbst im Herbst zeigen sich die überaus schön gefärbten Blatter von Galax aphylla!

Die bekannten Longwood Gardens, das JC Raulston Arboretum, der North Carolina Botanical Garden, der Botanical Garden of Washington D.C. und natürlich Tony Avents Juniper Level Garden standen auf dem Programm, alles Orte und Stationen, die ich dir wärmstens empfehlen kann. Einige Stationen kannte ich ja schon von der PPA-Tagung im Sommer, doch damals war dies eher ein Schnelldurchgang. Außerdem hielt ich so ganz nebenbei einen Vortrag im Raulston Arboretum über Sarastro-Stauden, die Entwicklung der Gärtnerei und über unser Sortiment und unsere Vermehrungsweisen. Etwa 100 Zuhörer waren gekommen, sicherlich war es für sie interessant zu sehen, wie sich eine Sortiments-Staudengärtnerei in Europa entwickelt, denn in den USA ticken die Uhren vielfach anders.

Und ich traf mich mit Dr. Peter Zale, dem Botaniker, der an den Longwood Gardens beschäftigt ist. Dort hatte ich das Glück, hinter den Kulissen endlich den echten Phlox amplifolia aus dem Mittleren Westen anzusehen. Vor allem anzufassen, denn wenn du jemals das Glück hast, diesen in deinen Händen zu halten, dann merkst du wahrlich den Unterschied zum herkömmlichen Phlox paniculata. Der echte Phlox amplifolia ist nicht nur wesentlich lockerblütiger, auch die Abstände zwischen den Knoten ist größer. Vor allem aber sind seine großen Blätter stumpf, nicht glänzend und sehr rau, fast schon borstig wie die eines Boretschs! Die folgenden beiden Bilder von Phlox amplifolia sind daher nicht besonders aussagekräftig, man muss hier fühlen!

Für uns stellt sich Amerika sicherlich als eine echte Bereicherung dar, um es zu erleben und sich das eine oder andere abzuschauen, wenngleich nicht alles 1:1 übertragbar ist. Aufgefallen sind mir die vor allem die doch höheren Pflanzenpreise, sowie die wesentlich niedrigeren Lohnkosten, im Vergleich zu den dortigen, hohen Lebenshaltungskosten. Außerdem sind die amerikanischen Kollegen gerne in vielem sehr analytisch unterwegs, haben einen Hang zur Perfektion und sind Meister des Marketings. Selbst in kleinen Firmen herrscht eine gewisse Hierarchie von Supervisor, Manager und Submanager, Grower und Cultivator, wenngleich dies alles aber in Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt vorgelebt wird. Durchaus sehr vieles darunter, was anregt oder zu denken gibt. Leider arbeitet man im amerikanischen Gartenbau unverhältnismäßig viel mit Chemie, zwar mit strengen Auflagen, aber trotzdem meiner Meinung nach etwas zu viel, besonders auf dem Staudensektor.

So beeindruckend können sich die Blauglöckchen (Amsonia hubrichtii) im Herbst präsentieren!

Chrysanthemen-„Bonsai“, in Longwood Gardens

Bei Tony Avent (Plant Delights) verbrachte ich einen vollen Tag, um mir endlich einmal seine immense Pflanzensammlung gründlich anzusehen. Neben so vielem haben mich vor allem einige Exemplare von Muehlenbergia capillaris ‘White Cloud‘ beeindruckt! Ob dieses Gras sich bei uns so schön entwickelt? Für die Zukunft auf jeden Fall eine interessante Neuerwerbung für meine Kunden und Freunde im Wiener Becken und im wärmeren Burgenland, sowie im Oberrheingraben. Die rosa blühende Normalform macht sich hier bei uns ganz passabel, wenngleich dieses Gras stets auf einen warmen Herbst angewiesen ist, um reich und üppig zu blühen.

Gärtnerisch war jedoch für mich die Krönung dieser Reise der Chanticleer Garden, südwestlich von Philadelphia. Der Nachlass eines Geschäftsmannes wurde in eine Art Stiftung verwandelt und so der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In diesem noch relativ jungen Garten sieht der Besucher Stauden und Gehölze in einer immensen Formenvielfalt und in teils ungewöhnlicher und sehr geschickter Kombination.

Dieser Samstagmorgen wird mir noch lange in Erinnerung bleiben, da sich die Sonnenstrahlen nach einer durchregneten Nacht mit den Wolken stritten und so die wunderbarsten Momente entstanden.

Die Bilder sprechen für sich, die Weite und die Tiefe dieses zeitlosen Gartens ebenfalls! Ich war überglücklich und dankbar, dass ich diesen Garten erleben durfte. Einige meiner Bekannten in Europa zählen ihn zu Amerikas schönsten Gärten. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und ihn in einer Augenhöhe mit Great Dixter, Berchigranges und anderen bekannten, jüngeren Gärten gleichsetzen, ohne jetzt vergleichen zu wollen, was sowieso immer unpassend erscheint. Denn jeder dieser Gärten hat seinen eigenen Charme und Charakter, darf ein Spiegelbild seiner Besitzer sein und wirkt auf höchst unterschiedliche Weise auf seinen Betrachter. Bei mir steigt normalerweise die Qualität eines Gartens mit der Quantität meiner geschossenen Bilder. Einzelne Pflanzen degradieren sich wie von selbst, streben dafür ihre Vollendung in Kombination zusammen mit anderem an. Es können dies Ziegelsteine, herumliegende Blätter oder herabfallende Nüsse sein, welche die Quintessenz bilden. In meinen Augen strebt ein Garten im Detail seiner Momentaufnahmen zu Höherem, wenn man es nur zulässt.

Philadelphia – Altstadt trifft Moderne, erst Herbstfarben spielen den Auftakt!

Wieder zurück in Europa widmen wir uns voll und ganz der Gärtnerei. Deine letzten Aufträge werden verschickt, noch ist das Wetter recht mild, was uns zu neuen Taten antreibt, über die ich dir noch berichten werde. Außerdem wird der Schaugarten auf Vordermann gebracht.

Etwas Trauriges muss ich dir auch noch berichten. Du kennst sicher Werner Hoffmann, den von uns allen genannte „Aurikel-Mensch“ aus Deutschland, er wird dir sicher auf früheren Gartentagen aufgefallen sein. Er ist leider vor kurzem nach längerer Krankheit gestorben. Für mich galt Werner nicht nur als ein liebenswerter und von mir sehr geschätzter Kollege, sondern er war eines der größten Verkaufstalente, die ich je erlebt habe! Seine lustige und humorvolle Art, mit fachlich großem Tiefgang trug maßgeblich dazu bei, dass das Thema Showauricula überhaupt zu einem Thema auf dem Kontinent wurde. Ich erinnere mich noch daran, als auf den Seitenstettener Gartentage neben ihm noch vier andere Mitbewerber mit blühenden Aurikeln standen. Er saß hinter seinem geschätzten 10 –Quadratmeter-Stand und hatte jede Menge Aurikeln, welche gegenüber denen der anderen Anbietern eher schmächtig und klein aussahen, nebenbei noch kaum blühten. Kurz und gut, meist schon am zweiten Tag der Ausstellung packte er ein und fuhr nach Hause, mit leeren Kisten, auf seine Weise verschmitzt und immer laut lachend! Wir hatten mit unseren viel schöneren Aurikeln das Nachsehen und fragten uns immer, wie er das wohl so macht? Mit Humor und dem ihm so eigenen Charme, mit großer Pflanzenpassion und Überzeugungskraft, all dies spielte er gnadenlos aus. Dabei war er eigentlich Jurist und Betriebsprüfer und hatte sein Hobby erst spät begonnen.

Am 17. November bin ich wieder in Deutschland unterwegs, ich halte bei der GDS-Gruppe in Mittelbaden einen Vortrag über „Heikle Brüder und zickige Schwestern“. Vor vielen Jahren war ich schon einmal dort, es ist dies eine sehr aktive Gruppe, in der die Stauden im Mittelpunkt stehen.

Tags darauf bin ich zu den Weinheimer Gartengesprächen eingeladen, das Thema dreht sich um Chrysanthemen, ich hoffe, dass ich noch einige in Vollblüte dort hinschaffen kann, denn bei dieser milde Witterung verblühen auch späte Sorten nach und nach. Unsere Gartenchrysanthemen wurden in Europa in den letzten Jahrzehnten von manchen Zeitgenossen als altmodisch abgetan, ich kann dem so nicht folgen, denn sie erfahren geradezu eine Renaissance!

Ansonsten wünsche ich dir eine geruhsame Zeit mit viel meditativem Laubrechen!

In diesem Sinne alles Gute

Dein Staudengärtner Sarastro!

Christian H. Kreß und Mitarbeiter