Newsletter VIII/2019

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Kürzlich gingen wir durch unseren Ort spazieren, um den Tag in einem Gasthaus bei einem Glas Wein ausklingen zu lassen. Da entdeckten wir auf dem Gehsteig etwas sehr Erheiterndes:

Egal, ob jene Kinder dieses Mädchenauge als Spontansämling am Straßenrand vorfanden oder ob sie nur den Blütenstängel in die Fuge steckten und den Hinweis anschließend schrieben – für uns einerlei! Aber aufgrund dessen hege ich doch berechtigte Hoffnung, dass auch unter den Jüngsten ein Fünkchen Spaß und Verständnis im Umgang mit Pflanzen vorhanden ist. Vorsicht Blume! Könnte fast schon zu einer Art Leitmotiv werden.

Was dem einen seine Freud, ist dem Anderen sein Leid! Bei uns hat die Ferienzeit begonnen – und damit begann es endlich zu regnen. Egal, mir sitzt das letzte Jahr nach wie vor in den Knochen, wo wir Stunden lang mit dem Bewässern unserer Anzuchtsquartiere beschäftigt waren, zu Tageszeiten, wo entweder gerade deine Nachtruhe begann oder du noch geschlafen hast, weil nur auf diese Weise Wassergaben effektiv sind. Bisher klappte alles mit Regnern, die wir von Hand umstellten und dies genügte auch vollkommen – bisher! Nun aber muss unbedingt eine vollautomatische und computergesteuerte Bewässerung her, welche in der Nacht unsere Staudenkulturen beregnen wird! Dies bedarf natürlich einiger grundsätzlicher Überlegungen. Ich informiere dich gerne im Weiteren darüber, denn richtiges Gießen und Wässern wird in unserer Zukunft einen äußerst wichtigen Part einnehmen. Auch du solltest dir überlegen, deine Wassergaben sinnvoll zu verteilen und nicht in teure und leider oft sinnlose Bewässerungssysteme für eingewachsene Staudenbeete zu investieren.

Du weißt ja sicher schon seit langem, dass ich ein großer Freund und Sammler von Buschwindröschen bin. Dies sind jedoch bekanntermaßen reine Frühjahrsblüher! Aber die Welt der Anemonen besteht ja zum Glück nicht nur aus Anemone nemorosa und Anverwandten, sondern beinhaltet unter anderem auch Herbstanemonen. Gerade sie sind für unsere Gärten kaum mehr wegzudenken, denn ihre Blüte erstreckt sich über viele Wochen und beginnt bei einigen Sorten schon im Hochsommer. Sie gehören neben Rittersporn, Helenium, Phlox und vielen anderen Hochstauden zu jenen Klassikern im Staudenreich, die unsere mitteleuropäischen Gärten seit langem repräsentieren. Einige Sorten dürfen wir zu den historischen Stauden zählen.

Die Sorten der Herbstanemonen entstanden aus einigen asiatischen Arten, sie sind gärtnerisch und botanisch gesehen also „Mischmasch“. In den vorhandenen Sorten stecken Anemone japonica, Anemone hupehensis und A. vitifolia drin, der Anteil kaum noch nachzuvollziehen. Daher können sie nicht mehr einer einzelnen Art zugeordnet werden, sondern man spricht sehr vereinfacht von Anemonen der „Autumn Flowering Group“- den Herbstblühenden Anemonen. Wir kennen einfachblühende („Single Flowering“) und halbgefüllte („Double Flowering“) Sorten, das Farbspektrum reicht von Reinweiß über verschiedene Rosatöne bis hin zu tiefem Rot. Auch zweifärbige Sorten existieren!

Wann würdest du Herbstanemonen am liebsten pflanzen? Im Frühjahr, wenn noch kaum etwas vom Wachstum zu sehen ist? Oder im Spätsommer oder Herbst, wenn die Pflanzen in voller Blüte stehen? Beides geht natürlich. Du kannst sämtliche deiner Schätze im Herbst pflanzen, nur achte darauf, dass du diese ein paar Zentimeter tiefer pflanzst, falls wir wider Erwarten Kahlfrost bekommen. Durch eine zu hohe Pflanzung können deine frisch gesetzten Stauden hochfrieren und über den Winter vertrocknen. In rauen Lagen hilft bei den Anemonen außerdem eine dünne Laubschicht, dass diese nicht auswintern. Aber nach unseren momentanen Wintern passiert ohnehin nichts Gravierendes, denn auch bei Schädigung der ruhenden, oberen Augen sind alle Herbstanemonen in der Lage, sich wieder aus ihren Wurzeln zu regenerieren. Die Samenstände kannst du übrigens getrost belassen, sie stellen mit ihren baumwollähnlichen Wedeln einen weithin sichtbaren Fruchtschmuck dar.

Herbstanemonen eignen sich vortrefflich für sehr viele Gartensituationen! Du kannst sie in deinem Garten in normale Staudenbeete integrieren, aber auch unter hohe Bäume ansiedeln, als auch im Gehölzrandbereich. Besonders aber eignen sie sich für das Öffentliche Grün, in Parks und an Stellen, die täglich von Menschen frequentiert werden. Besonders die weiß blühenden Sorten sind wunderbar dafür geeignet, im Garten dunkle Stellen aufzuhellen.

Aber auch rot blühende Sorten eignen sich hervorragend als Blickfang zwischen Gräsern und in Hausnähe, denn die ihnen zugestandene Fläche wird schnell in Beschlag genommen.

Die Auslesezucht der Herbstanemonen begann schon sehr früh, vor allem in Frankreich kamen schon sehr bald etliche Sorten in die Gartenkultur. Die Echtheit einiger alter Sorten darf heutzutage leider als chaotisch bezeichnet werden! Und dies war selbst schon vor Jahrzehnten so. Hattest du ‘Septembercharme‘ in fünf unterschiedlichen Gärtnereien bestellt, so konnte es passieren, dass du fünf verschiedene rosafarbige Sorten vor dir hattest, die sich zwar alle irgendwie ähnelten, jedoch fünf verschiedene Sorten mit unbekanntem Namen und fragwürdiger Herkunft darstellten und du wusstest hinterher erst recht nicht, welches nun die echte ‘Septembercharme‘ war. Noch dazu glaubte jeder der Kollegen felsenfest, seit langem die echte ‘Septembercharme‘ zu besitzen! So hatte ich damals zu meiner Obergärtnerzeit bei Feldweber gegen Ende der 80er-Jahre den Spaß erlaubt, ‘Septembercharme‘, ‘Honorine Jobert‘ und ‘Königin Charlotte‘ bewusst bei verschiedenen Staudengärtnereien zu bestellen, da ich den Unterschied selbst sehen wollte, denn Exaktbeschreibungen dieser schon alten Sorten fehlten und waren nirgendwo aufzufinden. Hier war man auf die Aussagen unserer damaligen „Altvorderen“ angewiesen, welche diese Sorten seit langem kannten. Nun – es war spannend und es bleibt spannend bis zum heutigen Tag! Bei ‘Honorine Jobert‘ und ‘Königin Charlotte‘ stellte sich die Sachlage bald als eindeutig heraus, sie waren tatsächlich noch echt aufzutreiben. Schwierig, ja fast unmöglich jedoch verhielt es sich nach wie vor bei ‘Septembercharme‘. Offenbar wurden hier im Laufe der Zeit Absaaten gemacht und reichblühende Nachkommen dieser schon sehr alten Sorte in Umlauf gebracht. Deshalb besitzen zumindest wir keine Herbstanemone unter dem Namen ‘Septembercharme‘, sondern setzen besser auf neuere Sorten, die sich eindeutig als echt erwiesen.

Herbstanemonen werden nahezu ausschließlich über Wurzelschnittlinge vermehrt. Dies ist zwar ein langwieriger Prozess, führt jedoch zu guter Qualität und farblich einheitlichen Sorten. Du kannst sie in jeden x-beliebigen Gartenboden setzen, Hauptsache dieser ist nährstoffreich und nach Möglichkeit mit gutem Kompost versorgt. Einige Sorten wachsen eher verhalten, legen aber Jahr für Jahr zu, dagegen kann sich die alte ‘Honorine Jobert‘ zu einem Drängler allerersten Ranges entwickeln und im Nu zu einem größeren Bestand heranwachsen.

Unten siehst du ‘Honorine Jobert‘. Sie besitzt einen unbändigen Wuchs, diese Paradeanemone kann bis zu 140 cm hoch werden und ist eine der ältesten Gartensorten überhaupt. Sehr leicht erkennst du sie außerdem an den etwas asymmetrisch angeordneten, rein weißen, einfachen Blütenschalen. Alles andere, was in Umlauf gebracht wurde, sind entweder andere, sehr ähnliche Sorten oder Nachzucht aus Samen!

Eine Sorte, welche jüngeren Datums ist, siehst du hier im folgenden Bild. ‘Pamina‘ ist sehr reichblühend, ihre samtroten Blüten sind im Gegensatz zu anderen rot blühenden Sorten eher wesentlich kleiner. Dafür ist sie standfest, außerordentlich winterhart und nebenbei sehr ausdauernd. Sie wurde in den 80er-Jahren von Dr. Hans Simon selektiert, mit dem ich seit Beginn meines Staudengärtnerdaseins in lockerer Verbindung stand. Sein Markenzeichen war die Baskenmütze, die er stets recht salopp trug. Er war ein Staudenkenner der obersten Liga, welche man heute kaum mehr vorfindet. Liebe Pamina, hier also stammt dein Name ab, selbstverständlich ursprünglich aus der Zauberflöte von Wolfgang A. Mozart. Übrigens war Anemone ‘Pamina‘ der Anlass, meine inzwischen berühmte Glockenblume damals mit dem Namen ‘Sarastro‘ zu taufen!

Aber auch weiße, halbgefüllte Herbstanemonen wirst du sicher schätzen lernen, denn sie blühen über einen längeren Zeitraum. Die bekannteste dürfte ‘Whirlwind‘ sein, auch diese ist schon seit dem vorvorigen Jahrhundert in Kultur. Sie wird nicht ganz so hoch wie ‘Honorine Jobert‘, steht aber da wie eine Eins!

Die Sorte ‘Septemberglanz‘ stammt von Alfred Weinreich, einem erfolgreichen Staudenzüchter aus Wolmirstedt in Sachsen-Anhalt. Er selektierte einige hervorragende Staudensorten, die noch heute in vielen Sortimenten vertreten sind. ‘Septemberglanz‘ besitzt wundervolle, halbgefüllte Blüten, welche direkt aus der romantischen Zeitepoche zu stammen scheinen. Die Einzelblüte erinnert sehr an die alte ‘Königin Charlotte‘, doch die Blüten von ‘Septemberglanz‘ sind gerüschter. Sie ist gesund und wüchsig, sie wurde zudem mit zwei ** in der Sichtung bewertet. Diese Sichtung von Stauden ist ein Test, welcher sich über Jahre hinweg zieht und zeitgleich an unterschiedlichen Orten in Mitteleuropa durchgeführt wird. Es handelt sich hierbei immer um einen Durchschnittswert. Dies bedeutet, dass bei dir im Garten diese Anemone auch noch besser abschneiden kann als an anderen Orten, oder aber auch umgekehrt!

‘Margarete‘ ist eine schon ältere Sorte von Karl Seibert, einer der vielen Foersterschüler. Sie zeichnet sich durch sehr große Blüten aus, welche auf nur 70 cm hohen Blütenstängeln sitzen.

Ich erinnere mich noch sehr gut an meine erste Begegnung einer Anemone vitifolia in der Natur. Es war in einem Monsuntal Nepals im Hinterland von Pokhara Mitte der 80er-Jahre. Sie wuchs in purem Lehmboden zwischen Gebüsch. Ich besitze sogar noch einige Dias davon. Diese Art gilt bei uns als kaum winterhart, ist aber durch ihr breites, dem Wein ähnelnden Blatt sehr leicht zu erkennen.

In der Gärtnerei tut sich in diesem Sommer sehr viel! Ich habe die alte, grüne Hütte endlich abgerissen, obgleich ich in letzter Zeit so viele Gegenstimmen hörte, diese doch unbedingt stehen zu lassen. Erst schwankte ich ein wenig, Unsicherheit tat sich auf, was sollte ich tun? Sentimentalität war hier aber fehl am Platze, trotz Racheles Fotopreises, den sie mit einem Bild der mit Clematis ladakhiana umwobenen, dem Verfall preisgegebenen Märchenhütte errang. In einer Nacht- und Nebelaktion riss ich sie nieder. Hinterher war ich schweißgebadet, stand vor einem Haufen halbvermoderter Bretter und sah schon den neuen Sitzplatz im Geiste vor mir.

Dann entschloss ich mich, das zentrale Mauernbeet völlig neu zu gestalten. Auch hier hörte ich einige befreundete Stimmen, der Baldrian sei doch momentan so üppig wie nie zuvor und überhaupt trachtet doch heute jedermann nach „Laissez faire“. Ein reiner Gräsergarten schwebte mir vor, keine Wildnis mitten im Geschehen! Dass du mich hier richtig verstehst: Ich habe nichts gegen solcherlei Art der Pflanzenverwendung, aber inmitten der Gärtnerei als Blickfang Baldrian und umher wucherndes Seifenkraut, keinerlei Konturen, unterdrückte Taglilien und immer mehr Sämlinge von Geranium pratense? Das einzig Inspirierende waren ein paar dicke Horste einiger Miscanthus sinensis, welche jedoch erst im Herbst einen schönen Anblick versprachen.

Ich wollte schon lange einen reinen Gräsergarten. Schuld daran war ein lange zurück liegender Besuch in Kew Gardens in London und natürlich meine Tochter und die amerikanische Art, Gräser zu verwenden. Aber ich wollte dies wiederum auf meine Weise kreieren. Du kennst mich ja: nur nichts kopieren. Alle Details schreibe ich dir, wenn sich dieser Gräsergarten einmal eingewachsen präsentiert.

Und wir sind nun endlich im Besitz eines Flaschenbaumes! Das erste Mal sah ich einen Flaschenbaum im Garten meines langjährigen Pflanzenfreundes Georg in Norddeutschland. Über den Hintergrund, dessen Sinnhaftigkeit oder Nutzen darfst du dir gerne dein eigenes Urteil bilden. Man kann dies auf die Erderwärmung und den dadurch geschundenen Wäldern beziehen oder war meine Aktion vielleicht anderweitig provokant gemeint? Oder schlicht und einfach nur dekorativ? Man muss sich bei einem Kunstwerk nicht immer krampfhaft etwas dabei denken, sondern es ganz einfach „schee“ oder „schiach“ (schön oder scheußlich) finden, wie wir in Österreich zu sagen pflegen!

Im August gönne ich mir eine Woche Auszeit, etwas Abstand von der Gärtnerei. Zuerst hatte ich vor, wieder nach Russland zu fliegen. Nachschauen, was sich bei meinen dortigen Phloxfreunden in letzter Zeit abspielte und was es Neues gibt. Leider war die Gültigkeit meines Reisepasses nicht den Erfordernissen der russischen Behörden gewachsen und ich musste mein Vorhaben auf das kommende Jahr verschieben. Daher beschloss ich, einige meiner Schweizer Kollegen und Freunde in meiner alten Heimat aufzusuchen. Die Schweiz ist schließlich unser Nachbarland und mir auch nach so langer Zeit irgendwie immer noch nahe stehend. Ich berichte dir selbstverständlich in einem späteren Brief von meinen dortigen Besuchen. Apropos Rundbrief. Ich freue mich sehr, wenn er dir gefällt!

Und das war es auch schon wieder! Ich wünsche dir alles Gute, komm gut durch den Sommer und lass deine Stauden auch ruhig mal nach Wasser suchen, denn dies macht sie robuster!

Dein Staudengärtner Sarastro

Christian H. Kreß und Mitarbeiter