Newsletter X/2011 (Von Standfestigkeit und Umfaller, frühe Herbstblüher)

Liebe Staudenfee, lieber Staudengnom,

Es herbstelt hier bereits sehr. Jeden Morgen Nebel, dann grandioser, warmer Sonnenschein. Und das taubesetzte Diamantgras wetteifert an Schönheit mit jeder Herbstaster. Der Staudengarten bietet uns im Herbst eine Ernte für die Sinne.

Unser neues Schlangenbeet präsentiert sich nach nur 15 Monaten derartig überzeugend, dass die Besucher glauben, es wäre schon immer da gewesen. Glück gehabt? In ihm sind tatsächlich viele Schneeglöckchensorten mit hohen Staudensonnenblumen vereint, Asternschönheiten lösen vergehende Sonnenbräute ab. Schon schwebt mir wieder Neues vor. Ein ähnliches geschwungenes Beet am daneben liegenden Mutterpflanzenacker? Und hier einmal die Vielfalt der Phloxe präsentieren? Nein, zuerst kommen dieses Jahr noch zwei Mauern dran, denn einige Paletten alte Ziegeln warten schon darauf, verbetoniert zu werden. Knochenarbeit für Novembernachmittage.

Jetzt im Herbst kannst du dir überlegen, wie und wo in deinem Garten neue Stauden Platz haben. Du kannst farblich umgruppieren und bestehende Farbfehler spielerisch ausmerzen, wenn sie dir nicht gefallen. Wie stehen bei dir die neuen Sonnenhutzüchtungen, wie betrachtest du diese Euphorie? Es ist sicher aufregend schön, dass nun wunderbare orange und rostrote Farben in den Beeten hervor leuchten, die es vorher nie gab. Über die gefüllten Sorten allerdings mag man sich streiten. Freunde von mir behaupten, sie sehen den Schießbudenblumen vom Kirmes nicht unähnlich. Mach dir am besten selbst ein Bild davon. Jedenfalls geht bei vielen Sorten die Züchtung an der Gartenwürdigkeit und Dauerhaftigkeit entschieden vorbei! Die Winterhärte ist bei den meisten zufriedenstellend, nicht aber ihre Standfestigkeit und schon gar nicht die Eigenschaft, lange zu blühen oder gut zu remontieren. Rund 70 Sorten sind derzeit im Staudensichtungsgarten  Freising/Weihenstephan aufgepflanzt. Sie werden ihre sortenspezifischen Eigenschaften in den nächsten Jahren unter Beweis stellen müssen. Bei mir jedenfalls wirst du sicher keine 70 Sorten finden, sondern nur eine Handvoll bewährter, farblich ansprechender Typen. Eine hervorragende Sorte ist ‘Fatal Attraction‘, die sich bei uns super entwickelte. Ihre runden, rubinroten Blüten ergänzen die Beschwingtheit unserer Ziegelmauern.

gefüllt blühende Echinacea - Bild 2

gefüllt blühende Echinacea - Bild 2

gefüllt blühende Echinacea - Bild 1

gefüllt blühende Echinacea - Bild 1

Von einem mir bekannten deutschen Staudenzüchter bekam ich vor längerer Zeit ein paar Exemplare einer gefüllt blühenden Echinacea. Ich solle sie mal testen. Also, wir pflanzten sie auf unseren Mutterpflanzenacker, vermehrten diese später konventionell durch Teilung, pflanzten wieder auf und warteten die Entwicklung der Pflanzen in den nächsten Jahren ab. Das Erstaunliche daran aber zeigte sich besonders deutlich in diesem Jahr. Während zunächst die Einzelblüten im Juli während des Aufblühens nur ein kleines „Krönlein“ zeigten, offenbarte sich später die volle Schönheit und Anmut von lauter tief gefüllten Blüten. Mich erinnerten diese verwandelten „Wuschelköpfe“ eher an japanische Gartenchrysanthemen als an Sonnenhüte. Das Tollste aber war die unglaublich lange Blütezeit von nahezu drei Monaten! Soll ich diesen Sonnenhut vermehren und zur Sortenflut beitragen? Einen passender Name will mir nicht einfallen. Mein Pflanzenfreund hat auch keinen parat. Es ist so eine Sache mit dieser Namensgebung. Vielleicht hast du einen guten Einfall? Patentiert wird sie dann jedenfalls nicht, dies kann ich dir versichern.

umgefallener Salbei ‘Schwellenburg‘

umgefallener Salbei ‘Schwellenburg‘

Das Umfallen einiger Stauden hat in der Regel zwei Ursachen. Zum Einen liegt es an der mangelnden Standfestigkeit einiger Sorten, oft aber am zu hohen Stickstoffgehalt im Boden. Unten im Bild siehst du den beliebten Salbei, den einst Dr. Hans Simon in Thüringen auf einem Gipshügel fand. Er taufte ihn ‘Schwellenburg‘. Mit dieser Auslese besitzen wir eine lilarote Farbe, die bisher unerreicht ist. Züchterin ist die Natur selbst. Wir benötigen ein gutes Auge, um das Wesentliche zu erkennen. Die Standfestigkeit ist vorhanden, wenn ‘Schwellenburg‘ auf einen sehr trockenen Boden gepflanzt wird und du auf zusätzliche Düngergaben verzichtest. Ideal für Kies- und Steppengärten, besonders im Osten Österreichs und im Oberrheingraben.

Waren bei dir die Herbstzeitlosen auch so extrem früh mit ihrer Blüte dran? Bei uns stahlen sie in ihrem Umfeld die Sommershow, zu Ungunsten einiger Phloxsorten. Ich wundere mich immer, dass bei ihnen die Akzeptanz der Kunden viel zu wenig vorhanden ist. Dabei werden die Horste jedes Jahr breiter und üppiger. Du kannst sie in jeden fetten Gartenboden setzen, den lieben sie nämlich. Ganz besonders schön wirken sie im Gehölzrandbereich, wo ihre Blatthorste im Frühjahr nicht stören. „Ja, aber die sind doch giftig?“ Was glaubst du eigentlich, was alles giftig ist im Garten! Arm sähe dieser aus, wenn wir immer den Weg des geringsten Widerstandes gehen und von vorne herein alles verbannen würden, was giftig ist. Keine Forsythien, keinen Eisenhut, kein Pfaffenhütchen…. Aber ich will dich nicht langweilen.

An einigen Bauernhöfen in Tirol, der Steiermark und Salzburg kann der aufmerksame Betrachter in den üppigen Balkonkisten auch heute noch eine Reliktstaude entdecken, die es in sich hat. Es ist eine Chrysanthemensorte, wo nicht einmal der Fachmann sagen kann, woher diese kam und wie sie entstand. Jedenfalls hat sie die Eigenschaft, tagneutral zu blühen. Um dir diesen abstrakten Begriff verständlich zu machen, musst du wissen, dass unsere Garten- und Topfchrysanthemen Kurztagspflanzen sind, also erst zu blühen beginnen, wenn im Herbst die Tage kürzer werden oder sie vom Gärtner künstlich verdunkelt werden. Bei der Salzburger Chrysantheme ist diese Eigenschaft quasi ausgeschaltet und man hat sich ihre lange Blütezeit von Juli bis November als Balkonblume zunutze gemacht. Es existiert auch eine weiße Form, die uns aber leider verlorenging. Warum ich dir das schreibe? Weil die ‘Salzburg‘ zudem überraschend winterhart ist und daher nicht nur deine Balkonkisten schmückt!

Präriestauden sind nicht nur modern, sondern faszinieren vor allem durch ihre Formen- und Farbenvielfalt. Ich konnte schon früher zu meiner holländischen Zeit einige sehr ungewöhnliche Gattungen aus der Prärie kennenlernen. Damals in den 80er-Jahren interessierte sich jedoch kaum jemand dafür und sie waren bei uns höchstens in wenigen Botanischen Gärten zu finden.

Wunder von Stäfa

Und hier siehst du das ‘Wunder von Stäfa‘ in voller Größe!

Silphium laciniatum

Silphium laciniatum, eine der Kompasspflanzen aus der Prärie Nordamerikas

Eine durchaus spannende Gattung sind die Vertreter der Kompasspflanzen (Silphium). Diese monumentalen Solitärstauden drehen nämlich ihre Blüten im Tagesverlauf nach der Sonne. Du solltest ihnen aber einiges an Platz zugestehen, damit sie auch zur Geltung kommen. Unglaublich schön wirken sie neben blauen und roten Sorten der Neubelgischen Aster (Aster novae-angliae) und attraktiven, höheren Chinaschilfsorten (Miscanthus). Im neuen Katalog, den ich in den kommenden Monaten in Angriff nehme, sind endlich einige Kompasspflanzen vertreten. Hier im Bild siehst du die Silphium laciniatum  mit ihren großen, sonnenblumenähnlichen Blüten und den arttypischen, geschlitzten Blüten.

Einige Freunde und Kollegen behaupten, das Thema rund um die Astern sei ausgelutscht und von vorgestern, sie würden zu Ladenhütern degradiert und lediglich über den Zaun gereicht. Weit gefehlt! Die Astern bieten unseren Gärten eine ungeahnte Sortenvielfalt und Blütenformen. Einige haben jedoch die unangenehme Eigenschaft, sich im Topf nicht immer sehr präsentabel zu zeigen, weil sie für ihre Entwicklung einige Jahre benötigen. Ein gutes Beispiel hierfür siehst du unten im Bild. Aster x frikartii ‘Wunder von Stäfa‘ entwickelt sich im Garten zu einem wahren Schatz, den niemand missen möchte. Entstanden ist sie vor langer Zeit in der Staudengärtnerei Frikart in der Schweiz. Entscheidend beim Kauf von Astern ist nicht nur das momentane makellose Äußere, sondern entscheidend sind vor allem die „inneren Qualitäten“, Sortenechtheit und Überlebensfähigkeit. Du kannst dies leicht an den Rosetten an der Basis erkennen, die dafür sorgen, dass deine gekaufte Aster auch im kommenden Jahr wächst. Das Wunder von Stäfa ist ein Paradebeispiel hierfür, es offenbart dankbar seine Stärken über viele Jahre danach! Eine Explosion unzähliger hellblauer Blüten erfolgt, wenn du deinem Topf den richtigen sonnigen Platz zugestehst.

Spätsommer im Schaugarten

Spätsommer im Schaugarten

Zum Abschluss ein überschwängliches Spätsommerbild aus unserem Schaugarten, das Beet mit den Strauchrosen. Es ist kaum zu glauben, mit welcher Üppigkeit wir momentan beglückt werden. Von den verblühten Strauchrosen ist weit und breit nichts zu sehen. Sie werden von den Gräsern und Astern vollkommen verdeckt.

Unsere letzte Veranstaltung wird jetzt am kommenden Wochenende in Wien stattfinden. Du kannst das Programm unter www.floramirabilis.at einsehen. Das Renaissanceschloss Neugebäude liegt in Simmering, ganz in der Nähe des Zentralfriedhofes, des größten Friedhofs Mitteleuropas. Falls du am Samstagmorgen kommst, werde ich dich mit dem Referat „Verspielte Staudenkombinationen“ beglücken. Ein weitschweifiges Thema, das jeder anders betrachtet. Wenn du das Programm durchliest, kannst du dort in der Szenerie sehr bekannte Größen live erleben. Und von den Ausstellern sind sehr gute Freunde von mir unterwegs mit ihren tollen Pflanzen nach Wien!

Viel herbstliche Arbeit bereiten uns einige Gattungen, welche ausschließlich jetzt vermehrt werden, wie zum Beispiel die ganzen Lerchensporne oder das Heer der Elfenblumen und Aurikeln. Aber auch unser Webshop muss dringend überarbeitet werden, die neuen Sorten wollen sich ihre Eigenschaften dir in Wort und Bild  präsentieren!

Ich wünsche dir jedenfalls recht viel Herbstfreude. Und vergiss nicht, deine Astern nach dem Verblühen zurückzuschneiden, damit auf einmal keine unerwünschten Sämlinge deine guten Sorten verdrängen!

Dein Staudenfreund Sarastro

Christian H. Kreß

Christian H. Kreß