Newsletter VII/2015 (Botanisches Traumziel Iran)

Liebe Pamina, hallo Papageno!
Ist es eigentlich üblich, dass man sich zu einem Jubiläum selbst etwas schenkt? Nun, ich habe mir nach 20 Jahren Aufbauarbeit unserer Gärtnerei eine botanische Reise in den Iran gegönnt und dies zur gärtnerischen Unzeit, da im Mai ein Staudengärtner normalerweise niemals wegkann. Aber die dortige Flora wartet schließlich nicht auf uns, die Pflanzen dort blühen nicht im September, wann ein Herr Gärtner endlich mal Zeit aufbringt. Mit unserer hervorragenden Gärtnereitruppe hier zu Hause war ein kurzzeitiges Verreisen möglich und ich bin dankbar, dass alles geklappt hat und keinerlei Vorkommnisse passierten. Denn diese Reise war so ganz nach meinem Geschmack! Dieser Rundbrief an dich fällt dieses Mal etwas länger aus als gewohnt, ich hoffe, du kannst meine Begeisterung nachvollziehen! Wir konnten eine Menge fabelhafter Pflanzen entdecken.

Iran – die meisten hiesigen Zeitgenossen assoziieren damit lauter Schlechtigkeiten, sogar Krieg und jede Menge Vorurteilen, ja vor Jahren wurde der Iran sogar „zur Achse des Bösen“ verbannt. Meine Devise lautete stets, dass jedes Land irgendwann „seine Leich‘ im Keller“ hatte. Zudem sind viele der vorherrschenden Klischees tatsächlich nicht nur Vorurteile, sondern auch schlicht und einfach unwahr. Und außerdem würdest du bald nirgends mehr hinreisen können, wenn du immer auf die jeweilige Politik des Landes Rücksicht nähmest. Aber das alles nur am Rande.
Kurz und gut, die iranische Gesellschaft erlebte ich als eine Ansammlung äußerst liebenswerter Menschen. Diese Reise zählte sicher zu den eindrucksvollsten, die ich je unternahm. Und das will etwas heißen, denn ich bin in früheren Jahren mit dem Rucksack in etlichen Ländern herumgekommen. In den Iran wollte ich schon immer, dieses Land war für mich neben Afghanistan der Inbegriff von „Tausend und einer Nacht“, allein, es hat nie klappen wollen. Wenn du dein Herz dem Orient mit seinen vielerlei Facetten und seinem völlig anderen Kulturkreis öffnest, dann wirst du immer mit offenen Armen aufgenommen, in jeder Hinsicht! Der Iran ist das derzeit stabilste Land in der Region und überdies ein sehr sicheres Reiseland. Allerdings war es eine riesen Prozedur an Bürokratie und Aufwand, bevor man überhaupt dort ankam.
Eines Tages im Winter schrieb ich Jonas Reif, meinem Co-Buchautor und Redakteur der Gartenpraxis so ganz nebenbei, dass mir der Iran immer noch sehr am Herzen läge und ich jederzeit bereit dazu wäre, falls er einmal Lust hätte, in den Iran zu reisen. Denn bei mir hatte es früher leider aus verschiedensten Gründen einige Male nicht klappen wollen. Und Jonas machte doch tatsächlich gleich Nägel mit Köpfen und suchte ein Reiseunternehmen, das für Kleinstgruppen einen Minibus chartert, übrigens meine allererste gebuchte Reise! Mit der Zeit hängten sich eine Handvoll Gleichgesinnte an, lauter Pflanzenfetischisten, die nebenbei ein wenig das Abenteuer suchten. Cassian Schmidt sorgte für eine ausgewählte botanische Reiseroute, denn hierzu sah ich mich wegen der äußerst stressigen Situation außerstande, irgendetwas vorzuplanen.

Die Moscheen im Iran waren besonders monumental und prachtvoll geschmückt.

Vor allem aber hat dieses riesige Land kulturell viel zu bieten. Doch der Hauptgrund unserer Reise war ja die Landschaft mit ihrer Flora, wo wir nur ansatzweise erahnten, was uns erwarten würde. Für mich allerdings gehörte seit jeher alles zusammen, Kultur, Landschaft, Menschen, Tiere, Pflanzen.

Nachdem der Staudengärtner im März und April unmöglich weg kann, blieb also nur noch Mitte Mai. Geradezu ideal für Blütenstauden aller Art, besonders in den höher gelegenen Regionen. Die wenigen Pflanzenfreaks, die den Iran bereisen, fliegen nämlich wesentlich früher zur Tulpenblüte oder besehen sich die riesigen Vorkommen der Kaiserkrone (Fritillaria imperialis) im Zagros-Gebirge, für die der Iran unter anderem bekannt ist. Dafür sahen wir jede Menge an atemberaubenden Seltenheiten zu einer idealen Zeit. Ich kann dir in diesem Rahmen nur einen Bruchteil an Eindrücken zeigen, du wirst dies sicher verstehen. Aber ich bereite für den Winter eine Bild-Präsentation vor, in der du detailliert alles miterleben darfst, wenn du dies möchtest.
Die Tour begann in der 10-Millionen-Metropole Teheran. Wir fuhren nach unserer Ankunft gleich in Richtung Südosten weiter bis nach Esphahan, danach weiter nach Persepolis und Shiraz, alles bekannte Städte und Sehenswürdigkeiten, die man unmöglich auslassen sollte. Unglaublich und atemberaubend war diese orientalische Pracht, wie ich sie selten zuvor gesehen habe. Das alte Persien gehörte bekanntlich zu den bedeutendsten Hochkulturen, die einen großen Teil Mittelasiens beeinflusst hatten. Übrigens standen uns die Moscheen stets offen, keinerlei Vorbehalte, geschweige denn irgendwelcher religiöse Fanatismus. Und gegenüber manch anderen orientalischen Ländern gaben sich die Iraner Fremden gegenüber offen und auch untereinander äußerst herzlich, liebenswürdig und hilfsbereit. Auch überraschte mich, wie grün die Städte waren, allenorts waren schattenspendende Alleen zu sehen!
Und dann die Landschaft, diese Abwechslung und die mannigfaltigen Vegetationsstufen! Nie hätte ich dies erwartet. Mit dem Iran assoziiert man in erster Linie ein ausgedehntes, wüstenhaftes Hochland, welches mehr als 4 x so groß wie Deutschland ist. Die wichtigsten Städte liegen zwischen 1.500 und 2.500 m.ü.M. Darüber steht das Alborz-Gebirge mit dem höchsten Berg des Iran, dem mächtigen Vulkan Damavand (5.670m) im äußersten Norden, das langgezogene Zagros-Gebirge, welches sich von Nordwesten bis weit nach Südosten hinzieht. Im Nordosten liegt dann noch der Kopet Dag, das Grenzgebirge zu Turkmenistan. Einige Hochtäler, die wir erwanderten, erinnerten mich lebhaft an einige Täler des Alpenraumes, nur mit einer gänzlich anderen Vegetation. Neben den Wüsten und Hochgebirgen, den Steppen und Salzseen existieren am Nordhang zum Kaspischen Meer ausgedehnte, regenreiche Wälder, in denen uns bekannte Gehölze wie Parrotia persica, Quercus macranthera, riesige Pappeln mit Stelzwurzeln und beeindruckende, uralte Buchsbäume wuchsen.

Persien ist auch ein Land der Distelvielfalt!

Iran, das Land der Rosenblüte, des Rosenduftes, welcher zu Parfum und Rosenwasser verarbeitet wird. In den Gärten und Parks konnte man überall Rosen sehen, aber auch viele exotische Gehölze. Am Freitag ist dort bekanntlich Sonntag und nichts ist den Familien so heilig wie ein ausgiebiges Picknick im Freien, in der Natur oder in einem Park. Die Leute sind zudem sehr naturverbunden und lieben ihr Land sehr. Sie kennen innerhalb der reichhaltigen Flora besondere Heilpflanzen oder Küchenkräuter, die in den Bergen intensiv gesammelt werden.

Auf den oft sehr ausgedehnten Überlandfahrten sahen wir riesige Federgrassteppen, die bis zum Horizont reichten. Dazwischen wuchs allerlei für uns Bekanntes und Unbekanntes. Eine alte Bekannte war für mich Salvia multicaulis mit seinen quirligen Blütenständen. Diese Salbeiart wuchs in einer Vegetationsstufe zusammen mit Federgräsern und anderen Salbeiarten.

In einem Hochtal bei Yasoui hinter Shiraz ging ich dann eine kurze Zeit meiner eigenen Wege und kletterte einen Felshang hinauf, um schon nach kurzer Zeit fündig zu werden. An einem überhängenden Felsen wuchsen Dionysien in rauen Mengen, leider schon verblüht. Was muss das für eine Pracht sein, wenn diese außergewöhnlichen Primelgewächse in Vollblüte stehen! In Kultur sind sie sehr heikel, nichts für den Steingarten im Freien, sondern nur etwas für das Alpinenhaus.

Wir fuhren dann weiter bis auf den höchsten Pass im Iran, der das Zagros-Gebirge bei 3.300 m überquert. Ich erwartete mir dort oben weitere alpine Pflanzen, dort leider war momentan nur wenig Aufregendes zu sehen. Dafür konnte man uralte Wacholder von Juniperus excelsa entdecken, die in der atemberaubenden Landschaft ihr Auskommen fanden

Hinter dem Zagros-Gebirge ging es dann quer durch eine Steppe. Hier wurden wir bald fündig, prächtige Horste von Eremurus persicus standen in Vollblüte! Auch Iris songarica und andere pflanzliche Besonderheiten fanden wir nach kurzem Suchen.

Einen lauten Schrei stieß ich aus, als ich größere Bestände von Iris iberica var. lycotis fand. Diese prachtvolle Schwertlilie gehört der Gruppe der Oncocyclus-Iris an und kommt ansonsten im Gebiet des kurdischen Van-See vor,  hier im Iran war sie in einer südöstlichen Variante vertreten. Unglaublich, dass solche kleinen Iris-Blattfächer solch riesige Blüten von fast 20 cm Durchmesser hervorbringen! In gärtnerischer Kultur sehr schwierig und nur bei monatelanger sommerlicher Trockenheit zu halten.

Im Gebirge dominieren viele Doldenblütler, die teilweise bestandsbildend auftraten und so der ganzen Gegend einen vollkommen eigenen Charakter aufdrückte. Sie gehörten zu den Gattungen Ferula und Prangos an. Wir erwarteten die Mohnblüte, von der wir allerdings nur einen geringen Teil sahen, dazu war es leider noch zu früh. Am Fuße des Damavands wuchsen dann allerdings beeindruckende Polster von Gypsophila aretioides. Du wirst diese Teppiche niemals für ein Schleierkraut halten, wenn du es zum ersten Mal siehst! Ich kannte es schon, denn Alpenpflanzengärtner Franz Sündermann aus Lindau führte dieses steinharte Polsterschleierkraut schon sehr bald in die gärtnerische Kultur ein.

Einige der Stauden kannte man aus gärtnerischer Kultur, aus Botanischen Gärten oder konnte sie zumindest ihren pflanzlichen Familien zuordnen. Wir hatten zwar etwas Literatur über Pflanzen mit, allerdings entdeckten wir auch viele Pflanzen, welche uns trotzdem unbekannt und demzufolge exakt bestimmt werden müssten. Hierzu reichten die vorhandenen Bücher bei weitem nicht aus, es wird wohl erst Winter werden müssen, um ein Studium der umfangreichen „Flora Iranica“ vom österreichischen Botaniker Rechinger in Angriff zu nehmen.

Einen landschaftlichen Kontrast der gänzlich anderen Art kann man nördlich des Alborz-Gebirges erleben. Wir fühlten uns plötzlich wie in heimatlichen Gefilden! Tiefe, sehr dichte Wälder waren an den Nordhängen und in den Tälern anzutreffen, die in Richtung Kaspisches Meer wiesen, eine insgesamt sehr regenreiche Region, die sich von Aserbeidjan bis fast zur Turkmenischen Grenze hinzieht.

Diese sogenannten Hyrcanischen Wälder waren sehr beeindruckend und ungewöhnlich durch ihren artenreichen Gehölzbewuchs. Am eindrucksvollsten waren die uralten, knorrigen Buchsbaumbestände, die im Unterholz zu finden waren. Oder eine Pappel, welche Stelzwurzelansätze wie ein Amazonasriese hatte! Leider hatten wir gerade dort nicht mehr allzu viel Zeit, aber wir bekamen trotzdem noch einiges mehr zu Gesicht. Wenige blühende Exemplare der Bienen-Ragwurz entdeckte ich spontan zwischen eindrucksvoller Bestände von Pteris cretica, dem Saumfarn. Hier erinnerte mich die Umgebung samt ihren Pflanzen lebhaft an die Tessiner Bergwälder. Im Flachland wird im großen Stil Reis angebaut.

Zum wohl größten Polster von Gypsophila aretioides musste ich die reinste Klettertour unternehmen! Mich würde interessieren,wie alt wohl dieses riesige Polster war?
Dies waren nun meine Eindrücke im Schnelldurchgang. Konnte ich dir vielleicht doch ein wenig den Mund wässrig machen?

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Der kommende Rundbrief ist unserer Jubiläumsveranstaltung gewidmet. Hierbei möchte ich dir vor allem meine Kollegen vorstellen, wie du sie am 5. September hier in unserer Gärtnerei kennenlernen darfst, sowie das Programm an jenem Samstag, wozu ich dich schon jetzt ganz herzlich einladen möchte.

Bis dahin wünsche ich dir viel Gartenglück, weiterhin einen grünen Daumen und vor allem einen ausgeglichenen Sommer, so wie du ihn dir vorstellst.

Dein Staudengärtner Sarastro

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Christian H. Kreß und Mitarbeiter

Viele Grüße/ Best regards/ С уважением

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