Newsletter VIII/2011 (Filigrane Dauerblüher)

Liebe Staudenfee, lieber Staudengnom!

Heute möchte ich dir ein wenig über einige filigrane Begleiter im Staudenbeet erzählen, über die eher zarten und stillen, pastellfarbigen Schönheiten. Denn ohne diese sähe es in unseren Gärten ganz einfach zu staudig aus. Nichts gegen sattrosa Phlox, enzianblaue Rittersporne und zinnoberrote Pfingstrosen, knallrote Brennende Liebe und gelbe Sonnenbräute? Sogar brüllend orange und rote Farbtöne waren schon in den Borders von Gertrude Jekyll Zeiten vor mehr als hundert Jahren im Britischen Empire populär. Der Vergleich mit den Tiroler Balkonkisten hinkt also, wenn wir diese farbliche Neigung nur unseren alpenländischen Zeitgenossen zuschreiben würden. Gleichwohl ist darin trotzdem ein Fünkchen Wahrheit vorhanden, wenn man dem Volksgeschmack Rechnung trägt.

Die Würze liegt also nicht im momentanen „Wow-Effekt“ einer zufällig zeitlich gelungenen Momentaufnahme, sondern im kompositorischen Zusammenspiel von Filigranem und Wuchtigem, dem jahreszeitlich sich veränderten Farben und Formenspiel. Mir wird immer klarer, welch unglaublicher Reiz hier im Detail verborgen liegt. Diese oft zufällig entstandenen Kombinationen könntest du auch auf größerer Fläche wirkungsvoll ausbauen. Eine einzelne, hellgelbe Wiesenraute Thalictrum flavum ssp. glaucum wirkt verloren, im vielfachen Gruppeneffekt übertönt es sogar einen knallroten Phlox paniculata ‘Glut‘ mit seinem Fahlgelb. Und dann erst dieses Gesamtbild, wenn ein solcher Knallphlox das Hellgelb zur Geltung bringt!

Stiller Dauerblüher oder lautes Kurzzeitvergnügen? Ein blühendes Mohnfeld mit dem Kirchturm des Stiftes Reichersberg am Horizont hinterließ neulich einen tiefen Eindruck auf mich. So verhalten sich einige Knaller, wenn du am Tag X gerade rechtzeitig staunend vorbeikommst. Wenig später ist aber Ebbe angesagt. An flächig gepflanzten, dauerblühenden Mädchenaugen hast du dich sicherlich mit der Zeit satt gesehen, weil sie inzwischen an jeder Ecke zu erleben sind. Auch mit dem fantastischen Dauerblüher Geranium ‘Rozanne‘ wird schon mancherorts wieder massiv übertrieben. Trotzdem sehnen sich die meisten Kunden offenbar nach einer Staude, die einer „eierlegenden Wollmilchsau“ nahekommt, nur eben in pflanzlicher Form. Nicht einjährig, sondern dauerhaft, dauerblühend und unkompliziert, so wie Gaura, Verbena, Coreopsis und Co. Ich möchte sie tatsächlich nicht missen. Aber auch viele weitere, unbekanntere „Fremdländer“ nicht.

Patrinia scabiosifolia

Patrinia scabiosifolia kann sehr wirkungsvoll sein!

Verbena bonariensis

Das bekannte Eisenkraut (Verbena bonariensis)

Sicher hast du schon mal was vom Goldbaldrian gehört! Einmal gepflanzt entwickelt er sich wie von selbst und erobert deinen Gehölzrand im Handumdrehen. Du kannst ihn zunächst gewähren lassen. Dann blüht plötzlich dein gesamter Gehölzrand, deine Funkien erleben eine zweite Saison in leuchtendem Gelb! Ab Mitte Juli bis Ende August beherrscht das knie- bis brusthohe Patrinia scabiosifolia Teile deines Gartens. Und jeder Besucher fragt dich, um welche Staude es sich hier handelt. Die Gattung Patrinia stammen aus Ostasien und Nordamerika. Zwerge wie die seltene P. sibirica sind im Steingarten gut aufgehoben, andere Vertreter dieser Gattung kannst du beinahe überall in deinem Garten unterbringen. Deslängeren bekannt sind auch P. triloba und P.gibbosa, die mit der Zeit niedere, dichte Pulks im Halbschatten bilden. Im Oktober stinkt die nahe Umgebung um das vergehende Blattwerk nach Magensäure, eine Eigenheit vieler Baldriangewächse. Die Natur hat eben nicht nur Maiglöckchendüfte zu bieten.

Manches Mal sehe ich mich schon satt am Eisenkraut, einem typischen Element vieler öffentlicher Bepflanzungen und Gartenschauen., wie es scheint. Trotzdem bilden diese Dauerblüher ungeahnte Effekte und hier besonders auch die weniger bekannten Arten. Bis zur Vollblüte der allseits bekannten Verbena bonariense zieren die schmalen Rispen von Verbena hastata deine Beete. Diese Art ist im Gegensatz zur lilablauen Südamerikanerin ungemein dauerhaft! Die Farben schwanken zwischen tiefem Lila und reinem Rosa bis hin zu Weiß. Diese Staude eröffnet dir ungeahnte Kombinationsmöglichkeiten. Um nochmals auf die kaum winterharte Verbena bonariensis zurückzukommen, die beste Methode der Überwinterung ist tatsächlich, ihre Selbstaussaat zuzulassen, denn ihre Samen überwintern problemlos im Boden.

Monarda ‘Ruby Glow‘, Verbena hastata, sowie Echinacea ‘Green Envy‘

Monarda ‘Ruby Glow‘, Verbena hastata, sowie Echinacea ‘Green Envy‘

Lythrum virgatum ‘Swirl‘

Die Zweige sind bei Lythrum virgatum ‘Swirl‘ voll von Blüten besetzt

Immer wieder erlebt man angenehme Überraschungen! Eine mir unbekannte Staude mit riesengroßem Zukunftspotential sah ich im letzten Jahr bei einem Kollegen auf dem Mutterpflanzenacker. Die filigranen Blütentriebe standen sehr zahlreich und hatten zudem eine gute Fernwirkung. Es handelte sich um Lythrum virgatum ‘Swirl‘, einem Weiderich vom Balkan, der im Gegensatz zum Blutweiderich auch mit trockenen Stellen im Garten gut zurechtkommt. Diese fantastische Staude erreicht eine Höhe von etwa 120 cm. Ich musste sie unbedingt haben! Mal sehen, wie sie in unserem Schlangenbeet wirkt! Mit solchem Blütenrausch gehört das Sommerloch endgültig der Vergangenheit an!

Momentan kann ich dir noch kein Bild liefern, aber ein wunderbarer Langzeitblüher ist auch Succisella inflexa, eine Verwandte des heimischen Teufelsabbisses. Die dunkelblauen, scabiosenähnlichen Knopfblüten erscheinen über viele Wochen und verzaubern jedes Beet. Es gäbe ja noch viel mehr an unbekannten Dauerblühern aufzuzählen!

Die Prachtkerzen (Gaura lindheimeri) werden allseits gelobt, aber du kannst auch von einigen Kunden ständig so manches Klagelied hören. Sie seien ja nur kurzlebig oder außerdem gar nicht richtig winterhart. Dies stimmt durchaus, wenn sie in besten, nährstoffreichen Gemüsegartenboden gepflanzt werden. Der ideale Standort sollte sehr sonnig sein, der Boden eher leicht und sandig, ohne jegliche Staunässe. Dann säen sie sich sogar selbst aus! Ein  kleiner, bewährter Trick 17 hilft dir außerdem, deine Gaura sicher über den Winter zu bringen. Du schneidest deine Prachtkerzen trotz der noch bestehenden Blüte spätestens Ende September etwa zehn Zentimeter überm Boden ab. Dies bewirkt die Bildung von Basaltrieben, mit denen die Pflanzen gut über den Winter gelangen.

Gaura lindheimeri ‘Citlali‘

Gaura lindheimeri ‘Citlali‘, eine besonders winterharte Form der Prachtkerze

Achillea ‘Terracotta‘

Achillea ‘Terracotta‘ ist eine meiner Lieblingssorten

Vor einigen Jahren beobachtete ich bei uns, dass sie sich sogar selbst aussäten. Die gut winterharten Ursprungspflanzen stammten von einer Kundin. Auf einmal stand ein lustiger Schwarm in den unterschiedlichsten Farben, von Knallrot mit roten Blättern, über Rosa bis hin zu Reinweiß. Ich ließ sie gewähren, um zu erleben, welche davon wohl die Härteren sein werden, denn gerade von den Roten sind alle erdenklichen Schönheiten mit wohlklingenden Namen in den Handel gelangt, ohne dass deren Winterhärte im Geringsten erprobt wurde. So blieb bei uns eine Handvoll Individuen unterschiedlichster Farben und Höhe übrig, die nun schon längere Zeit tadellos und ungeschützt über die Winter kamen. Diese taufte ich nach den Kindern meiner mexikanischen Cousine, Citlali und Danika. Wir waren leider etwas nachlässig mit der Vermehrung. Es dauert eine Zeitlang, bis wieder ein Bestand vorhanden sein wird, aber im kommenden Jahr werden sie hoffentlich wieder verfügbar sein.

Agapanthus ‘Wolga‘

Agapanthus ‘Wolga‘

Datisca cannabina

Datisca cannabina, im Verein mit dem Hohen Goldbaldrian

Jetzt ist übrigens allerhöchste Zeit, dass du deine Schafgarben und Salbei abschneidest, damit sie auch gut remontieren. Natürlich lässt sich die zweite Blüte niemals in der Üppigkeit der ersten vergleichen. Es geht aber auch darum, dass keine unerwünschten Sämlinge in deiner Pflanzung auftreten und sich breitmachen.

Über den Scheinhanf berichtete mein Pflanzenfreund Michael Münch in einer der letzten Ausgaben der Gartenpraxis. Die überhohe Datisca cannabina ist eine auffällige Schönheit mit einer eher unauffälligen, gelblichgrünen Blütenfarbe. Die winzigen Blütchen hängen an Schnüren, welche eine schleppenartige Rispe bilden. Eine einzige Pflanze dieses Scheinhanfes zwischen weißen Annabel-Hortensien ergibt ein extravagantes Bild im Garten!

Und noch ganz schnell ein paar wenige Worte über die Schmucklilie (Agapanthus). Wie du sicher weißt, gibt es hiervon ausreichend winterharte Arten und Sorten. Unser Kübelpflanzenagapanthus, den wir im Eingangsbereich der Gärtnerei stehen haben, ist schon über 50 Jahre alt! Er ist ein Vertreter der Sorte ‘Blue Triumphator‘, hat schon viele Umzüge mitgemacht und auch einige Nächte mit -10 Grad erlebt, ohne davon den geringsten Schaden davonzutragen. Deswegen kann er trotzdem nicht als winterhart bezeichnet werden. Dagegen sind die meisten der Blatt einziehenden Sorten gut winterhart, besonders vor wärmenden Mauern und schützenden Hecken. Seit einigen Jahren blühen Agapanthus ‘Headbourne Hybrid‘, sowie die reizende kleine ‘Pinocchio‘ vor unseren Mauern.

Teich mit Dirndlstrauchhecken im Hintergrund

Teich mit Dirndlstrauchhecken im Hintergrund

Hemerocallis ‘Vienna Nightstreet‘ neben Physostegia virginiana ‘Variegata‘

Hemerocallis ‘Vienna Nightstreet‘ neben Physostegia virginiana ‘Variegata‘

Hier zwei Motive aus unseren Schauanlagen, die sich gerade jetzt wundervoll präsentieren! Links siehst du Hemerocallis ‘Vienna Nightstreet‘ neben der panaschierten Gelenkblume (Physostegia virginiana ‘Variegata‘). Im Teich tummeln sich Frösche und Fische, die drei Schildkröten fressen uns beinahe schon aus der Hand! Es ist nun eine Lebensgemeinschaft geworden, ein echtes Biotop im wahrsten Sinne des Wortes und macht daher auch keinerlei Arbeit mehr. Hingegen verlangen die Dirndlstrauchhecken im Hintergrund einen regelmäßigen Schnitt. Sie gehören zu den dichtesten Laubhecken, die ich kenne. Vielleicht ist dir der Dirndlstrauch eher unter Cornus mas bekannt, übrigens ein wunderbares Vogelschutzgehölz.

Die nächsten und einzigen Sommer-Gartentage im August befinden sich in Maikammer, wo wir seit einigen Jahren mit einem Stand vertreten sind. Sie finden am 21. und 22. August statt. Diese Gartentage gehören ohne Übertreibung zu den außergewöhnlichsten Veranstaltungen, die in Deutschland bestehen. Ein ganzes Dorf ist involviert, die Verkaufsstände verteilen sich auf die gesamte Altstadt dieses reizenden Weindorfes. Das idyllische Maikammer befindet sich in der klimatisch sehr milden Kurpfalz südwestlich von Speyer, die Gegend ist mir noch von früher her noch bestens bekannt. Ich freue mich schon sehr darauf, wieder den pfälzischen Singsang zu hören, Sommerstauden zu präsentieren und zu verkaufen!

Im kommenden Brief werde ich dir dann von meiner Reise nach Russland berichten. Ich bin schon sehr auf die dortige Gartenszene gespannt, blieb uns dieses Land doch lange Zeit verschlossen. Momentan aber vermehren und topfen wir noch wie die Wilden!

Bis dahin wünsche ich dir einen schönen und erholsamen Sommer!

Dein Staudenfreund Sarastro

Christian H. Kreß

Christian H. Kreß