Newsletter VI/11 (Winterharte Freilandfarne, X Acalthaea)

Liebe Gartenfee, lieber Staudengnom,

Heute möchte ich dich trotz nun schon monatelanger Trockenheit in das Reich der Farne entführen. Ein eigenes, aber höchst spannendes Gebiet! Diese doch sehr archaische Pflanzengruppe faszinierte mich schon zu meiner Kindheit, als ich mit Stauden und Gärtnerei konkret noch gar nichts am Hut hatte. Im Südschwarzwald war ich zuhause, von dort war es gar nicht weit zu ihren nächsten, natürlichen Standorten, sie wuchsen bereits hinterm Haus auf unseren Felsen im Garten und in den tiefen Wäldern,  Schluchten und an Mauern der umliegenden Burgen. In der Gartenkultur führen sie allerdings zur Zeit ein Schattendasein, sie werden heutzutage auch in der Gartengestaltung regelrecht stiefmütterlich behandelt. Dabei erlebten sie schon einmal bedeutend bessere Zeiten!

Dryopteris sieboldii

Dryopteris sieboldii ist selten und stammt aus Japan

Dryopteris atrata

… und wenn diese entrollt sind!

Elefantenrüsselfarn (Dryopteris atrata)

Elefantenrüsselfarn (Dryopteris atrata) beim Entfalten seiner Wedel...

Wo pflanzt man Farne? Nicht schon wieder zu Funkien, wirst du dir sicher denken! Mal so eben aus dem Bauch heraus, sie würden gut unter deinem Urweltmammutbaum oder vor deiner Buchenhecke gedeihen. Oder neben dem Holzschuppen am Stiegenaufgang könnte ein großer Elefantenrüsselfarn sicher ein gutes Bild abgeben. Der wintergrüne Glanzschildfarn (Polystichum) könnte zusammen mit deinen Rhododendren auch in schneelosen Wintern prima aussehen. Bedenke aber, dass die zierlichen Frauenfarne (Athyrium) sich vor Rhododendron schlecht entwickeln, da diese einen frischeren Boden schätzen und mit solchen Trockenzonen nur schlecht fertig werden. Diese sind tatsächlich für deine Funkien die geeigneten Begleitfarne.

Hierzu fällt mir gerade mein Privatgarten ein. Unser nordöstlich gelegener Hauseingang böte uns eine geradezu ideale „Farngegend“ auf kleinem Raum. Hier streitet sich nämlich zur Zeit ein schon älterer Rhododendron schlippenbachii mit einer Fatsia japonica um den immer geringer werdenden Platz. Die dazwischen stehende Clematis x tubulosa ‘Cote d‘Azur‘ hat hierbei nichts zu lachen! Sie drückt sich jedes Jahr verzweifelt nach oben und wächst durch den Schatten mannshoch, legt sich später durch ihre Länge elegant über Schlippenbachs Rhododendron. Einige robuste Farne wären hier deutlich besser aufgehoben!

Das Wichtigste für ein farngerechtes Gedeihen ist ein relativ kühler Standort in ausgereiftem, humosem Boden, welcher locker und luftig sein sollte. Du besitzt sicher solche Stellen in deinem Garten. Und hier solltest du stark unterscheiden, welche Farne wohin kommen, also was man ihnen zumuten kann und wie viel Stück davon wirkungsvoll sind. Ganz grob unterscheiden wir zwischen trockenheitstoleranten Farnen und solchen, welche eine länger Trockenheitsphase übel nehmen. Die meisten der Schildfarne (Polystichum) halten im eingewachsenen Zustand auch längere Perioden Trockenheit aus, ohne gleich hopps zu gehen, wie man salopp sagt. Der pH-Wert, welcher uns über die Bodenreaktion Auskunft gibt, ist bei Farnen nicht so entscheidend. Überhaupt wird ihm viel zu viel Bedeutung beigemessen. Gelegentlich schreibe ich dir etwas ausführlicher über die Bodenverhältnisse bei Stauden.

Hirschzunge (Asplenium scolopendrium ‘Crispum‘)

Hirschzunge (Asplenium scolopendrium ‘Crispum‘)

Athyrium filix-femina ‘Frizelliae‘

Athyrium filix-femina ‘Frizelliae‘

Polystichum setiferum ‘Plumosum Densum‘

Polystichum setiferum ‘Plumosum Densum‘

An den beigefügten Bildern kannst du an wenigen Beispielen sehen, wie verschieden die Wedel unserer winterharten Freilandfarne strukturiert sind. Kein Wunder, kommen sie doch aus allen Herren Ländern, ganz abgesehen von ihren gärtnerischen Auslesen. Richtig moos- oder dachziegelartig sind die Wedel von Polystichum setiferum ‘Plumosum Densum‘ angeordnet, du kannst ihn ganz links bewundern. In der Mitte siehst du den Wendeltreppenfarn, eine Form unseres Frauenfarnes. Diese schmalen Wedelchen von Athyrium filix-femina ‘Frizelliae‘ werden bis zu 40 cm lang. Und dann ist da ganz rechts noch die Hirschzunge (Asplenium scolopendrium ‘Crispum‘), deren Urform in den schattigen Schluchten unserer Bergwälder wächst. Von ihr gab es zwischen 1890 und 1920 in Großbritannien fast 100 verschiedene Auslesen! Nur eine Handvoll ist übrig geblieben und die bekommst du nicht an jeder Ecke angeboten, weil sie in der Vermehrung langwierig sind. Die meisten Farne werden ja über Sporen vermehrt, während der Spezialist die Sonderformen der Hirschzunge und des Schildfarnes durch Brutknospen vervielfältigt.

Damit du heute nicht nur Grünes in meinem Rundbrief siehst, hier gleich eine Besonderheit, deren Farbe jeder bewundert, wenn er Anemone ‘Lesserii‘ vor sich sieht. Das Bild gibt nicht annähernd diese bestechende Farbnuance wieder. Es ist ein Lilarot, welches mit Bedacht im Schattengarten untergebracht werden will.

Und hier die ganze Geschichte dazu. Vor rund 80 Jahren wurde diese Anemone in Russland als Kreuzungsprodukt aus einer roten Anemone multifida, von der die Farbe stammt, und der einheimischen, weißblühenden Anemone sylvestris selektiert. Das Resultat war eine großblumige Anemone, die keinen Samen produzierte, dafür aber leicht in die Breite wuchs, wie unsere Weinberganemone. Diese bestechende und fantastische Sorte sah ich das erste und einzige Mal bei Kees Verboom, einem schon verstorbenen Staudengärtner aus Boskoop in Holland, von dem unsere Pflanzen abstammen. Später wurden dann leider fälschlicherweise rotblühende Anemone multifida unter dem Namen Anemone x lesserii verkauft. Diese waren leicht erkenntlich durch ihren reichlichen Samenansatz, den Anemone ‘Lesserii‘ nicht bildet. Heute ist die echte Sorte nur noch ganz sporadisch erhältlich, weil sie nur sehr schwer und umständlich zu vermehren ist. An den bekannten Freisinger Gartentagen blüht sie gerade bestechend schön, unsere  Exemplare waren jedes Mal schnell ausverkauft. Wir müssen allerdings unseren Bestand wieder frisch aufbauen, denn die Mutterpflanzen hatten letzten Sommer durch den vielen Regen sehr gelitten. Bei der momentanen Trockenheit kaum vorstellbar!

Morisia monanthos

Morisia monanthos

Acantholimon albanicum

Acantholimon albanicum

Anemone ‘Lesserii‘, die Russische Anemone

Anemone ‘Lesserii‘, die Russische Anemone

Eine andere Geschichte rankt sich um die Stechnelke. Dies ist eine Staudengattung für trockene Steingärten, die meisten Arten bilden ziemlich große Polster von bis zu einem Meter Durchmesser. Dazu benötigen sie jedoch viele Jahre. Besonders zwei Arten sind bei uns etwas häufiger in Kultur, nämlich die balkanische Acantholimon albanicum und Acantholimon glumaceum vom Ararat. Für uns Staudengärtner sind diese noch am leichtesten zu vermehren, viele sehr schöne Arten können nicht geteilt werden, sie bilden eine lange Rübenwurzel und Stecklinge wurzeln nur äußerst langwierig. Ich habe selbst früher einige Arten in der Osttürkei gesammelt und mir dabei jedes Mal blutige Finger geholt! Aber ein älteres Polster gleicht einem Methusalem oder einem Riesenigel und bietet stets ein Blickfang in deinem Kiesbeet oder Steingarten!

Aus den Bergen Korsikas stammt ein Endemit, welcher zur Blütezeit sich mit auffälligen, gelben Blüten schmückt. Ein Endemit hat nichts mit einem Eremit zu tun, sondern dies bedeutet, dass Morisia monanthos nur ganz begrenzt auf Korsika zu finden ist und sonst nirgendwo auf der Welt. Er bildet kleine Rosetten mit dunkelgrünen, tief eingeschnittenen Blättern. Du kannst diese hübsche Gebirgspflanze an ganz trockenen Stellen im Steingarten oder im Trog ausprobieren. In nassen Wintern können die Rosetten abfaulen, dies gleicht die Pflanze aber durch Austrieb aus ihren Wurzeln wieder aus.

Allium ‘Purple Sensation‘ und Artemisia ‘Valerie Finnis‘

Allium ‘Purple Sensation‘ und Artemisia ‘Valerie Finnis‘

‘Parkrondell‘

...und ihr Partner ‘Parkrondell‘

‘Parkallee‘

Hier die Sorte ‘Parkallee‘...

Ich schrieb früher schon einmal über die Stockrosensorten aus der Ex-DDR. Sie sind bekanntermaßen ausdauernd, reichblühend und vollkommen winterhart. Anfänglich wurde behauptet, dass sie keinen Malvenrost bekämen. Dies kann ich für unsere Gegend hier zwar so nicht behaupten, man kann aber durchaus damit leben, die braunen Pusteln unter den Blättern fallen kaum auf. Korrekt müssten sie × Alcalthaea suffrutescens ‚Parkallee‘ heißen, aber ganz allgemein wird der Pflanzenliebhaber sie immer noch unter Alcea in Katalogen finden. Diese sind ja Hybriden zwischen den zweijährigen Stockrosen (Alcea) und einer ausdauernden, halbstrauchigen Althaea-Art.  Du kannst sie in jedem  Staudenbeet wunderbar mit anderen Stauden kombinieren.

Aber nomenklatorische Problemchen sollten unsereins nicht belasten! Manche meiner Kollegen bereitet diese Namensgebung unnötig Kopfzerbrechen und sie regen sich sehr auf, wenn ein Name alle Nase lang geändert wird. Sicher lästig, das findet jeder, ich auch, besonders dann, wenn dies nicht nachzuvollziehen ist. In meinem durchaus kurzem Staudengärtnerdasein hat sich oben erwähnte Hirschzunge mit dreimaliger Namensänderung präsentiert (Scolopendrium vulgare, Phyllitis scolopendrium, Asplenium scolopendrium!!!).

Aber Hand auf’s Herz! Müssen wir uns nicht tagtäglich mit jeder Menge Gesetzesänderungen, Computerupdates und sonstigem Firlefanz herumschlagen und schlucken dies, ohne zu murren? Und in unserem ureigensten Metier, jenem der Pflanzen und ihren Namen, machen wir Abstriche und wollen keine Veränderungen, sondern auf einem Stand bleiben wie vor 50 Jahren? Die Wissenschaft ist bekanntlich nicht statisch, sondern kommt zu neuen Erkenntnissen. In wieweit es nun gärtnerisch praktikabel und sinnvoll ist, die Gattung Aster in zig neue Gattungen zu zerpflücken, bleibt dahingestellt. Es existiert aber weiterhin eine botanische, aber eben auch eine zeitgemäße, gärtnerische Nomenklatur. Letztere besagt, dass man nach zehn Jahren seinen Katalog den internationalen Gepflogenheiten anpasst, dass der Hohe Knöterich Aconogonum heißt und schon längst nicht mehr Polygonum. Für dich und auch für mich ist es wesentlich wichtiger zu wissen, dass er nicht wuchert und uns monatelang mit seiner Blüte erfreut!

Zu guter Letzt möchte ich dir vom Sinn der Kontraststauden erzählen. Ohne diese sieht ein Staudenbeet nur halb so „cool“ und spannend aus. Kugelförmige Blütenstände, graublättrige Stauden, sowie zarte Gräser und wuchtige, breitblättrige Formen sind wichtige Essenzen. Es braucht nicht wirklich viel davon, schon wenige Exemplare sorgen dafür, dass dein Beet eine persönliche Note bekommt. Du kannst dies natürlich auch mit Einjährigen bewerkstelligen. Lass deiner Fantasie freien Lauf und gehe mit deinen Pflanzen spielerisch um!

Vielleicht sehen wir uns im Stift Seitenstetten in Niederösterreich? Dort sind wir von Beginn an vertreten. Die Gartentage in Seitenstetten sind die wohl bekanntesten in Österreich, viele meiner engsten Kollegen und Freunde stellen dort aus. Du findest ein wunderbares Ambiente vor, der Rosengarten bietet eine Fülle an historischen Rosen, die gekonnt mit passenden Stauden kombiniert wurden.

Herzlichst,
dein Staudengärtner Sarastro

Christian H. Kreß mit Campanula 'Sarastro'

vorige Woche aufgenommen von H.J. Weratschnig anlässlich der Ausstellung „Blühende Träume“ in Igls bei Innsbruck