Newsletter IX/2022

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Auch dieser Brief an dich wird leider etwas kürzer ausfallen, da ich gerade eben aus Litauen heimkam und schon wieder voll eingespannt bin, familiär und in der Gärtnerei. Die Reise allerdings verlief trotzdem sehr erholsam, das Baltikum hat ja viel zu bieten, nicht nur unverbrauchte Natur, sondern auch schöne Gärten und allen Orten sehenswerte Kultur. Wir bekamen beeindruckende Staudenpflanzungen im Öffentlichen Grün zu sehen, sowohl in Lettland, als auch in Litauen. Und wir besuchten Kestudis Vysniauskai, einen herausragenden Sammler von Taglilien, Hosta und anderen Stauden, und sahen uns auch botanische Gärten an.

An den letzten drei Tagen nahm ich als Referent an „Garden Style – Geliu Fiesta“ teil, eine Großveranstaltung in Vilnius, der so sehenswerten Hauptstadt von Litauen. Mir wurde im Vorfeld gesagt, dass dieses Jahr coronabedingt weniger Teilnehmer als sonst anwesend wären, leider anscheinend nur etwas über 600, sonst kämen zwischen 900 und Tausend (!). Mir verschlug es die Sprache, dies hielt ich kaum für möglich, noch nie hatte ich eine solche Mammutveranstaltung erlebt, die ausschließlich für Staudenfreunde und Garteninteressierte abgehalten wurde. Das Programm war durch und durch gemischt, auch Gartendesigner und Klimaforscher gaben in ihren Vorträgen ihr Bestes. Man sah über seinen Horizont hinaus, das war deutlich zu merken. Dass die baltischen Staaten in Sachen Digitalisierung und Elektronik die Nase viel weiter vorne haben, war deutlich zu spüren.

Schon zuhause „bestellte“ ich die Stauden für meinen dortigen Workshop, der am nächsten Tag in einer Baumschule für rund 30 Personen abgehalten wurde. Ich konnte ja die Stauden nicht mitnehmen, sondern orderte sie vorab bei lokalen Staudenbetrieben in Litauen. Der Unterschied zu unseren Stauden lag darin, dass die Topfgrößen um einiges größer als unsere waren. Wir sind 9 x 9 und 11 x 11-cm-Töpfe gewöhnt, bedingt durch den Versand und auch das bessere Handling auf Baustellen und für größere Anpflanzungen. Dort aber setzte man auf Impulskäufe in Gartencentern, daher befanden sich die meisten Stauden in zwei- und Drei-Liter-Töpfen. So war ich gezwungen, mich nicht nur mit einer schmäleren Auswahl zu begnügen, sondern auch auf die Pflanzdichte zu achten. Denn nicht immer geben größere Töpfe längerfristig ein besseres Resultat, denn nach zwei Jahren sieht auch eine Pflanzung mit Solitärgrößen ziemlich ähnlich einer solchen aus, die mit unseren Standardgrößen gepflanzt wurde. Außerdem lässt es sich auf einer wohlvorbereiteten Pflanzfläche mit unseren Topfgrößen wesentlich besser arbeiten als mit Stauden, die vordergründig wie „fertig ausgebacken“ aussehen. Aber ich kam dort auch mit den Übergrößen gut zurande!

Kurz und gut, alles verlief sehr zufriedenstellend, auch der Workshop ging sehr harmonisch über die Bühne. Lina übersetzte meine Ausführungen ins Litauische, übrigens eine Sprache, aus der man nicht das Geringste ableiten konnte! Anschließend absolvierte ich mit den Teilnehmern eine Führung durch den Schaugarten der Baumschule, wo der Workshop stattfand und ich erklärte noch einige Dinge, wie Pflegemaßnahmen über das Jahr hinweg und anderes mehr. Und ja, eine unerträgliche, schwüle Hitze lag die ganze Zeit über uns! Auch das Baltikum litt enorm unter der Trockenheit und den viel zu hohen Temperaturen.

Irgendwer hat einmal behauptet, an schön blühenden Ritterspornen erkennt man den guten Kultivateur und Gärtner, welche zwei grünen Daumen besitzen. Stimmt dies wirklich? Ja und nein. Ich meine, dass ich dir schon mal geschrieben hatte, dass immer wieder Kunden zu uns kommen, die klagen, sie hätten wiederholt mit Ritterspornen kein Glück, der Boden sei schuld und überhaupt sei er kaum über die Jahre im Garten zu halten. Ich fragte mein Gegenüber immer sofort nach dem vorhandenen Boden und dem Pflanzplatz im Garten. Da bekomme ich immer wieder das Gleiche zu hören, der Boden sei denkbar schlecht, „mir hamma an Loam!“ (wir haben Lehmboden). Nun, Lehmboden ist die beste Ausgangslage, die wir dem Rittersporn angedeihen lassen können. Wenn man dann seinen angeblich zu lehmigen Boden noch mit Kompost aufbessert, macht man ihn locker und gefügig und bekommt den so viel gepriesenen Ton-Humus-Komplex, es gibt nichts Besseres!

Warum aber haben die meisten deiner Gartenfreunde am Rittersporn keine rechte Gartenfreude? Ich verrate dir, woran es liegt. Es sind die Schnecken und nichts anderes! Sobald dein Rittersporn austreibt, wird es höchste Zeit, etwas gegen diese Schleimer zu unternehmen. Kaufe dir das biologische Schneckenkorn und streue deinen gesamten Garten damit ab, weniger pro Quadratmeter ist stets besser als gar nichts. Eine gestrichene Handvoll reicht für etwa 20 qm vollkommen. Und mache bitte nicht denselben Fehler, den so viele Pflanzenliebhaber begehen. Der berühmte Kranz aus Schneckenkorn rundum deinen Rittersporn nützt im Prinzip gar nichts! Dieser lockt zwar die allernächsten Schnecken an, aber löst sich nach einiger Zeit in Wohlgefallen auf und dann schlagen die weiter entfernten Biester zu. Du musst sie überall in deinem Garten erwischen, auch auf dem Rasen, unter Sträuchern und Bäumen, schlichtweg überall. Wenn ein frischer Austrieb eines Ritterspornes von Schnecken abgefressen wurde, so ist dieser unwiederbringlich verloren. Eine Funkie erholt sich wieder, nicht jedoch der Rittersporn. Und hier liegt die Hauptursache begraben, warum so viele Gartenbesitzer mit dem Rittersporn kein Glück haben!

Der Rittersporn gehört zu den Hahnenfußgewächsen und zählt zu den stolzen Aristokraten unter den Stauden. Er wird von Jahr zu Jahr prächtiger, wenn man neben einem guten Boden auch die richtigen Sorten auswählt. Wir unterscheiden zwischen den kurzlebigen, sehr großblumigen University- und Pacific-Hybriden, den reich- und öfterblühenden, niederen Belladonna-Hybriden und den stattlichen Cultorum-Elatum-Sorten, zu denen besonders die Selektionen von Karl Foerster zählen, die überdies als langlebig gelten, standfest sind und wenig bis kaum Mehltau bekommen. Letztere werden leider ausschließlich im deutschsprachigen Raum angeboten, und leider auch gibt es immer weniger Gärtnereien, die sich mit der Vermehrung dieser langlebigen Sorten beschäftigen. Denn diese lassen sich nicht aus Samen vermehren, sondern hierzu benötigt man ausreichend gesunde Mutterpflanzen und ein wachsames Stecklingsauge im zeitigen Frühjahr! Diese Spezialvermehrung gestaltet sich im Gegensatz zu anderen Stauden als sehr aufwändig, wobei später im Garten nur wenig Probleme auftreten, wenn man die paar grundlegenden Dinge beachtet.

Hier zwei der Paradesorten von Karl Foerster:

‘Finsteraarhorn‘ ist wohl der bekannteste aller Sorten von KF. Er hat nichts mit einem „finsteren Ahorn“ zu tun, wie man so oft falsch geschrieben liest, sondern dieser dunkelviolette Rittersporn ist nach einem der höchsten Schweizer Berge benannt.

Und hier siehst du ‘Morgentau‘, welcher große, hellblaue Blüten und eine dunkle Biene aufweist, wie man die Staubgefäße beim Rittersporn nennt. Er ist übrigens meine Lieblingssorte, hier neben Rosa ‘Ghislaine de Feligonde‘.

Pflanzt man Rittersporn, so sollte man diesen immer auf zwei Handbreit Stängelansatz zurückschneiden. Relativ schnell wird er wieder austreiben und dich später mit seinen langen Rispen beglücken. Diese Maßnahme sollte auch gleich nach der ersten Blüte gemacht werden, denn jeder Rittersporn blüht dir zwei Mal im Jahr, die Belladonna-Hybriden mitunter sogar drei Mal! Absolut wichtig für ein gutes Gedeihen ist ein freier und offener Standplatz in voller Sonne, aber auch in lichtem Halbschatten. Wie schon geschrieben, ist er dankbar für reichliche Kompostgaben. Auch in langen Trockenperioden, die leider immer öfter ins Land ziehen, müssen wir nicht auf Rittersporn verzichten, wenn wir ihm ausreichend Wasser zukommen lassen. Hierfür ist weder eine teure Bewässerungsanlage nötig, noch sind tagtägliche, viel zu geringe Wassergaben sinnvoll. Alle paar Wochen durchdringend wässern reicht vollkommen, das Wasser sollte hierbei in tiefe Schichten eindringen. Wir gehen jeden Tag duschen, waschen unnötig unsere Autos, besprengen womöglich den Rasen und gehen auch anderweitig nicht gerade sparsam mit Wasser um. Da sollte dein Rittersporn Durst erleiden?

Jedenfalls stehen hier in unserer Staudengärtnerei wieder ausreichende Stückzahlen, die du jederzeit bei uns bestellen kannst. Sie befinden sich in einer hervorragenden und knackigen Qualität!

Ich hatte die letzte Zeit ziemlich viel um die Ohren, jedoch ist nun zum Glück wieder der Alltag eingekehrt. Auch das Pagelssymposium in Papenburg ist bereits Geschichte. Hier trafen sich am 13. August über 400 Teilnehmer zu Ehren Ernst Pagels, dem so erfolgreichen wie bescheidenen Staudenzüchter und Gärtner, den ich bei Besuchen in seiner Gärtnerei kennenlernen durfte. Er hatte zu früheren Zeiten bei Foerster in der dortigen Planungsabteilung gearbeitet, bevor er sich in Leer/Ostfriesland selbständig machte. Wie Karl Foerster hatte auch Pagels ein äußerst scharfes und kritisches Auge, ihm haben wir so hervorragende und weit verbreitete Staudenselektionen wie Salvia nemorosa ‘Ostfriesland‘ und andere, insbesondere aber auch seine Schafgarben und vieles mehr zu verdanken. Seine absolute Krönung aber lag in den blühenden Chinaschilfsorten, welche er nach und nach auslas. Diese waren damals Ende der 80er-Jahre für mich der Anlass, ihn aufzusuchen und einen Teil jener Miscanthus-Sorten nach Österreich einzuführen, um diese im österreichischen Sichtungsgarten im Burgenland einer längerfristigen Beobachtung zu unterziehen.

Über Ernst Pagels denke ich heute ganz anders als damals. Nun, nach diesem Symposium und den tieferreichenden Recherchen für meinen Vortrag kam ich zur Erkenntnis, dass nicht nur seine Selektionen über unsere Grenzen hinaus auch heute von großer Bedeutung sind, sondern insbesondere sein so bescheidenes Auftreten, seine Menschlichkeit, Liebe und Toleranz gegenüber jeglichem Leben. Und er lebte sein Leben auf seine eigene Sichtweise. Ist dies nicht Vorbild genug zu Zeiten des Umsichgreifens von Uniformismus?

Hier ein Schnappschuss, den ich damals machte, denn Herr Pagels war stets sehr zurückhaltend, wenn man direkte Aufnahmen von ihm anfertigen wollte.

Nach dem 10. September fangen wir mit unserem diesjährigen Herbstversand an. Du weißt sicher, dass gerade der Herbst eine optimale Pflanzzeit ist. Ausnahmen sind winterempfindliche Stauden, darauf weisen wir aber im Webshop hin. Wir werden in der kommenden Woche auch die Verfügbarkeit mancher Sorten im Shop wieder auf Vordermann bringen, damit du weißt, was du fix bestellen kannst.

Dann wünsche ich dir einen schönen Sommerausklang, vor allem aber genug Regen!

Dein Staudengärtner Sarastro