Newsletter IX/2013 (Zu Phloxzüchtern in Russland)

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Hast du den Sommer gut überstanden? Was heißt hier überstanden, hast du ihn trotz Rekordtemperaturen wenigstens genießen können? Bei uns wurden tatsächlich Temperaturwerte gemessen, die jenseits von Mitteleuropa lagen. Mit Gießen unserer Schaugärten und meiner Gartenbeete bin ich bekanntlich eher auf der sparsamen Seite. Aber an jene Julitage dieses Jahres werde ich wohl mit Schrecken erinnert, wo unser geliebter Schaugarten immer trauriger aussah und dahinwelkte, bis der erste erlösende Guss sich abzeichnete und dem Spuk ein Ende bereitete. Denn der Regner lief morgens und abends über den Töpfen, nicht jedoch in den Schauanlagen!

Und hierzu fällt mir sogleich Beth Chatto ein. Ihren bekannten Schaugarten besichtigen wir Ende der 80er und Anfang der 90er-Jahre mehrmals hintereinander. Ich besitze noch Aufnahmen von den weitläufigen, hellbraunen Rasenflächen, nach sieben Wochen Trockenheit. Beth Chatto erzählte uns damals, dass die Region East Anglia zu den trockensten Ecken Englands gehört, sie aber trotz allem noch nie eine solche Dürre erlebte. Den Folgen bewusst ließ sie ihre Schaugärten nicht beregnen, um zu sehen, in welchem Maße die Natur regenerierungsfähig ist. Ein Jahr später besuchten wir wieder Beth Chatto und siehe da, man merkte nichts mehr von der im Jahr vorangegangenen Dürre! Die Natur zeigt sich auch in Extremsituationen recht gnädig. Trotzdem schien dies Beth Chatto vielleicht dazu bewogen zu haben, ihren ehemaligen Parkplatz vor der Gärtnerei in den inzwischen weltberühmten Gravel Garden (Kiesgarten) umzuwandeln, in weiser Voraussicht, dass sich Klima und Temperaturen auch in England dramatisch ändern könnten und Trockenheit und Hitze auch in maritimen Gegenden an der Tagesordnung sein werden.

‘Margri‘

‘Ana Gaganova‘

Anfang August reiste ich wieder in den Nordwesten Russlands, ich schrieb dir im letzten Brief kurz davon. Eigentlich wollte ich diesen Sommer gar nicht weg, aber ich bekam eine Einladung von Svetlana Voronina, der Organisatorin der Phlox-Ausstellung, an der Phlox-Prämierung in St.Petersburg teilzunehmen und überdies einen Vortrag vor russischen Gartenliebhabern zum Besten zu geben. Dem kam ich gerne nach – welch große Ehre! Und die ganze Reise samt den vielen Kontakten rund um den Phlox war überwältigend und so grandios, dass ich noch lange daran denken werde. Wir fuhren weit auf das Land hinaus und besuchten Phloxliebhaber und – züchter und bewunderten umfangreiche Pflanzensammlungen. Du solltest nämlich wissen, dass der Phlox in Russland ungefähr denselben Stellenwert besitzt wie die Rose bei uns. Oder die Iris und Taglilien in den Vereinigten Staaten.

Hier möchte ich dir nur mit ein paar Bildern einen ganz kleinen Querschnitt dessen zeigen, was dort im Busch ist! Mir fiel auf, wie dort der Phlox vor Gesundheit strotzte und allabendlich die sommerlichen Gärten in einen Farbenrausch verwandelte. Gerade in diesen Gefilden, wo die Sommertage bis 23 Uhr dauern, wird einem bewusst, wie sehr die Phlox dazu beitragen, einen nordischen Sommertag zusätzlich zu verlängern und Monate später die Tristesse der kurzen Jahreszeit zu vergessen.

Phlox in verspielten Pastelltönen, in Rauchfarben und Lavendelblau, in Knospenformen, Wolken – und Kugelformen, bei einem russischen Gärtnerkollegen.

Links im Bild eine Sorte mit den wohl größten Blüten…

Und hinter solchen Farbspielen wie rechts bei ‘Pegun‘ sind die russischen Züchter und Phloxliebhaber am meisten her!

Die Zuchtrichtungen sind äußerst vielschichtig und mannigfaltig. Man findet nicht nur Sorten mit riesigen Einzelblüten, sondern auch Sorten mit dumpfen Farben und Pastelltönen, sowie natürlich den typisch russischen „Rauchphlox“. Ich bin mir sicher, dass auch du unweigerlich zum Phloxfreund wirst, wenn du diese Fülle siehst! Eigentlich hatte ich nie viel am Hut mit dieser scheinbar auf volkstümliches Niveau gezüchteten, typischen Bauerngartenstaude, aber hier wird man vom Virus unweigerlich angesteckt, die Vielfalt war einfach überwältigend!

Unten links eine der höchsten Sorten überhaupt, samt seiner Züchterin! Und in der Mitte siehst du die Leute, die ich kennenlernen durfte und mit denen ich unterwegs war, bis auf Sergey, der uns fotografierte. Ich bin überzeugt, dass meine dortigen Freunde einen Teil des Programmes auch mir zuliebe organisiert hatten und dafür bin ich ihnen unendlich dankbar. Es war übrigens auch die Enkelin von Pavel Gaganov mit von der Partie (dem wichtigsten russischen Phloxzüchter in der Vergangenheit)! Überwältigen konnten auch die Sorten, welche geradezu eine wolkenartig üppige Blütenfülle aufwiesen, wie ‘Gusarskaja Ballada‘.

Links unten im Bild siehst du eine der riesigen, russischen Nationalsammlungen, in der unter anderem historische Sorten zu finden sind, die man andernorts schon vergeblich sucht. Mir fiel die besonders schwere, schwarze Erde auf, in der die Phloxe wuchsen. Man erzählte mir, dass alle fünf Jahre konsequent der ganze Bestand verpflanzt wird. Rechts im Bild ‘Uralski Skazy‘, neben ‘Anna Karenina‘ und ‘Margri‘ eine meiner russischen Lieblingssorten. Diese Sorte von Pavel Gaganov ist schon länger in Kultur, man kann die Farbe gar nicht beschreiben, es ist ein geradezu stumpfes Rosa mit einem dunkelrotem Auge, nichts ungewöhnliches, aber über der Blüte liegt ein zarter, perlmuttfarbener, bläulicher Hauch – einfach unvergleichlich und einmalig!

Phlox überall, in zahllosen Landgärten…

… und Phlox mitten in der Stadt an einer orthodoxen Kirche

Unterwegs bei einigen Phloxzüchtern, irgendwo weitab in ländlichen Gefilden. Im Gewächshaus wachsen Gurken und Tomaten, davor ist kein Durchkommen möglich, weil jeder Quadratmeter voll von Sämlingsneuheiten steht. Aber auch in der Verwendung im Staudenbeeet zeigen die russischen Gartenliebhaber durchaus Kreativität. Und vielleicht gelingt uns in Zukunft ebenfalls eine Alternative, den Phlox einmal auch anderweitig als in schnurgeraden Hofeinfahrten zu präsentieren!

Nach den zeitraubenden und weiten Exkursen auf das Land hinaus fuhren wir sodann nach St.Petersburg, wo die inzwischen bekannte Phloxausstellung „Mir Floksow“ (Die Welt der Phloxe) stattfand. Ich half ein wenig bei Aufbau und beim Verteilen der vielen Vasen. Als dann die rund 240 Phloxsorten samt floristischen Gestecken fix und fertig dastanden, roch der ganze Saal atemberaubend nach dem bekannten Pfefferduft des Phloxes.

Links siehst du rund 70 Sämlinge und neue Selektionen, die ich zusammen mit vier Phloxkennern bewerten durfte. Dies war eine sehr anspruchsvolle Angelegenheit nach strengen Bewertungskriterien, die rund zweieinhalb Stunden in Anspruch nahm. Meine Mitbewerter waren äußerst kritisch und begutachteten jede Blütenrispe, jeden Stängel bis auf’s letzte. Bei der anschließenden Auswertung waren wir überrascht, wie nah beieinander wir mit der Punktezahl bei den besten fünf Phlox lagen! Die darauffolgende Prämierung wurde von den beiden Kuratorinnen des Botanischen Gartens, sowie Russlands bekanntester Phloxzüchterin Elena Konstantinova vorgenommen.

Anschließend hielt ich meinen Vortrag in der Bibliothek des Botanischen Gartens von St. Petersburg. Sergey Kalyakin ist Chefredakteur der bedeutendsten, russischen Gartenzeitschrift „Sadovnik“, er hat meine Ausführungen vom Englischen für die Zuhörer ins Russische übersetzt.Wir waren ein geradezu perfektes Team! Der Vortrag handelte über Staudenverwendung und Neuheiten im deutschsprachigen Raum.

Ich kann dir hier natürlich nur einen winzigen Teil von dem zeigen, was ich alles zu Gesicht bekam. Demzufolge schwer war auch die Auswahl der Bilder. Viel ausführlicher kannst du die Phloxe in Form eines Vortrages ansehen, welchen ich im Laufe des Herbstes zusammenstellen werde. Einige GdS-Gruppen haben schon Interesse bekundet, einen Vorgeschmack dessen kannst du im September in Weingartsgreuth anlässlich von „Faszination Garten“ erleben, wo ich dich in wesentlich kürzerer Form ein wenig in die tiefe Phloxseele Russlands einweihen werde.

Eine der neuesten Selektionen von Elena Konstantinova ist ‘Mister X‘, den sie mir unter Blitzlichtgewitter sozusagen als Gastgeschenk überreichte (ganz links), ich war dann doch etwas gerührt! Gespannt darf man sein, ob sich diese Rauchfarben auf Dauer bei uns durchsetzen und ob sie überhaupt so spektakulär werden, denn der Geschmack hiesiger Staudenliebhaber ist anders, außerdem unser Klima bedeutend wärmer und nicht so kontinental geprägt. Elena züchtet vor allem mit dem Fernziel, lange blühende, standfeste Sorten auszulesen, die sich selbst „putzen“ und die auf unterschiedlichen Böden dieselben Qualitäten zeigen.

Es existieren übrigens Aberhunderte an russischen Sorten, historische Kultivare und brandneue Züchtungen, allerdings sind nur die allerwenigsten bei uns in Kultur. ‘Nachodka‘ und ‘Uspech‘ wurden inzwischen auch bei uns verbreitet.

Und in diesem Zusammenhang möchte ich dich kurz noch über eine Unsitte aufklären, die leider bei uns um sich greift. Nur weil beispielsweise ein Name wie ‘Uspech‘ in den Augen mancher Firmen nicht „marktfähig“ erscheint, wurde dieser beispielsweise in ‘Laura‘ umgetauft. Dies ist nur dann in Ordnung, wenn man einer unbekannten Sorte eine Zeitlang einen Arbeitsnamen verpasst. Gelegentlich werden leider auch bekannte Sorten mit englischen Namen versehen und im schlimmsten Fall wird dann jene Sorte obendrein noch als eigene Kreation geschützt (Nicht nur bei Phlox!). Dies ist nicht nur extrem unseriös, sondern den Züchtern gegenüber höchst unfair! Außerdem bin ich fest davon überzeugt, dass es gerade bei Phlox in Zukunft die russischen Namen sind, die die Gartenliebhaber magisch anziehen und mit geheimnisvollem Charme und unverwechselbaren Farbkompositionen verbinden.

Russland ist auch berühmt durch seine wundervollen Gebäude, die dir auf Schritt und Tritt begegnen. Überall, auch auf dem Land werden Kirchen und historische Anlagen liebevoll und aufwändig restauriert.

Wieder zuhause musste ich leider feststellen, dass unsere Schaurabatten in der Gärtnerei momentan äußerst blütenarm waren. Das berühmte Sommerloch? Und was war nun das Resumee meiner Reise? Das der Phlox ein Fresser und ein Säufer ist, die Heimat unendlich bleibt, man reist und bleibt doch, aber wenn schon – denn schon! Auch Karl Foerster stand schon mit Pavel Garganov in enger Verbindung, dem Züchter, der den aus Amerika stammenden Phlox in diesen Riesenland erst so richtig populär machte.

Ab dem 9.September verschicken wir wieder Pflanzen an dich. Der Herbst ist ja sozusagen unser zweiter Frühling, daher lassen sich nahezu alle Stauden problemlos im September bis Anfang November im Garten pflanzen. Der Boden ist warm, die Stauden wachsen schnell ein und sind den im Frühjahr gepflanzten eine Nasenlänge voraus.Unter www.sarastro-stauden.com findest du im Webshop sicher das richtige für deinen Garten!

Oder besuche uns in der Gärtnerei, die Astern und Gräser laufen ab Mitte September zur Hochform auf! Außerdem halten wir für dich wieder Zwiebelpflanzensortiment bereit, dieses Mal noch sortimentsbreiter als gewohnt!

Ansonsten sehen wir uns vielleicht auf der „Illertisser Gartenlust“ am 8. und 9. September oder bei „Faszination Garten“ in Weingartsgreuth am letzten Wochenende im September, dies ist gleichzeitig unser letzter Pflanzenmarkt im Jahr.

In diesem Sinne wünsche ich dir einen goldenen Herbstanfang!

Dein Sarastro