Newsletter V/2022

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Diese relative Kälte und der andauernde Wind gehen mir wirklich langsam, aber sicher auf die Nerven! Auch den Pflanzen scheint dieses Wetter nicht zu behagen, der Phlox und die Chrysanthemen reagierten verschnupft auf die zahlreichen Fröste, welche sich früh morgens in Form von Raureif wie ein Schleier über unsere Gärtnerei und ihre Pflanzen legte. Dementsprechend durchwachsen gestaltete sich auch unser Verkaufsoffenes Wochenende, wobei der Samstag hervorragend lief, der Sonntag jedoch eher „mau“ war. Insgesamt waren wir wohl zufrieden, doch fehlten mir die große Menge an Besuchern, welche in früheren Jahren uns die Ehre gaben. Corona-Nachwehen? Oder doch eher der schlechte Wetterbericht, wobei eigentlich der Tag dann doch wesentlich besser ausfiel. Oder sind es die Spritpreise?

Erzählen möchte ich dir heute die spannende Geschichte der Teppichprimeln. Du kannst diese Story wohl auch in meinem Buch „Meine Welt der Stauden“ nachlesen. Rekapitulieren wir einmal! Bei den Teppichprimeln handelt es sich um eine alte Geschichte, deren Züchtung und Selektionsarbeit schon im vorvorigen Jahrhundert begann. Man kannte schon damals Primula juliae aus dem Kaukasus, welche lockere Matten bildet und uns im April mit hübschen, lila Blütchen erfreut. Die reine Art ist leider nur selten in Kultur. Aus deren Kreuzung mit Primula vulgaris, unserer einheimischen Kissenprimel, sowie P. elatior, der Schlüsselblume, entstanden jene farbenfrohen Primeln, die man Teppichprimeln nennt und die botanisch als Primula- pruhonicensis-Hybriden bezeichnet werden. Benannt nach der kleinen Ortschaft Pruhonice südöstlich von Prag, wo Graf Silva-Tarouca einen herrlichen, weitum bekannten, traumhaften Landschaftspark schuf. So weit, so gut.

Die echte Primula-pruhonicensis-Hybride ‘Wanda‘

Als ich damals in der Schweiz bei der Baumschule Hauenstein in Rafz in der Staudenabteilung anfing, bestand meine allererste Arbeit aus dem Auseinanderteilen vom dortigen Teppichprimelsortiment. Diese galten Ende der Siebzigerjahre als hervorragende Verkaufsartikel und fanden in den aufkommenden Gartencentern reißenden Absatz. Auch später, während meiner Zeit in den Niederlanden, hatten wir ein stattliches Sortiment davon. Mein damaliger Chef und großer Staudenkenner Luite van Delft hatte von überall her Sorten zusammengetragen. Die allermeisten wurden ehemals in Deutschland gezüchtet, einige aber auch in Holland und England. In den 70rt unf 80er-Jahren hatte nahezu jede Staudengärtnerei eine Handvoll Teppichprimeln im Sortiment.

Als ich in Österreich anfing, kauften wir das Sortiment bei meinem ehemaligen Chef und vermehrten sie später selbst weiter. Dann aber kamen sie mit einem Male aus der Mode und waren bei den Kunden nicht mehr gefragt, der Hauptgrund lag aber ganz woanders. Die Züchtung bleibt bekanntlich nicht stehen und es wurden neuartige Kissenprimeln selektiert, die zwar an die Teppichprimeln erinnerten, jedoch niemals die Eigenschaft der Teppich bildenden Schwestern hatten. Zudem war die Vermehrung dieser neuen Primeln wesentlich billiger, da sie ausgesät wurden, während die Teppichprimeln ausschließlich durch Teilung vermehrt werden müssen. Dies erfordert gesunde Mutterpflanzen, sowie die Einhaltung des richtigen Zeitpunktes der Vermehrung. So verschwand nach und nach nahezu das gesamte Sortiment der Primula-pruhonicensis-Hybriden von der Bildfläche, wie auch Jahrzehnte zuvor die durch Stecklinge zu vermehrenden Lupinensorten durch Samenstrains verschwanden.

Hier die Teppichprimel ‘Moerheimii‘ mit ihrem bestechenden Rot

Da ich immer schon ein Faible für historische Staudensorten hatte, überrannte mich mein Ehrgeiz, diese Primeln der Nachwelt zu erhalten und ich klemmte mich dahinter, möglichst viele der noch verfügbaren Sorten wieder zusammenzutragen. Dies war allerdings wesentlich leichter gesagt als getan! Bei meinen Kollegen war praktisch nichts mehr vorzufinden, oder nur äußerst sporadisch! Fündig wurde ich in einigen Botanischen Gärten, wo die Verantwortlichen mir bereitwillig einige Teilstücke im Tausch gegen andere Stauden abgaben, oder bei Liebhabern in ihren Gärten.

Nun kam ich an eine zweite Hürde, die Bestimmung einzelner Sorten, welche fragwürdig erschienen. Zum Glück hatte ich noch Dias von früher, auch prägt man sich die Farben und Eigenschaften einiger Sorten mit der Zeit ein. Das Paradebeispiel des perfekten Durcheinanders war für mich ‘Wanda‘, von der wir fünf unterschiedliche Herkünfte in Kultur hatten, jede sah anders aus, wenngleich es nur Nuancen waren. Bei all diesen Typen handelte es sich um Sorten, nur welche? Hier den richtigen Namen herauszufinden, kam einer kriminalistischen Spürhundtätigkeit nahe!

Ganz nebenbei: als klassische Teppichprimeln kann man insbesondere jene Sorten bezeichnen, welche einen dichten Wuchs aufweisen und rundliche Laubblättchen besitzen. Hierzu gehören als Beispiel ‘Moerheimii‘, ‘Purpurkissen‘ und ‘Frühlingsbote‘ genannt. Andere Sorten neigen teilweise eher zu den Kissenprimeln. Pflanzt man von den Teppichprimeln kleinere Gruppen am Gehölzrand oder im Vordergrund eines Beetes in guten Humusboden, so wachsen sie zu dichten Polstern heran, welche zur Blütezeit einen tollen Blickfang darstellen. Alle paar Jahre sollte man sie umpflanzen, es lohnt sich allemal, diesen lieblichen Frühlingsboten wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken!

Über die Nostalgie und Sinnhaftigkeit, alte Staudensorten aufzubewahren, könnte man fast schon ein Buch schreiben, es gäbe viel Für und Wider! Ohne jetzt urteilen zu wollen, fallen mir in diesem Zusammenhang die Duftveilchen ein, besonders aber die ausdauernden Hornveilchen, welche durch aufkommende Saatrassen immer mehr verdrängt wurden, die keinesfalls ausdauernd sind! Besonders Hornveilchen (Viola cornuta) schätze ich als Dauerblüher sehr, nur solltest du im Frühjahr unbedingt auf die Schnecken achten. Auch hier existieren Sorten, die mehr zum echten, ausdauernden Viola cornuta tendieren und teppichartig wachsen, sie weisen an der Rückseite der Blüte den typischen Sporn auf, der ihnen den deutschen Namen gab. Die strahlend weiße ‘Wisley White‘ gehört dazu, aber auch ‘Boughton Blue‘ oder die altrosa ‘Letitia‘. Andere Sorten neigen im Aussehen in Richtung Stiefmütterchen, sind daher kurzlebiger und sollten alle paar Jahre verpflanzt werden. Beliebt sind bei den Kunden insbesondere die farbenfrohe ‘Jackanapes‘ oder die pechschwarze ‘Molly Sanderson‘. Ein leichter Rückschnitt nach der ersten Blüte ist für alle Hornveilchen empfehlenswert, ebenfalls ein guter Gartenboden in voller Sonne. Hornveilchen empfehlen wir insbesondere als Gruppenstaude im Vordergrund eines Beetes oder aber direkt als Beeteinfassung. Übrigens lassen sich die Blüten sogar in der Küche verwenden!

‘Jackanapes‘

‘Molly Sanderson‘

‘Letitia‘

‘Victorian’s Blush‘

Ich schrieb dir ja, dass der neue Schaugartenteil Form angenommen hat und ich im Winter Pläne geschmiedet und diese auch zeichnerisch dokumentiert habe. Dass meine Vorstellungen bezüglich der Staudenauswahl auf den Plänen nicht in Stein gemeißelt waren, konntest du wohl annehmen! Es ist immer das Gleiche. Man schwelgt in Vorstellungen und Gedanken, hat seinen Katalog vor sich und zeichnet, fertigt Staudenlisten an. Und wenn man dann durch die Anzuchtsflächen marschiert und seine Vorstellungen zusammensucht, kommt man vom Hundertsten zum Tausendsten! Man sieht dies und das, was noch passen könnte.

Im ärgsten Versandtrubel nahm ich mir einen Tag Zeit und Muße dafür. Jedenfalls hatte ich die Stauden für das erste Beet bereits zusammengesammelt und in Kisten vor die gefräste Fläche gefahren. Die Pflanzfläche war mit einer gehörigen Schicht gut ausgereiftem Kompost versehen worden, schließlich sollen ja die „Bewohner“ dieser klassischen „Mixed Border“ auch optimal wachsen! Dann ging es ans Auslegen und Positionieren der vorgesehenen Stauden. Dies war eine Mega Arbeit, die einige Stunden in Anspruch nahm. Ich hatte rein rechnerisch 1.200 Stauden allein für meine Mixed Border vorgesehen! Mein Plan war die eine Sache, die Realität eine andere. Doch erweist sich eine Grundlage stets als wertvoll, man kann dann immer noch abweichen und umpositionieren.

Falls du ein neues Staudenbeet in Angriff nimmst und die Pflanzen zum Positionieren vor dir liegen, dann lass dir Zeit und überlege genau. Stelle dir im Geist vor, wie mag wohl diese oder jene Situation im Frühjahr, Sommer oder Herbst aussehen? Welche Farbkombinationen gefallen dir persönlich am besten? Und bei größeren Beeten ist es sinnvoll, die eine oder andere Pflanzenkombination zu wiederholen. Und achte nicht nur auf Blüten, sondern vor allem auf Strukturen und Texturen deiner Stauden! Welcher Abstand ist der richtige, pflanzt man lieber in Gruppen, in Drifts oder differenzierter, der Natur entsprechend? All dies ist auch eine Frage des persönlichen Empfindens und vor allem auch Geschmackssache.

Bei einer Mixed Border bietet sich die Pflanzung in kleineren Gruppen an, ich neige dazu, größere Mengen einer Staudensorte kompakt und massiv wirken zu lassen, dann aber ruhig einige Exemplare auch mal locker von der Hauptgruppe weg in die Umgebung schweifen zu lassen, sozusagen als Ausreißer. Ich bin außerdem ein Anhänger von starken Kontrasten, beispielsweise von filigranen, wilden Staudenschönheiten in Kombination mit auffallenden Prachtstauden aller Art. Probiere es mal mit Cacalia atriplicifolia, ein nahezu unbekanntes Asterngewächs aus Nordamerika, welche in jedem guten Boden zur Hochform aufläuft und sich mit ihren grandiosen Blütenschirmen problemlos in jedem Staudenbeet wunderbar integriert. Du siehst sie gleich hier unten im Bild:

Normalerweise topfe ich alle in Position gesetzten Stauden auf einmal aus und befreie sie aus ihrem Plastikgefängnis. Aufgrund der doch riesigen Fläche ging ich in Etappen vor, immer so ca. 300 Stück auf einen Streich, danach pflanzte ich die Stauden genau an der Stelle, wo ich sie hingestellt hatte. „Gepflanzt is jo glei!“ lautete das Motto meiner Mitarbeiter. Stimmt, trotzdem sollte sorgfältig gepflanzt werden! Ich neige zur Ansicht, die Wurzelballen lieber etwas tiefer zu pflanzen als zu hoch. Stark durchwurzelte Ballen sollten aufgerissen werden, um keine Wachstumsstockungen zu erleiden, hingegen wachsen lockere Wurzelballen problemlos weiter. Wir hatten das große Glück, dass drei Tage später eine längere Regenperiode durch das Land zog und alle Stauden gehörig eingewässert wurden.

Drei Tage später entdeckte ich schon die ersten Wühlmausgänge in dem lockeren Erdreich. Da muss ich wohl ans Fallenstellen, ob mir das nun schmeckt oder nicht. Und dies inmitten der stressigsten Zeit! Jedenfalls werde ich dich über den Werdegang weiter unterrichten und dir auch Bilder zukommen lassen.

Die Buschwindröschen sind bei uns zu einem echten Thema geworden! Im letzten Jahr stockten wir gewaltig auf, was die Mengen einzelner Sorten anbelangt, welche du und deine Bekannten so schätzen. Vor einigen Jahren belegten die Anemonen lediglich einen langen Frühbeetkasten, inzwischen kam ein weiterer dazu! Ist aber auch kein Wunder, denn sie erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Modeerscheinungen erwirken auch bei Pflanzen schwankenden Absatz nach oben oder unten, oder einen kontinuierlichen, regelmäßigen Verkauf. Bei Buschwindröschen sind die Prognosen sehr gut und wir können niemals alle Kundenwünsche befriedigen. Leider erweisen uns einige wunderschöne Sorten nicht den Zuwachs, den wir uns wünschen würden! Wie bei Phlox, Taglilien oder Funkien bestehen auch hier große Sortenunterschiede, was den Zuwachs anbelangt. Manche Buschwindröschen durchziehen mit ihren Rhizomen schon innerhalb eines Jahres problemlos den vorhandenen Topf, andere hingegen zieren sich und man darf nur hoffen, dass das kleine Würzelchen auch die sehnsüchig erwartete, traumhafte Blüte im kommenden Frühjahr hervorbringt.

Unser Sortiment wächst tatsächlich noch immer! Im letzten Sommer bekam ich von einem schwedischen Liebhaber brandneue Buschwindröschen. Mal sehen, was diese versprechen! In unserem Vorgarten steht Anemone nemorosa ‘Allenii‘, eine hohe, eher hellblaue Sorte mit hervorragendem Zuwachs. Ganz ähnlich ist die alte ‘Robinsoniana‘. Beide bilden in Kürze dichte, reich blühende Anemonenhorste.

Und das krasse Gegenteil ist ‘Pink Delight‘, eine Traumsorte, deren tief gefüllte Blüten einen leichten rosa Schimmer aufweisen, die Blütenblätter besitzen grüne Spitzen. Sie wächst geradezu schleichend und sehr bescheiden, einen anderen Ausdruck habe ich dafür nicht! Nur dieser wundervollen Blüten wegen befindet sie sich bei uns noch in Kultur, wegen ihrer Langsamwüchsigkeit sollte sie eher dem Sammler vorbehalten sein. Aber auch ich zähle mich ja zu den Sammlern, so wie du höchstwahrscheinlich auch! Angefangen hatte dies bei Regensburg, ich war kaum selbständig, bei einem Besuch bei meinen lieben Berufskollegen Ingrid und Horst Bäuerlein in Bad Abbach. Sie hatten eine Handvoll Buschwindröschen in Kultur, die ich mir mitnahm, dies war der Grundstock einer lang andauernden Sammeltätigkeit! Mit den Jahren wuchs das Sortiment fast schon automatisch an, ich ließ mir Sorten von allen möglichen Gärtnereien schicken, ich tauschte mit Bekannten im Baltikum oder England, etliche Privatleute überließen mir ihre „Findlinge“. Inzwischen besitzen wir wohl eine der größten, kommerziellen Sammlungen weltweit.

Und Ingrid und Horst? Lange war es her, aber bei einem Besuch bei mir gierten sie nach meinen Schneeglöckchen, ich hatte damals gerade mal 30 Sorten. Ich grub sie für meine Freunde aus, nichtsahnend, dass dieser Vorgang bei den beiden einen Virus ohnegleichen auslöste. Inzwischen zählen sie zu den Spitzenreitern im deutschsprachigen Raum, was Galanthus anbelangt. So tendierten die Interessen durch Initialzündungen in unterschiedliche Richtungen.

Das war es auch schon wieder, ansonsten gibt es nicht viel Neues zu berichten. Mai und Juni sind die schönsten Monate, ich freue mich schon total auf diese Jahreszeit!

Ich wünsche dir weiterhin alles Gute und genieße dein grünes Reich, es kann dir niemand wegnehmen!

Dein Staudengärtner Sarastro