Newsletter VII/2022 

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Hier in unserer Region herrscht seit Wochen ein unbändiges Wachswetter vor. Starke Gewitter wechseln sich mit schwülen Hitzetagen ab. Und wir durften auch wieder einmal erfahren, was Hagel bedeutet, obgleich wir mit einem blauen Auge davongekommen sind. Es fielen Unmengen an kleinen Körnern vom Himmel, unsere Schattiernetze hingen vor Schwere durch. Die Funkien- und Phloxblätter waren leicht aufgeschlitzt, eine der historischen Frühbeetscheiben wurde 10 Meter weiter verfrachtet und fand sich in Tausend Scherben inmitten unseres Spaltengartens wieder. Ansonsten nichts. Ach ja, eine Menge unserer Etiketten wurden schlichtweg in Fragmente zerfetzt, all jene, die schon älter waren. Also insgesamt keinerlei Vergleich zu den verheerenden Auswirkungen, die anderswo niedergingen. Ich erinnere nur an die Bilder von Katrin Lugerbauer, die mit ihrer Familie nahe Gmunden wohnt, deren Garten letztes Jahr nahezu vernichtet wurde.

Hier ein Garten der Harmonie!

Ich wurde vor zwei Wochen nach Tschechien eingeladen, um über Staudenverwendung im Zeichen des Klimawandels zu referieren, aber auch über Neuheitentrends auf dem Staudensektor. Beides ziemlich anspruchsvolle Themen, über die sich nicht nur jeweils eine Stunde plaudern lässt, sondern man sich darüber durchaus auch tagelang auslassen kann! Das anwesende Publikum von 160 Leuten war äußerst interessiert und bestand zum großen Teil aus Staudenproduzenten, sowie Planern und Gartengestaltern. Tschechien, wie auch Polen und das Baltikum machten in den letzten Jahren enorme Fortschritte in fast allen Bereichen des Gartenbaus. Und Tschechien ist ja bekannterweise Weltmeister im Bauen von Steingärten und im Kultivieren von alpinen Schätzen aus aller Welt, übrigens dies immer schon! Leider ist diese alte Tradition der Steingärten in Österreich etwas unter die Räder gekommen, denn in der K.u.K.- Monarchie hatte dies im gesamten Land große Tradition. Jjüngere Pflanzenfans wenden sich bei uns heutzutage lieber der ökologischen Pflanzenverwendung zu, obgleich das Eine das Andere nicht ausschließt. Ich bin ein großer Anhänger naturalistisch anmutender Staudenverwendung, wenngleich mir der Traditionalismus nach wie vor den Adrenalinspiegel steigen lässt!

Wo wir schon bei unserem neuen Schaugartenteil angelangt sind. Durch das passende, feuchte Wetter und der optimalen Bodenvorbereitung hat sich ein geradezu exaltiertes Wachstum eingestellt. Erst vor wenigen Wochen mit der Bepflanzung der Beete begonnen präsentieren sie sich fast schon wie eingewachsen, die Besucher sind erstaunt und begeistern sich zusehends. So richtig üppig zeigen sich die riesengroßen Beete erst in den kommenden Jahren. Unkraut (nenn es von mir aus Beikraut oder Wildkraut) kann zu einem ernsten Problem werden, wenn du nicht rechtzeitig eingreifst. Du musst es noch vor dem Absamen ausrupfen. Bitte hacke deine neu angelegten Beete niemals durch, dies kannst du in deinem Gemüsegarten machen, sondern zupfe alles Unerwünschte oder steche alle ausdauernde Wurzelunkräuter aus, falls noch welche vorhanden sind. Dadurch verhinderst du die Störung der obersten Bodenschicht, da auf diese Weise nur wenig neuen Unkräuter mehr nachwachsen. Durch den flächendeckenden Wuchs vieler deiner Stauden und natürlich die Artenvielfalt, gekoppelt mit Blütenhöhepunkte im Jahr entsteht ganz genau das, was einst Karl Foerster als „Staudengarten für intelligente Faule“ genannt hat.

Heute möchte ich allerdings unseren Rundbrief zum Anlass nehmen, dir über Doldenblütler vorzuschwärmen. Bekanntschaft mit ihnen machte ich schon als Teenager, als ich damals ein Exemplar des Riesenbärenklaus in einer namhaften Staudengärtnerei erwarb. Ansonsten waren diese „Bärentatzen“ in den späten 70-er-Jahren in den Gärten in Staudenbeeten eher selten. Besagter Riesenbärenklau (Heracleum mantegazzianum) kam als loser Wurzelstrunk im Paket bei uns an. Ich setzte diesen ornamentalen Knaben an einen Teichrand, bot ihm aber ausreichend Platz zur Entwicklung, die er in den kommenden zwei Jahren auch brutal ausnützte. Zur Blütezeit war er eine Augenweide sondergleichen, kaum ein anderer Doldenblütler übertrifft ihn an Imposanz. Bis mein Vater beim Rasenmähen mit seinen Oberarmen an ihm anstreifte, er wusste damals nicht über die phototoxische Reaktion Bescheid, denn nur Sonnenschein führt zu Schädigungen der Haut. Die Pigmentschäden unter der Haut seiner Oberarme blieben bei ihm über 25 Jahre sichtbar. Aufgrund der wachsenden Fälle der Hautschäden wurde das Anpflanzen vom Riesenbärenklau schließlich verboten.

Aber auch meine langjährige Angestellte Gerlinde traf es ziemlich hart, wenngleich von einem anderen Doldenblütler, den wir in Kultur hatten, welcher normalerweise keine allergischen Reaktionen hervorruft. Diesmal war der Übeltäter unter den Engelwurzen auszumachen! Die Arme bekam lauter Pusteln, die sich erst nach Tagen zurückbildeten, jedoch keine sichtbaren Schäden hinterließen.

Doldenblütler (Apiaceae) ganz allgemein geben sich jedoch weit harmloser als die vorangegangenen, abschreckenden Beipiele, sie sind durch ihre besonderen Erscheinungsbilder, sowie als willkommene Insektenmagneten sogar modern geworden! Einige findige Pflanzplaner beziehen verstärkt Dolden in ihre Staudenbeete mit ein, ob als Einjährige, Bienne oder ausdauernde Pflanzen. Wir befinden uns sogar in der komfortablen Lage, für jeden Lebensbereich die passenden „Doldies“ auszusuchen.

Als ich mich in Österreich sesshaft machte, besuchte ich ziemlich bald einmal den bekannten Alpengarten am Oberen Belvedere in Wien, welcher einer der ältesten Alpengarten ist. Ich machte damals Bekanntschaft mit Robert Klaus, der diesen damals leitete. In Fachkreisen innerhalb der Österreichischen Gartenbau-Gesellschaft (ÖGG) wurde Herr Klaus liebevoll „Bobby“ genannt, ein Bärenklau (Acanthus) wurde nach ihm benannt, mir ist diese Auslese leider noch nicht über den Weg gelaufen, würde sie aber liebend gerne ins Sortiment aufnehmen, allein ihm zu Ehren, weil er so ein großartiger Kenner der alten Generation war! Damals entdeckte ich im dortigen Alpengarten einen sehr bizarren Doldenblütler mit grauen Blättern und Zickzack-Stängeln, mit dem Namen Seseli gummiferum, einer Silge aus der Türkei. Er gefiel mir so gut, dass ich mir im darauffolgenden Winter von Robert Klaus eine Portion Samen erbat und diese Silge in Kultur nahm. Jahre später schickte ich eine Portion meinem langjährigen Freund Georg Uebelhart, welcher Geschäftsführer von Jelitto Staudensamen ist, einem seit längerem weltbekannten Unternehmen, das eine enorme Auswahl an Staudensamen vertreibt. Seither ist die Graue Silge (Seseli gummiferum) verbreitet, aber immer noch viel zu wenig bekannt.

Anfang der 90er-Jahre besuchte ich die Floriade in Holland und entdeckte einen weiteren Doldenblütler, der mir angenehm auffiel. In einem gemeinsamen Beitrag der Traditionellen Staudengärtner sah ich erstmalig Cortia (Selinum) wallichianum, die Himalayasilge. Im Gegensatz zu vielen anderen Doldenblütlern ist sie nicht zweijährig, sondern ausdauernd. Sie verlangt einen humosen Boden, möglichst im Halbschatten. Sie war mit Helenium vergemeinschaftet, ein Beispiel verspielter Pflanzenverwendung, die mir damals imponierte. Auch in Österreich hat sich inzwischen die Himalaya-Silge gut etabliert, aber trockene, heiße Sommer steckt sie nicht sehr gut weg, man gebe ihr deswegen eher einen kühlen Platz, der auch im Schlagschatten von Gehölzen und Riesengräsern liegen darf.

Wir haben in den letzten Jahren unser Sortiment an Doldenblütlern gewaltig aufgestockt! Viele unbekannte Arten und Auslesen sind hinzugekommen. Vielleicht möchtest du diese in deiner Umgebung einmal ausprobieren? Spannend sind nur zwei Dinge, nämlich die Dauerhaftigkeit und deren Dominanz in deinem Garten! Die Gattungen Angelica, Peucedanum, Laserpitium oder Orlaya versprechen vieles, zumindest ergeben sie naturalistische Effekte.

Einer meiner besten Freunde und Berufskollegen schließt ab Anfang Juli dieses Jahres für immer seine Pforten! Ewald Hügin pachtete seine Gärtnerei vor über 30 Jahren inmitten von Freiburg im Breisgau. Sein Pachtvertrag läuft aus, aber er sucht nun nach einer kleineren Bleibe, denn er wird als echter Staudengärtner wohl niemals ganz aufhören wollen. Wir feiern am kommenden Wochenende in Freiburg, wenngleich dies wohl kein Grund zum Feiern ist. Denn seine Gärtnerei stand wie kaum eine andere für Innovation, was Pflanzenneuheiten anbelangt. Nicht nur am Staudensektor hat sich Ewald einen guten Namen geschaffen, sondern er hatte auch immer seltene und exquisite Neuheiten an Einjährigen in Kultur. Die Gärtnerei hatte einen für mich erfrischenden, altmodischen Touch, wenngleich man höllisch aufpassen musste, dass man sich nicht seinen Kopf an ominösen Lüftungsgestänge anschlug. Was schenkt man einem langjährigen Freund zum Abschied seiner Gärtnerei. Eulen nach Athen tragen? Das handhabten wir seit vielen Jahren sowieso. Ich denke, was ein Staudengärtner am wenigsten für sich aufbringt, ist Zeit für sich selbst. Und so plane ich ein verlängertes Wochenende irgendwo im Süden oder Westen, wo auch immer, auf meine Kosten. Wann dies sein wird? Keine Ahnung, es wird mir jedenfalls auch guttun.

Im Juli erwarte ich dich in Form von einigen Busexkursionen, worauf ich mich immer sehr freue, denn dies macht Laune, sich stets auf neue Gartenfreunde einzustellen und sich dabei gegenseitig zu begeistern. Ich möchte das Führen von Gruppen in den kommenden Jahren eher noch forcieren, denn die neuen Beete werden immer prächtiger, wenn sie mal eingewachsen sind und so sollten sie als Vorzeigeobjekte fungieren.

Anfang August halte ich einen Vortrag anlässlich des Pagelssymposiums, mal sehen, was mir dazu einfällt. Leicht mache ich es mir sicher nicht, denn Pagels war einer unserer herausragenden Staudenzüchter der jüngeren Zeit. Ich versuche mal den Spagat zwischen gestern und heute, aber auch in Richtung Jugend, die falsch verstandene Romantik des Staudengärtnerdaseins besser zu begreifen und dass unser Beruf trotzdem der schönste auf der Welt ist.

Auch in den letzten Juniwochen hattest du noch deine Bestellungen an uns aufgegeben, was uns sehr freute. Bitte habe Verständnis dafür, dass wir nun den Versand bis zum 10. September einstellen. Natürlich kannst du weiterhin Bestellungen tätigen, sei es für den Herbst oder falls du deine Pflanzen abholen möchtest.

Ansonsten sind wir am Vermehren und Topfen, sowie die Quartiere am Sauberhalten, jahraus und jahrein derselbe immer wiederkehrende Rhythmus, den ich über alles liebe!

Ich wünsche dir einen geruhsamen Sommer, genieße deinen Garten in vollen Zügen.

Dein Staudengärtner Sarastro