Newsletter Weihnachten 2018

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Dieses Mal schreibe ich dir noch vor Weihnachten, da ich über den Jahreswechsel bei einem mir sehr wichtigen Familientreffen bin. Schließlich möchte ich dir doch auch rechtzeitig Frohe Weihnachten und alles Gute für das Neue Jahr wünschen. Möge deine kühnsten Gartenträume in naher Zukunft in Erfüllung gehen!

Die letzten Vorbereitungen des Einwinterns wurden in der Staudengärtnerei bereits getroffen. Der Tiefbrunnen wurde winterfest gemacht, die Schläuche eingerollt, die Heizung überprüft, die vielen Kästen mit den nässeempfindlichen Stauden wurden wie zu alten Zeiten mit Frühbeetfenstern abgedeckt. Dies ist für viele im Topf empfindliche Stauden immer noch die beste Form des Schutzes. Die Vliesabdeckung spare ich mir bis ganz zum Schluss, hier sollte schon Dauerfrost eingesetzt haben, denn erst dann ist der richtige Zeitpunkt für diese notwendige Arbeit gekommen. Deckt man zu früh ab, verweichlichen die Stauden unter dem Vlies, ganz besonders während eines milden Winters und sind dann bei Eintritt von strengem Kahlfrost noch anfälliger.

Kein Winterbild, sondern Sommeridylle vor unserem Gewächshaus!

Worüber ich dir eigentlich noch nie schrieb, ist über die Praxis des Aussähens von Stauden. Wie du sicher weißt, werden rund 90 % der Stauden unseres Sortimentes durch Stockteilung, über Stecklinge oder Wurzelschnittlinge vermehrt. Der Gärtner nennt das die vegetative Vermehrung. Dies ist notwendig, nur auf diese Weise erzielen wir sortenreine und homogene Bestände. Und nur über Stecklinge vermehrte Salvia nemorosa ‘Blauhügel‘ bekommst du auch die wirklich die echte Sorte, um nur ein Beispiel zu nennen! Über die Aussaat, also die generative Vermehrung werden ausschließlich reine Arten vermehrt, welche mehr oder weniger reinerbige Nachkommen besitzen. Beispiele wären alle Wildarten der Königskerzen (Verbascum), die Spornblume (Centranthus), viele der Doldenblütler oder auch durchzüchtete Samenrassen (Strains) der Primeln und Lenzrosen (Helleborus). Natürlich lassen sich viele Wildarten auch durch Teilung vermehren, besonders wenn es sich um hervorragende Auslesen handelt. Dies muss der Staudengärtner selbst entscheiden, welche Methode für ihn sinnvoll und wichtig erscheint. Durchzüchtete Samenstrains besitzen sicherlich ebenfalls große Vorteile, da sich hier die Produktionskosten minimieren lassen. Die Vorzüge einer vegetativen Vermehrung ist aber dennoch nicht von der Hand zu weisen und ich kenne genügend Kollegen, die mit eher geringschätziger Verachtung auf alle Samensorten blicken.

Matthiolis Augenwurz kann nur durch Aussaat vermehrt werden: Athamantha turbith var. haynaldii Dies ist ein Publikumsliebling unter den Doldenblütlern, noch dazu sehr ausdauernd.

Das Aussäen ganz allgemein ist eine Wissenschaft für sich. Mir liegt sie nicht besonders, was nicht heißen soll, dass ich zu früheren Zeiten diese Technik des Säens und anschließenden Pikierens nicht auch gerne getan hatte. Mir war es jedoch lieber, mit dem Stecklingsauge unterwegs zu sein, hier den richtigen Vermehrungszeitpunkt herauszukitzeln oder einen dicken Horst irgendeiner Rarität vor sich liegen zu haben, mit dem Gedanken, wie viel Stück da wohl herauskommen werden?

Samen kannst du entweder bei seriösen Firmen bestellen oder du nimmst an der Samentauschaktion der Gesellschaft der Staudenfreunde (GdS) teil. Bei dieser Gesellschaft bin ich übrigens bereits seit 1978 Mitglied, es lohnt sich! Es gibt aber auch noch andere Möglichkeiten, wo du an interessante Staudensämereien gelangst, beispielsweise der Nordamerikanische Steingartenclub oder die Royal Horticulture Society. Solltest du auf die Idee kommen, die oben erwähnte Salvia nemorosa ‘Blauhügel‘ Samen zu ernten und auszusähen, so muss ich dich enttäuschen. Dies solltest du auf keinen Fall tun, es sei denn, du hast züchterische Absichten oder dir ist das Resultat der Nachkommen egal. Das Ergebnis wird eine Prachtmischung lilablassblauer Individuen sein, welche unter Umständen nicht standfest sind und längst nicht mehr die Vorzüge der Ausgangssorte besitzen. Du kannst aber trotzdem mit vieler deiner Stauden Aussaatexperimente machen, es lohnt sich immer. Und du bist immer auf der richtigen Seite, wenn du frischen Samen erntest, diesen in einer Papiertüte aufbewahrst und noch im selben Jahr aussäst. Die Keimquote ist so am höchsten.

Salvia nemorosa ‘Blauhügel‘, nebst Alchemilla epipsila, einem gartenwürdigen Frauenmantel, der sich kaum aussät!

Eine der letzten Arbeiten in unserer Staudengärtnerei ist das Aussäen der Kaltkeimer. Du hast sicher schon davon gehört, dass etliche durch Aussaat zu vermehrende Stauden eine längere Kälteperiode erfahren müssen, um gleichmäßig zu keimen. Früher wurden diese fälschlicherweise auch Frostkeimer genannt. Richtigen Frost benötigen jedoch die wenigsten Samen, strenggenommen nur einige Vertreter der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae). Wenn du also Eisenhut durch Aussaat vermehren möchtest, hättest du einen durchschlagend positiven Effekt, wenn deine Aussaatgefäße so richtig einfrieren. Allen Kaltkeimer hingegen ist Frost mehr oder minder egal, hier ist es wichtig, dass sie eine längere Kälteperiode von einigen Wochen durchmachen, um gleichmäßig zu keimen. Falls du erst im Neuen Jahr aussähst, ist jeder Tag kostbar! Je weiter die Wochen fortschreiten, so schlechter wird das Resultat. Mancher Samen wie solche der Adonisröschen besitzen eine nur sehr kurze Keimkraft und müssen sofort nach der Ernte ausgesät werden, Samen anderer Stauden behalten ihre Keimkraft dagegen über viele Jahre ohne Probleme. Bei manchen Samen müssen zusätzliche Tricks angewendet werden, um sie zum Keimen zu bringen. So werden dickschalige Samen zwischen zwei Brettchen und einer Schicht Sand gerieben, um auf diese Weise eine harte Schale aufzuweichen. Oder man legt diese in feuchten Sand, oder unterzieht sie einer Heißwasserbehandlung. Stratifikation nennt der Fachmann das.

Du wirst dich sicher fragen, welche Aussaaterde wohl die beste ist. Merke dir: fein, durchlässig, sandig, nährstoffarm. Du kannst in Töpfe säen, aber auch in Schalen oder Holzkisten. Das Aussäen selber erfordert etwas Übung und Fingerspitzengefühl, ganz besonders, wenn es sich um sehr feinen Samen handelt. Du kennst sicher die Eisbegonien, die früher in Beete in Parks und Barockgärten gepflanzt wurden und heutzutage noch stets auf Friedhöfen Verwendung finden, als gäbe es gar nichts anderes. Diese Eisbegonien haben neben Farnsporen, Orchideensamen oder Samen von Hauswurz (Sempervivum) den feinsten Samen aller Kulturpflanzen. Etwas gröber sind die Samen vieler Glockenblumen. Ich falte mir zur Aussaat eine flaches Stück Papier, das nach hinten einen Falz aufweist, ähnlich der Papierflieger aus der Kindheit. Auf dieses Stück Papier streut man besonders alle feinen Samen und dann schwingt man leicht hin und her und verteilt so den Samen auf dem Aussaatgefäß. Wenn du Übung hast, dann kannst du versuchen, auch mit der Hand auszusähen. Ganz feiner Samen wird anschließend nicht mit Erde abgedeckt, was normalerweise mit einem Sieb geschieht. Je gröber der Samen jeoch ist, desto wichtiger ist das Absieben des Samens mit feinem Aussaatsubstrat. Die Töpfe und Schalen wandern danach in einen Frühbeetkasten und werden erst dort ganz leicht angegossen.

Pass in weiterer Folge unbedingt auch hier auf die Schnecken auf! In den Wintermonaten achte aber insbesonders auf Mäusefraß. Ich kann dir ein leidenvolles Lied davon singen! Manche Samen sind geradezu Mäusemagneten! Besonders gefährdet sind die länglichen Samen der Federgräser (Stipa). Und halte deine Aussaaten stets gleichmäßig feucht, niemals aber lasse sie vollkommen austrocknen!

Mit dem Aufkommen von Wärme und zunehmendem Licht keimen die Samen ganz unterschiedlich. Das ist alles sehr spannend anzusehen, wann wovon wieviel keimt! Im Laufe des Frühlings müssen viele der zarten Jungpflanzen pikiert werden. Pikieren heißt vereinzeln. Ein Gefiesel ohnegleichen! Aber auf diese Weise können sich die Pflänzchen stärken und erdrücken sich nicht gegenseitig. Leider fällt diese Pikieraktion meistens in eine Zeit, wo wir mit Arbeit überreich eingedeckt sind. Pikieren ist ein Geduldsspiel und erfordert große Fingerfertigkeit, was nicht jedermanns Sache ist. Für deinen Hausgebrauch empfiehlt es sich, wenn du die Jungpflanzen büschelweise in viele Töpfe pikierst. In meiner Lehrzeit war ich der Rekordhalter im Pikieren, was man jetzt nicht mehr behaupten kann!

Leider schoss ich in den letzten Jahren noch nie ein Bild der Keimphase und dem anschließenden Werden und Wachsen. Aber probiere alles selbst aus, diese Technik der Aussaat ist eines der großen, natürlichen Vorgänge, immer spannend und vielversprechend und längst kein Geheimnis mehr. Es erfordert nur eines: Erfahrung und Fingerspitzengefühl.

Wenn der Winter so bleibt, wie er sich momentan gestaltet, ruht der Garten und natürlich auch die Gartenarbeit. An schönen Wintertagen, wenn gerade mal kein Dauerfrost angesagt ist, steche ich gerne die Kanten unserer Schaubeete sauber ab. Du kannst dies entweder mit einem gewöhnlichen Spaten oder einem eigens dafür vorgesehenem Kantenstecker bewerkstelligen. An einer meiner letzten Englandreisen hatte ich mir dieses Gerät besorgt, doch ziehe ich trotzdem den Spaten vor. Wenn man ein Handwerk beherrscht, warum sollte man sich wieder umstellen? Du kannst deine Rasenkanten aber auch zu einem späteren Zeitpunkt mit der Motorsense sauber abmähen. Hierzu spanne den Faden ein und halte ziemlich tief nach unten, dass der Faden die Kante regelrecht zu einem runden Bug abfräst. Auch hier macht erst die Übung den Meister. Das Resultat lässt sich sehen, allerdings solltest du es mehrmals im Jahr wiederholen. Du kennst meine Einstellung: ein regelmäßig geschnittener Rasen mit deutlichen Kanten und getrimmte Hecken verzeihen manche Nachlässigkeit im Staudenbeet! Verspieltes versus Strictus, Schlampigkeit gegenüber allzu Akuratem? Diese Kontraste macht erst den Reiz des Gartens aus.

Hast du schon Reiseziele für das kommende Jahr? Ich überlege, im Sommer wieder einmal meine russischen Phloxfreunde und ihre fantastischen Ausstellungen aufzusuchen. Und in die Bergwelt Albaniens reisen, das wäre ebenfalls eine meiner vorrangigen Reiseziele. Aber momentan bin ich noch etwas unschlüssig. Wünsche hätte man noch eine ganze Menge! Aber schließlich muss ich mich nach dem Wetter und den anfallenden Arbeiten in unserer Gärtnerei richten. Ein wenig Umgestaltung einiger Bereiche tut auch not, mir schwebt beispielsweise ein neuer Trockenmauerwall vor. Auch ist eines der Ziegelrondells brüchig geworden und sollte neu aufgesetzt werden.

Der Webshop wurde von mir in einer Megaarbeit über den Herbst immer wieder aktualisiert, eine Menge an Bildern wurden zusätzlich zum Altbestand eingestellt. Fernziel dieses Unterfangens ist es, dir bei den einzelnen Gattungen zumindest eine Macroaufnahme, eine „Ganzkörperaufnahme“ und ein verwendungsbezogenes Bild zu zeigen. Du machst dir keine Vorstellungen, wieviel Zeit dieser Onlineshop verschlingt! Außerdem habe ich ganz nebenbei etliche Textpassagen erneuert und umgeschrieben. Denn du sollst ja auch so manche der Geschichten rund um einzelne Staudensorten erfahren, die du vielleicht noch nicht kennst.

Auch unser Veranstaltungskalender wurde bereits auf den neuesten Stand gebracht, du kannst also jederzeit ersehen, wo wir uns treffen können. Es sind übrigens nicht nur Gartentage auswärts angeführt, sondern auch interne Events. Dazu werden Busexkursionen immer beliebter! Ich schrieb dir ja schon darüber. Es macht Spaß, einen Haufen Gleichgesinnter durch die Gärtnerei zu führen, diese oder jene Anekdote zu erzählen und einige Beispielspflanzungen im Schaugarten zu verdeutlichen. Im vergangenen Jahr verging kaum eine Woche, wo nicht ein Bus unsere Staudengärtnerei ansteuerte. Auf unserer Website findest du alles weitere, ich bin dir auch gerne beim Zusammenstellen einer Gartentour aus fachlicher Hinsicht behilflich! Denn in der näheren und weiteren Umgebung im Innviertel, dem Salzkammergut und in Niederbayern gibt es eine Menge wunderschöner Gärten zu sehen, ganz abgesehen von Wien, Niederösterreich und der Steiermark.

So bleibt mir nur übrig, dir nochmals alles Gute für das kommende Jahr zu wünschen. Und das Wichtigste zum Schluss, diesmal aber auf alemannisch: bliib xund!

Dein Staudengärtner Sarastro!

Iran 2015, unterwegs in den Hyrcanischen Regenwäldern am Kaspischen Meer

Christian H. Kreß und Mitarbeiter