Newsletter IX/2011 (Phloxausstellung in St. Petersburg)

Liebe Staudenfee, lieber Staudengnom!

„Go West“ – so hieß anscheinend die Devise, übrigens heutzutage genauso wie früher unter reisefreudigen Zeitgenossen mit Liebe zur Gartenkultur. Auch unter Staudengärtner waren zunächst klassische Gartenländer wie England, Frankreich, Deutschland und Holland erstrebenswerte Reiseziele,  um beispielsweise neue Produktionsmethoden oder andersartige Pflanzenverwendung kennen zu lernen. Oder um Kontakte zu knüpfen und dabei schlicht und einfach Gartenkultur pur zu genießen, wahrlich ein Fass ohne Boden! Als Staudengärtner hatte ich mir das Foerstersche Motto „Reise doch – bleibe doch“ immer schon sehr ans Herz gelegt.

Der Osten Europas blieb uns dagegen lange Zeit leider sehr verschlossen, obgleich sich gerade dort mit den Jahren eine eigene, ganz besondere Welt der Pflanzenliebhaberei entwickelte. Die alpinen Gärtner Tschechiens erlangten mit ihren Steingärten und Sammlungen inzwischen Weltberühmtheit, im Osten Deutschlands befinden sich noch immer zahlreiche Pflanzensammlungen, die beeindruckenden Parks und Arboreten Polens und einige Irissammler in Ungarn waren uns schon teilweise vor der Öffnung mehr oder minder vertraut, selbst bis nach China zog es botanisch ambitionierte Gärtner und Gartengestalter. Was sich aber hinter den russischen Kulissen abspielte, das konnten wir bestenfalls erahnen! Anfang August reisten wir zu zweit in Richtung St.Petersburg und seine Umgebung, nicht nur, um diese fabelhafte Stadt zu Fuß oder mit der Metro zu bewundern, sondern auch um prächtige Gärten aus der Zarenzeit zu besichtigen – und um Pflanzenliebhaber zu treffen. Der ganz große Höhepunkt aber war für mich eine fantastische Phloxausstellung!

Phlox Verkaufsstände in St. Petersburg

...St.Petersburger Metro kamen mir scharenweise Phlox schleppende Gartler entgegen!

Phlox Verkaufsstände in St. Petersburg

Die Verkaufsstände vor dem Gebäude. Schon bei der Hinfahrt in der...

Wie du sicher weißt, gedeiht unser Hoher Staudenphlox besonders gut in kühleren Gefilden mit guten Böden. Bauerngärten der Alpentäler mit ihren beneidenswert dick gefütterten Phloxhorsten lassen grüßen. Aber auch in nordischen und osteuropäischen Gefilden finden wir fast immer gute bis sehr gute, frische Böden vor, verbunden mit kühlen Nächten. Und so wurde der Phlox besonders in Russland zu einer Art nationalen Gartenblume auserkoren und hat sich mit der Zeit eine nicht unbeträchtliche Position in den Gärten erobert. Man kann Phlox besonders in Landgärten außerhalb von St. Petersburg, aber auch in Öffentlichen Parks und Anlagen allen Orts entdecken.

Phlox in St. Petersburg

Und hier der große Saal mit den vielen Sorten. Rund zwei Drittel davon waren russischer Herkunft. An den Wänden konnte man den Werdegang der allgemeinen Phloxzüchtung verfolgen.

Die Phloxausstellung fand in einem historischen Gebäude des St. Petersburger Botanischen Gartens statt, in erster Linie für interessierte Hobbygärtner. Die Initiatorin dieser Ausstellung, Svetlana Voronina, war vor 2 Jahren hier bei uns zu Besuch in der Gärtnerei und erzählte mir von ihrer dortigen Ausstellung. Dann schickte sie wenig später einige Bilder. Ich war dermaßen überrascht und angetan, so etwas musste ein Staudengärtner einfach gesehen haben! So machten wir uns in diesem Sommer endlich „auf die Socken“. Und es hat sich in jeder Hinsicht gelohnt, ich kann dir eine Fahrt in diesen äußersten Nordosten Europas wirklich nur wärmstens empfehlen! Wir hatten alles auf eigene Faust unternommen, so lernst du Land und Leute am besten kennen. Und voll positiver Eindrücke und Begegnungen kehrten wir zurück, wohlwissend, dass dies sicher nicht das letzte Mal Russland war. Allerdings hat mir Svetlana kürzlich mitgeteilt, dass dies wohl die letzte Ausstellung an diesem Ort sein wird, das Gebäude würde saniert.

Seit über 70 Jahren wurden nachweislich in Russland erfolgreich Phloxe gezüchtet und vermehrt, einige berühmte Sorten wie ‘Uspech‘ oder ‘Kesselring‘ haben es sogar bis zu uns geschafft. In meinem Bücherschrank befindet sich sogar ein antiquarisches Buch des auch bei uns bekannten russischen Phloxzüchters Gaganov, mit einem Vorwort von Karl Foerster! Auffallend sind die Farben der dortigen Sorten, auch die Blütengrößen und Rispenproportionen der einzelnen Sorten schwanken ganz erheblich. Im großen Saal des Botanischen Gartens wurden rund 220 Sorten in Vasen gezeigt, neue und neueste einheimische Selektionen, aber auch ältere russische, englische, französische und deutsche Herkünfte, darunter sogar einige inzwischen bei uns verschollene, historische Sorten.

Phlox in St. Petersburg

...ausgewählt und später unten am Gebäude gekauft.

Phlox Ausstellung in St. Petersburg

es wurde fotografiert, notiert, verglichen, diskutiert,...

Darüber hinaus konnten die Besucher ihren Favoriten küren. Auf einem separaten Tisch standen etwa 30 nummerierte Neuheiten. Eine Fachkommission wählte hiervon die besten Drei aus. Ich bekam sogar vor Ausstellungseröffnung eine private Führung von Svetlana, welche mit ihren unglaublichen Detailkenntnissen jede einzelne Sorte beurteilte und mir überdies Gelegenheit gab, meine Meinung zur jeweiligen Sorte zum Besten zu geben. So hatten wir gemeinsam sehr viel Freude an dieser so ungewöhnlichen Ausstellung. Bewundernswert, mit wie viel Engagement und Liebe hier eine geballte Menge an Phlox auch floristisch in Gestecken und Bodenvasen verarbeitet wurde!

Während bei uns auf dem Land die Gartenbesitzer meist „Schreifarben“ bevorzugen, scheinen die Russen wohl eher die rauchigen, pastellfarbigen Sorten wie ‘Anna Karenina‘, ‘Dracon‘ und ähnliche zu lieben, aber auch ich war über dieses für uns so ungewöhnliche Farbspektrum restlos begeistert! Überrascht hat mich übrigens auch der überaus große Besucherandrang, – „nur“ wegen einem Saal voll von Vasen mit Phlox oder vielleicht gerade deswegen? Und es wurde an den Ständen wie wild gekauft, die drei Gärtnereien mussten für die beiden Tage Nachschub von weither holen!

Hier kannst du jetzt einen kleinen Teil der russischen Phloxseele erahnen:

Bitte frage mich nicht nach diesen Phloxen, es ist sehr schwer, Pflanzen aus Russland zu importieren. Vermutlich wird es Jahre dauern, bevor die eine oder andere Sorte überhaupt in größerem Umfang erhältlich ist!

Svetlana Voronina und Andreij Vladimirovitsch

Svetlana Voronina und Andreij Vladimirovitsch

Phlox in St. Petersburg

Phlox in St. Petersburg

Botanischer Garten in St. Petersburg mit Tropenhaus im viktorianischen Stil

Botanischer Garten in St. Petersburg mit Tropenhaus im viktorianischen Stil

Und hier siehst du die Initiatorin der Ausstellung, Frau Svetlana Voronina, daneben den
Obmann der russischen Taglilienliebhaber, Herrn Andrej Vladimirovitsch.

Auch im städtischen Umfeld bekam ich an vielen Stellen sehr gesunden Phlox zu Gesicht. Im Botanischen Garten beeindruckte vor allem auch das große Tropenhaus im viktorianischen Stil. Auch davor waren Flammenblumen in allerlei Beeten zu bewundern.

In der Gärtnerei tut sich zur Zeit nicht viel. Immer wieder versuchen sich Löwenzahn, Weidenröschen und einjähriges Rispengras breit zu machen, aber wir geben ihnen nur wenig Chance. Im Übrigen vermehre ich in dieser Zeit unser Anemone-nemorosa-Sortiment. Eine Riesenaufgabe! Aber es war im letzten Frühjahr unser bester Artikel und dies verpflichtet schließlich. Warum haben wir nur keine gesonderte Fläche, um dir einmal die ganze Vielfalt der Buschwindröschen ausgepflanzt zu zeigen? Sicher sind auch hier einige Sorten entbehrlich, andere entpuppen sich über die Jahre als besonders gartenwürdig.

Maikammer war richtig heiß. Trotzdem konnte ich eine Menge an Freunden wie dich antreffen. Die nächste Ausstellung, zu der ich fahre, ist nach Holland zu  Hans Kramer (Kwekerij „De Hessenhof“) bei Ede. Wir kennen uns schon sehr lange und tauschen untereinander Neuheiten und eigene Selektionen aus. Er feiert am 3. und 4. September sein 30-jähriges Betriebsjubiläum und hat dazu mich und rund zehn andere Freunde aus Frankreich, England, Holland, Deutschland und Schweden mit ihren Sortimenten eingeladen. So wirst du dort eine wohl einmalige Fülle an winterharten Gartenstauden aller Art vorfinden und natürlich auch kaufen können! Nach Holland zu fahren ist zwar auch nicht der kürzeste Weg, aber ein intensiver Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten, von dem ich wohl lange zehren werde.

Im fränkischen Weingartsgreuth wird für mich in diesem Jahr die letzte Veranstaltung in Deutschland stattfinden. Ich freue mich wieder sehr auf die dortige „Faszination Garten“. Es ist gleichzeitig eine Art Jahresabschlussfest unter unserem „Wanderzirkus“. Und dort werde ich wieder einmal mit einer großen Fülle unserer Astern auffahren. Aster ist bekanntlich nicht gleich Aster! Ab dem 20. September bis etwa Mitte Oktober kannst du hier bei uns die ganze Pracht der Gräser und Astern bewundern. Früher hatte ich wenig für den Herbst übrig, aber heute denke ich doch anders!

Übrigens bieten wir dir ab Mitte September hier in der Gärtnerei ein kleines Blumenzwiebelsortiment für die Herbstpflanzung an, dieses Jahr zum ersten Mal!

Damit will ich es bewenden lassen und dir noch einen milden Sommerausklang wünschen!

Dein Staudenfreund Sarastro

Christian H. Kreß